Die Ostschweiz bangt um ihre Medien

PODIUM ⋅ Statt in einem lebendigen Konkurrenzkampf befinden sich die Ostschweizer Medien heute vor allem in einem Überlebenskampf. Muss die Region darum um ihre journalistische Abdeckung fürchten? Die Erfreuliche Universität lud am Dienstagabend in St.Gallen zum Podiumsgespräch zur ungewissen Lage der Ostschweizer Medien.
17. Januar 2018, 11:42
Martin Oswald
Die Debatte um die Lage der Ostschweizer Medien begann bereits eine Woche vor dem Podium im Palace St.Gallen. Die Gründer der Publikation «Die Ostschweiz», welche im April zum ersten Mal erscheinen soll, zeigten sich darüber enttäuscht, nicht zur Veranstaltung eingeladen worden zu sein. Sie schrieben auf Twitter:

So provokant die Formulierung, so berechtigt ihr Einwand. Auf dem Podium mit Vertretern von  «St.Galler Nachrichten», dem Kulturmagazin «Saiten», der «Schaffhauser AZ» und dem «St.Galler Tagbatt» zeigte sich rasch, die Neuen von «Die Ostschweiz» wären ein belebendes Element gewesen und hätten einen kritischen Blick auf das Bestehende einbringen können. Gesprächsleiter Rolf Bossart gab sich alle Mühe, die drängenden Fragen rund um die Digitalisierung der Medien zu umgehen und diskutierte mit seinen Gästen vornehmlich über Print. «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid versuchte das schiefe Bild geradezurücken: «Wir sind ja alle auch Online-Medien.»

 
«So schön die Haptik von Papier ist, die Medienwelt verändert sich dramatisch»
- Stefan Schmid

 
«Die Zeit der gedruckten Tageszeitungen wird bald vorbei sein», prognostizierte Corinne Riedener, Redaktorin beim Kulturmagazin «Saiten». Sie sprach sich dafür aus, Printzeitungen nur noch einmal in der Woche herauszugeben, das würde vollends reichen. Mit 205 Stellenprozenten in der Redaktion und einer Auflage von 6000 Exemplaren weiss sie, was es bedeutet, Kulturberichterstattung mit kleinem Budget zu machen. «Die entscheidende Frage für uns ist: Wie schaffen wir es, dass junge Menschen den Wert von Journalismus erkennen und bereit sind, dafür zu bezahlen?»

Die Zahlungsbereitschaft im Netz ist tief, die Erträge durch Aboverkäufe und Werbung aus dem Print sinken rapide. «Wir stehen vor der Herausforderung, wie wir anspruchsvollen Journalismus in der Ostschweiz mittelfristig erhalten können», so Stefan Schmid, Chefredaktor des «St.Galler Tagblatt».


Die Medienkonzentration geht weiter

Muss die Ostschweiz um ihre journalistische Abdeckung fürchten? Und wird diese Situation durch den Zusammenschluss von «St.Galler Tagblatt», «Luzerner Zeitung» und den «AZ Medien» in einem gemeinsamen Joint Venture gar noch verschärft? Stefan Schmid sieht dieses überregionale Konstrukt als Chance in turbulenten Zeiten. «Verleger Peter Wanner hat einen klaren Fokus auf regionalem Journalismus, genau wie wir auch. Wir passen gut zusammen.» Es werde wie bereits heute die Aufgabe des Tagblatts sein, sicherzustellen, dass das Geschehen in allen Teilen der Ostschweiz abgebildet werde. Gesprächsleiter Bossart nahm Schmid in die Mangel und wollte wissen, wie unabhängig dieser in seiner Berichterstattung denn überhaupt sei – zukünftig in einem Joint Venture und heute noch als Teil der NZZ-Mediengruppe: «Es ist nicht so, dass ich morgens um 8 Uhr ein Telefonat von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer mit Anweisungen bekomme. Wir vertreten manchmal auch unterschiedliche Positionen, so wie aktuell bei der No-Billag-Initiative, welche wir klar ablehnen.»

Auch Mario Stäheli von den «St.Galler Nachrichten» sah sich angesichts der neuen Besitzverhältnisse mit der Frage der Unabhängigkeit konfrontiert. «Ich habe Christoph Blocher einmal gesehen, am Tag der Übernahme, seither nie mehr.» Er habe bislang noch keine Impulse bekommen, seinen politischen Kurs in der Berichterstattung anzupassen, sagte Stäheli. Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid zeigte sich erstaunt über den hartnäckigen Verdacht der Einflussnahme: «Wir haben 140 Journalistinnen und Journalisten in der Ostschweiz. Das sind alles intelligente Menschen, die für sich in Anspruch nehmen dürfen, selber zu denken. »
140 Journalistinnen und Journalisten? Corinne Riedener, Redaktorin vom Kulturmagazin «Saiten», seufzte bei dieser Zahl.
 
«Unsere 205 Stellenprozente reichen nicht für eine grössere Recherche.»
- Corinne Riedener

 
Zwar blieben die Inserate-Erträge stabil, doch auch die Abozahlen würden seit längerer Zeit stagnieren. Man versuche sich jetzt bei Saiten vom Image des Stadtmagazins zu lösen.


Chancen für die kleinen Lokalmedien

Angesichts der wachsenden digitalen Ansprüche und des hohen Kostendrucks, sehe man sich auch beim Tagblatt gezwungen, laufend Anpassungen vorzunehmen: «Wir müssen im Lokalen vermehrt auf Qualität statt Quantität setzen», so Stefan Schmid. Die Ostschweiz sei gross und vielfältig. «Es ist nicht einfach, in diesem Raum alle Themen und Veranstaltungen abzudecken. Wir müssen vermehrt Prioritäten setzen.»

Das sieht Marlon Rusch, Co-Redaktionsleiter bei der «Schaffhauser AZ», als Chance für kleine, unabhängige Medien: Die Medienkonzentration auf nationaler Ebene hinterliessen Lücken im Lokalen: «Wo die grossen Medien nicht mehr präsent sind, springen wir Kleinen in die Bresche.» Die momentanen finanziellen Mittel würden zum Überleben ausreichen, sagte Rusch. «Wir wollen sogar noch wachsen.»


Neue Lesegewohnheiten

Die veränderte Mediennutzung zeigt sich exemplarisch an diesem Artikel. Während wir beim «St.Galler Tagblatt» auf Twitter und Instagram erste Eindrücke von diesem Podium in Echtzeit am Dienstagabend vermittelten, bekommen die Onliner-Nutzer von «Tagblatt.ch» diese Zusammenfassung am Morgen danach online zu lesen. Für die Printausgabe vom nächsten Tag reichte es nicht mehr, so erscheint dieser Artikel erst am Donnerstag auf Papier. Unterschiedliche Kanäle, unterschiedliche Publikationszeiten, neue Erwartungen der Leserinnen und Leser; das sind die grossen Herausforderungen, mit denen alle Medien heute konfrontiert sind.

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