Papa wird's schon richten

JOBSUCHE ⋅ Manchen Studenten fällt der Berufseinstieg leicht - weil sie die richtigen Leute kennen. Wer kein Netzwerk hat, tut sich schwer. Zwei HSG-Absolventen bekämpfen diese Ungleichheit mit einer Internetplattform.
04. September 2017, 06:46
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch

Papa wird’s schon richten: Das Klischee vom HSG-Studenten aus gutem Hause, der dank Vitamin B problemlos einen Job findet, hält sich hartnäckig. Ganz falsch ist es nicht: «Es gibt solche Leute an der Uni», sagt Massimo Mannino, der in St. Gallen Volkswirtschaft studiert hat. Das gelte aber nicht nur für die HSG, sondern auch für andere Hochschulen. «Manche Studenten haben Kontakte und Netzwerke, die ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Sie wissen, wie man Zugang zur gewünschten Branche findet.» Das beginne schon bei der Frage, wie man sich für ­einen bestimmten Job am besten bewirbt. «Anderen hingegen fehlt dieses Wissen», sagt Mannino. Ihm selber sei das Problem gegen Ende seines HSG-Studiums bewusst geworden. Praktische Informationen zum Berufseinstieg gebe es in den norma­- len Lehrveranstaltungen eines Universitätsstudiums nur beschränkt.

Mannino beschloss, etwas gegen diese Ungleichheit zu unternehmen: Zusammen mit Kommilitone Thomas Spycher gründete er im vergangenen Jahr die Plattform Peeradvice ( www.peeradvice.co ). Die Idee: Junge berufstätige Akademiker stellen sich gratis als Kontaktpersonen für Karrierefragen zur Verfügung – und öffnen damit ihr eigenes Netzwerk auch für andere.

Von ersten Tipps bis zum Jobangebot

Das System von Peeradvice ist simpel: Auf der Webseite sind 130 Beraterinnen und Berater aus der ganzen Schweiz aufgelistet. Nebst Vornamen und Foto sind die wichtigsten Informationen zu Ausbildung, Beruf und Auskunftsthemen der jungen Fachleute aufgeführt. Der grösste Teil arbeitet in der Finanzbranche und im Consulting, aber auch die Sparten Recht, Ingenieurswesen sowie Bildung und Forschung sind vertreten. Wer sich mit einer dieser Personen in Verbindung setzen und Fragen stellen will, kann dies über ein Formular auf der Webseite tun. Der Nutzer muss zugleich einen Lebenslauf hochladen, damit sich der Berater ein Bild über dessen Werdegang machen kann. Peeradvice stellt sicher, dass die Berater nur Anfragen erhalten, die auch ihren Themengebieten entsprechen. Die Nutzer erhalten dann innert einer Woche eine Rückmeldung. Möglich sei dann ein Telefongespräch via Skype oder auch ein persönliches Treffen, heisst es auf der Webseite. «Derzeit erhalten wir etwa zehn bis zwanzig Anfragen pro Monat», sagt Mannino. Es sei auch schon vorgekommen, dass eine Beratung schliesslich sogar zu einem konkreten Jobangebot geführt habe.

Berufsleute, die sich als Berater zur Verfügung stellen wollen, können sich direkt über die Webseite anmelden. Die Themen, zu denen sie Auskunft geben wollen, und die maximale Anfrage-Frequenz bestimmen sie selber, ebenso die Dauer eines Beratungsgesprächs. Allerdings haben sich die 130 Peeradvice-Berater nicht ganz von allein auf der Plattform versammelt: «Die meisten haben wir aktiv angefragt», sagt Mannino. Es brauche einiges an Überzeugungsarbeit, um jemanden für diese Freiwilligenarbeit zu begeistern.

Auf anderen Plattformen ist die Hemmschwelle höher

Die Webseite ist die erste ihrer Art in der Schweiz. «Natürlich gibt es bereits Netzwerkplattformen wie beispielsweise Linked­in», sagt Mannino. Doch dort getrauten sich die Mitglieder eher nicht, anderen Leuten Fragen zur Karriere zu stellen. Bei Peerad­vice sei die Schwelle niedriger.

Wie stark Vitamin B auf dem Arbeitsmarkt ins Gewicht fällt, ist schwer messbar. In einer Umfrage des Karriereportals Monster vor einigen Jahren in der Schweiz gaben 22 Prozent der Befragten an, ein Bekannter habe ein gutes Wort für sie eingelegt. 16 Prozent sagten, sie hätten ihren Job bekommen, weil sie den Chef persönlich kennen würden. 49 Prozent hielten fest, sie hätten sich ihre Position selber erarbeitet. In Deutschland kommt knapp ein Drittel der Neueinstellungen via persönliche Beziehungen zustande, wie die Bundesagentur für Arbeit vergangene Woche mitteilte. In Kleinbetrieben seien es gar 47 Prozent. In 21 Prozent der Fälle entsteht der Kontakt über eine Jobbörse im Internet.


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