Die Kritik am GBS ist verstummt

BERUFSSCHULE ⋅ Die im Frühling erhobenen Vorwürfe gegenüber dem St. Galler Berufsschulrektor haben im Schulalltag wenig ausgelöst. Ob die Kritik berechtigt war, wird die Politik beurteilen – anhand der auf Ende Jahr eingeforderten Erklärung der GBS-Verantwortlichen.
21. November 2017, 07:16
Marcel Elsener, Regula Weik

Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz

@tagblatt.ch

Es ist ruhig geworden um die grösste Berufsfachschule im Kanton. Im Frühling hatte das Gewerbliche Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen (GBS) die Öffentlichkeit und die Politik beschäftigt. Dies, nachdem sich sein Rektor Lukas Reichle mit harscher Kritik konfrontiert sah; in einem anonymen Schreiben waren ihm rüde Umgangsformen, Vetternwirtschaft und kostspielige Leerläufe vorgeworden worden. Weiter war darin von einem «System der Einschüchterung» und «Angstklima» die Rede.

In der Folge bekam auch die Berufsfachschulkommission des GBS ihr Fett weg; sie habe ihre Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen. Bildungschef Stefan Kölliker räumte damals unumwunden ein: «Es ist kein Geheimnis, dass Führung und Beaufsichtigung der Schulen suboptimal sind.» Inzwischen ist die Neuorganisation der Berufsfachschulkommissionen aufgegleist; es war vorgesehen gewesen, diese in der anstehenden Novembersession zu debattieren. Vergangene Woche hat die vorberatende Kommission Ergänzungen eingefordert, so dass das Kantonsparlament frühstens in der Aprilsession darüber beraten wird (Ausgabe vom 15. November). Klar ist: Reformbedarf bestand nicht erst seit der Kritik an der GBS-Leitung; der Bildungschef hat denn auch stets einen Zusammenhang dementiert.

Während der politische Prozess der Neuorganisation – die Berufsfachschulkommissionen sollen zurückgestutzt und dem kantonalen Amt für Berufsbildung unterstellt werden – angelaufen ist, ist das GBS fast komplett von der politischen Agenda verschwunden. Nur die Staatswirtschaftliche Kommission des Kantonsparlaments ist am Fall noch dran. Sie hatte im Sommer gefordert, der Konflikt zwischen Rektor und Lehrerschaft müsse beigelegt werden. Eine Mediation tue not, hiess es damals. Und: Sie werde von der Berufsfachschulkommission wie dem Bildungsdepartement Auskunft einfordern, was sie zur Lösung des Konflikts unternommen hätten. Auf Anfrage sagt Felix Bischofberger, Präsident der Staatswirtschaftlichen Kommission: «Die Frist läuft noch. Wir haben sie aufgefordert, uns bis Ende Jahr eine Rückmeldung zu geben.» Bischofberger hat keine Kenntnis, ob in der Zwischenzeit etwas angelaufen ist.

Mitte Januar 2018 will die Politik den Fall abschliessen

Auch dem CVP-Politiker ist aufgefallen: Es sei ruhig geworden um das GBS. Jedenfalls sei ihm seit dem Frühsommer nichts mehr zu Ohren gekommen, noch sei er von jemandem im Fall GBS kontaktiert worden. Sein Erklärungsversuch: «Möglicherweise wird schulintern an der Beilegung des Konflikts gearbeitet. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die Berichterstattung Ende Jahr.»

Die Staatswirtschaftliche Kommission wird das GBS an ihrer Klausurtagung Mitte Januar nochmals auf die Traktandenliste setzen – ein letztes Mal. «Wir wollen den Fall dann abschliessen können», sagt Bischofberger. Und zwar unabhängig davon, wie weit dannzumal die Diskussion über die Neuorganisation der Berufsfachschulkommissionen gediehen sei. Das Eine habe mit dem Andern nichts zu tun, betont auch er. «Es darf nicht passieren, dass ein Einzelfall wie der Unmut und die Kritik am GBS zu einer Überreaktion führt und deswegen sämtliche heutigen Strukturen, die an andern Schulen funktionieren, auf den Kopf gestellt und geändert werden.» Er hat denn auch Verständnis für die vorberatende Kommission, welche zusätzliche Information zu den künftigen Aufgaben und Kompetenzen der Kommissionen fordere. Jedenfalls dürften sie nicht zu «Kaffeekränzli-Gremien» oder zu «puren Anhängseln» des Amtes für Berufsbildung werden, so Bischofberger.

An Grundstimmung hat sich wenig geändert

Arbeitsame Ruhe, weil an der Lösung des Konflikts gearbeitet wird? Oder trügerische Ruhe, da sich an der Schule und im Verhalten der Verantwortlichen gar nichts geändert hat, sie möglicherweise einfach vorsichtiger auftreten? Mehrere angefragte GBS-Mitarbeitende bestätigen die zweite Version. Der Rektor sei nicht mehr so präsent und auch weniger redselig mit den Mitarbeitenden als früher, die Vorgesetzten vorsichtiger mit ihren Äusserungen. So nehmen die Angefragten die aktuelle Situation wahr – und schliessen daraus: Die GBS-Verantwortlichen seien allerorten bemüht, Gras darüber wachsen zu lassen. «Reichle vermeidet es tunlichst, in Fettnäpfchen zu treten.» Die Frage, ob sich seit der öffentlichen Kritik grundsätzlich etwas verändert habe, verneinen sie. Auf den Arbeitsalltag in den verschiedenen Schulhäusern des GBS habe der Unmut ohnehin keine Auswirkungen gehabt. Eine seit Jahren bestehende Grundstimmung bringe man so rasch nicht weg.

Weshalb treten die unzufriedenen Lehrpersonen nicht gemeinsam auf und machen mehr Druck? Die Antworten unterscheiden sich kaum von jenen im Frühling: Die meisten hätten resigniert oder machten die Faust im Sack. Erst recht, nachdem sie erlebt und erfahren hätten, wie offene oder vermutete Kritiker als «Verräter an der Schule» hingestellt worden seien. Das habe anderen kritischen Stimmen den Wind aus den Segeln genommen. Selbstkritisch stellen einige fest: Beim Motzen sind alle mit dabei, wenn es darum geht, gemeinsam gegen einen Missstand aufzutreten, findet sich niemand.

«Die Kritik ist verpufft, die Kritiker sind verstummt.» Diese Einschätzung machen mehrere GBS-Angestellte. Und es gebe «nicht wenige», die hinter dem Rektor stünden und sich am «Stil der Kampagne» gestört hätten. Die andern höre man nicht mehr; ihre Zahl sei deshalb schwer abzuschätzen. «Jedenfalls scheint der Leidensdruck nicht mehr so gross zu sein wie noch vor drei, vier Jahren. Wer weg wollte oder musste, ist weg, die andern haben sich arrangiert.» Das Gefühl, das «es sowieso weiter läuft wie bisher», habe sich verstärkt. Zudem zementiere die nach wie vor angestrengte Suche nach der Urheberschaft der anonymen Vorwürfe das Misstrauensklima und den Eindruck, dass eine offene Diskussionskultur wenig erwünscht sei. «Die Tendenz, die geäusserte Kritik im Sand verlaufen zu lassen, gibt letztlich dem Gespann Rektor-Kommissionspräsident recht.» Einige sind denn auch enttäuscht von den politischen Kommissionen. Sie hätten sich von ihnen mehr Intervention, «mehr Füdli» erhofft. Da dies nicht geschehen sei, fühle sich der Rektor nun wohl rehabilitiert und reingewaschen. Kommissionspräsident Bischofberger weiss, dass einzelne Mitarbeitende des GBS hohe Erwartungen in ihre Arbeit gesetzt hätten – und sie diese teils enttäuscht hätten. Die Kommission sei aber schlicht nicht für die Besetzung der Rektorenstelle zuständig; noch sei es ihre Aufgabe zu beurteilen, ob eine Stelle richtig oder falsch besetzt sei. «Wir können nicht einfach einen Rektor absetzen und einen neuen einsetzen», sagt Bischofberger. «Das ist nicht unsere Aufgabe – und das ist auch gut so.» Sie hätten den Fall nicht unter den Tisch gekehrt; sie hätten die Kritik ernst genommen. Dies zeige auch die Tatsache, dass sie einen Bericht über die getroffenen Massnahmen einforderten.

Stellungnahme zu den Vorwürfen liegt beim Departement

Aus Kreisen ehemaliger GBS-Lehrer hat unsere Zeitung erfahren, dass die Stellungnahme der Aufsichtskommission zuhanden der Politik zusammen mit dem Rektorat, jedoch unter Ausschluss der Lehrervertretung vorbereitet worden sei. Es gehe also «munter weiter mit Häfeli und Deckeli». Auf unsere Nachfrage, ob die Stellungnahme bereits abgegeben wurde und wer sie verfasst hat, verweist Rektor Lukas Reichle an den Präsidenten der Berufsfachschulkommission, Gian Bazzi. Und Bazzi wiederum an das Bildungsdepartement. Generalsekretär Jürg Raschle bestätigt, dass die Stellungnahme der Berufsfachschulkommission «soeben» eingetroffen sei und vom Bildungsdepartement «in den nächsten Tagen gewürdigt» werde. Anschliessend werde die Staatswirtschaftliche Kommission dokumentiert, dafür sei man noch in der Zeit. «Zu Inhaltlichem können wir keine Aussagen machen», teilt Raschle mit, «da der Auftrag einer parlamentarischen Kommission zu erfüllen ist, mithin die Informationshoheit bei dieser und nicht bei uns liegt.»

In die Klärung der Vorwürfe «nicht involviert» ist laut seiner Auskunft Bruno Müller, seit September neuer Leiter des Amtes für Berufsbildung. Er bestätigt den Ablauf des Verfahrens und sagt: «Die Staatswirtschaftliche Kommission entscheidet dann, wie damit umzugehen ist.» Ob die Erklärungen und Schlussfolgerungen veröffentlicht werden, dürfte demnach Sache von Bischofbergers politischer Kommission und des Kantonsparlaments sein. Auf die Frage, ob die im Frühling behaupteten Missstände in der Führung und Aufsicht des GBS personelle oder strukturelle Konsequenzen hätten, antwortet Müller: «Die Konsequenzen sind Teil der auf den Frühling verschobenen neuen Aufsichtsregelung. Im Rahmen dieser Regelungen werden Führungsthemen aufgenommen und umgesetzt.» Die Frage nach allfällig getroffenen Massnahmen beantwortet weder Reichle noch Bazzi.

Nebst der Staatswirtschaftlichen ist auch die Finanzkommission des Kantonsparlaments den Vorwürfen gegen den GBS-Rektor nachgegangen, da ihm auch «Verschwendung finanzieller Mittel» vorgeworfen worden war. Die Finanzkommission hat den Rektor bereits Mitte Juni entlastet. Es sei an der Schule zu keinen Unregelmässigkeiten gekommen. Bereits früher hatte die Berufsfachschulkommission der GBS die Vorwürfe zurückgewiesen und dem Rektor den Rücken gestärkt.


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