Der verhinderte Anschluss

VORARLBERG ⋅ Was heute Katalonien ist, das war vor hundert Jahren das westlichste Bundesland Österreichs. Doch die von einem Lustenauer Lehrer losgetretene Bewegung zum Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz scheiterte.
08. Februar 2018, 05:19
Rolf App

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@tagblatt.ch

In den Notizen zu seinem Leben hat der 1968 im achtzigsten Lebensjahr verstorbene Lehrer Ferdinand Riedmann später mit einigem Stolz festgestellt, er sei «der einzige Lustenauer, der einen grundlegenden Beitrag zur Geschichte geleistet hat». Und zwar aus eigenem Impuls. Denn was am 13. November 1918 in Riedmanns Kino seinen Lauf nimmt, hätte ohne diesen wortmächtigen Menschen nicht stattfinden können. «Wien kennt die Vorarlberger nicht», verkündet Riedmann, «und wir wollen nichts von den Wiener Juden wissen.» Unterschriftenbögen machen die Runde: Die Vorarlberger wollen sich der Schweiz anschliessen. Sie setzen damit ihre eigene Regierung unter Druck. Und auch der Bundesrat gerät ins Grübeln. Der ebenso tatkräftige St. Galler Augenarzt Ulrich Vetsch stiftet ihn dazu an.

Vorarlberg nimmt die Zügel in die eigene Hand

All dies spielt sich vor dem Hintergrund eines Krieges ab, der die Landkarte umpflügt: Am Ende des Ersten Weltkriegs erklären sich die nichtdeutschsprachigen Teile des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs für unabhängig. Deutsch-Österreich dagegen peilt den Anschluss an Deutschland an. Kaiser Karl verliert rapid an Macht und geht ein paar Monate später ins Exil auf Schloss Wartegg bei Rorschach.

Umso wichtiger wird im allgemeinen Chaos, was die Länder jetzt tun. In Bregenz nimmt der österreichische Vizekanzler Jodok Fink die Fäden in die Hand, ein Vertreter der in Vorarlberg dominierenden Christlichsozialen. Auf seine Veranlassung hin proklamiert eine provisorische Landesversammlung ein eigenes, selbstständiges Vorarlberg «im Rahmen Deutsch-Österreichs». Bisher ist Vorarlberg von der Tiroler Hauptstadt Innsbruck aus regiert worden.

Denn ein Umsturz der unerwünschten Art droht. In München und anderen Gemeinden Bayerns bis hinab nach Lind­au bilden sich Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, die sich anschicken, die Macht in Form von Räterepubliken zu übernehmen. Auch in Vorarlberg finden sie Nachahmer. Eng mit der lokalen Sozialdemokratie verbundene Arbeiterräte führen am 9. März 1919 am Dornbirner Bahnhof eine «Viehbeschlagnahmung» durch. Sie blockieren einen Zug, der Vieh nach Oberösterreich transportiert im Austausch gegen Futtermittel. Es ist die Not, die hier regiert, denn politisch richtet die Linke wenig aus. Schon einen Monat später bringt das christlichsoziale «Vorarlberger Volksblatt» Tausende auf die Strasse, zur Demonstration gegen jene «landesfremden» Sozialdemokraten, durch die dem Land «das Gewaltjoch russischer Herkunft und halbasiatischer Art» drohe.

«Die Landesregierung musste sich mir fügen»

Weil eine Hungersnot droht, entschliesst sich der Bundesrat zu Hilfslieferungen an die Vorarlberger. Eisenbahnwaggon um Eisenbahnwaggon passiert die Grenze, gegen den Widerstand der eigenen Bevölkerung, die Not leidet und noch dazu von der Spanischen Grippe heimgesucht wird. Auf Vorarlberger Seite aber findet Ferdinand Riedmann immer mehr Unterstützer für sein Anliegen. «Die Landesregierung musste sich in jener Zeit mir fügen und mit oder ohne Willen mithalten», schreibt er in sein Tagebuch. «Die Staatsanwaltschaft hätte mich gerne geholt, aber ich war zu mächtig.» Dass es sich bei seinen Anhängern um «eine Volksbewegung des einfachen Volkes» handelt, bestätigt dem Bundesrat sein Rorschacher Gewährsmann Dr. Engensperger, als nach einer Volksabstimmung – die 80 Prozent für einen Anschluss an die Schweiz ergibt – die Sache auf der obersten Ebene gelandet ist.

Doch was soll die Schweiz tun? Auf ihrer Seite wird ein Mann massgebend, der gar kein Mandat hat. Beim Aussenminister Felix Calonder meldet sich Ulrich Vetsch aus St. Gallen. Von Beruf Augenarzt, ist er als Gemeinde- und Kantonsrat ein vehementer Verfechter der Ostschweizer Verkehrsinteressen. Zugleich fürchtet er den von Deutsch-Österreich angepeilten Zusammenschluss mit Deutschland. «Ich bin derart von der Zukunftsgefahr überzeugt, die aus einem Aufgehen Vorarlbergs in Grossdeutschland für uns resultieren würde, dass ich es als meine patriotische Pflicht erachte, mit allen Mitteln gegen diese Gefahr anzukämpfen», schreibt er nach Bern. Und überzeugt Calonder, der als Bündner durchaus Sinn auch für die regionalpolitischen Motive entwickelt. Er sieht die Ostschweiz als wichtigen Transitraum der Zukunft, der durch Vorarlberg noch mehr Gewicht erhielte.

Noch einmal wird 1922 die Situation kritisch

Im Wirtschaftsminister Edmund Schul­thess findet Calonder einen vehementen Gegner. Sein Bedürfnis, eine aktivere Aussenpolitik zu betreiben, stösst auf grosse Skepsis auch in der Öffentlichkeit. «Alles ist sich einig in der Verurteilung der frechen, dreisten ‹Vorarlbergerei›», schreibt etwa die «Luzerner Zeitung». Dass kein Landesteil sein Territorium erweitern soll, begründet neben wirtschaftlichen Bedenken die Unschlüssigkeit der Schweiz.

In die Quere kommt dem Vorarlberger Anliegen vor allem die internationale Lage. Die Siegermächte wollen ein lebensfähiges Österreich, dem deshalb auch untersagt wird, sich mit Deutschland zu vereinigen. Calonder läuft mit seinen Warnungen vor einem übermächtigen Deutschland ins Leere und tritt zurück. Doch noch einmal kommt die Sache ins Rollen: 1922 droht Italien in Tirol und Vorarlberg einzumarschieren. Salzburg liebäugelt für diesen Fall mit dem Anschluss an Bayern, Vorarlberg wendet sich an die Schweiz. Doch der Hinweis des österreichischen Bundeskanzlers auf die enorme Schuldenlast seines Landes verdirbt allen die Lust daran, auch nur Teile Österreichs zu übernehmen.


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