Der Unbeirrbare

CHEFREDAKTOR OBERSEE-NACHRICHTEN ⋅ Millionär, Verleger, Behördenschreck: Bruno Hug ist erfolgreich und umstritten. Jetzt wurde er aus seiner eigenen Zeitung vertrieben. Abschreiben sollte man ihn aber noch nicht.
16. Dezember 2017, 05:19
Andri Rostetter

Andri Rostetter

andri.rostetter

@tagblatt.ch

Die Nachricht hat gestern Mittag die Redaktionen im Land kurz durchgeschüttelt: Bruno Hug, Verleger und Chefredaktor der «Obersee Nachrichten» (ON), wird per sofort freigestellt. Der Verwaltungsrat der Zeitung hat beschlossen, die Geschäftsführung an ein Kadermitglied von Somedia zu übertragen. Somedia, der Konzern des Bündner Medienkönigs Hanspeter Lebrument, ist seit 1999 Besitzerin der ON.

Dass eine Meldung zu einem Chefwechsel bei einer lokalen Gratiszeitung derart Furore macht, hat allein mit der schillernden Figur Bruno Hug zu tun. Kaum ein Verleger in der Schweiz weist einen derart spektakulären Lebenslauf auf wie der 63-jährige Bauernsohn aus dem Wiler Weiler Maugwil. Und kaum ein Chefredaktor hat in den vergangenen Jahren eine ähnlich brutale Kampagne gegen eine Behörde inszeniert. Praktisch in jeder Ausgabe seines Blattes kritisierte Hug die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Stadt Rapperswil-Jona aufs Heftigste, meist gewürzt mit persönlichen Anschuldigungen gegen Kesb-Chef Walter Grob oder den damaligen Stadtpräsidenten Erich Zoller. Hug und sein Kompagnon Mario Aldrovandi praktizierten dabei eine schmutzige Form des Boulevards: Angriffige Texte, reisserische, parteiergreifende Titel. «Die Kesb treibt die Menschen in die Verzweiflung», «Grob sitzt Mike-Shiva-Gutachten auf» oder «Jetzt nehmen sie mir mein Kind wieder weg» waren typische ON-Überschriften.

Mehrere von Hugs emotional aufgeladenen Geschichten machten national Schlagzeilen, darunter etwa der Fall von «Marco», der von der Kesb auf ein Therapieschiff in der Karibik geschickt worden war. Hugs Berichterstattung folgte praktisch immer dem gleichen Muster: Er berichtete aus der Perspektive der Betroffenen und schrieb mit heiligem Furor gegen die Kesb an, auch wenn eine Massnahme oder ein Sondersetting von mehreren Behörden und Gerichten gestützt worden war. Die Zeitung war sein «Sturmgeschütz» (so der «Blick» in einem Porträt über Hug).

Ein Werdegang wie ein überladenes Drehbuch

Die Angst der Behörden vor den «Obersee Nachrichten» kommt nicht von ungefähr. Die 1981 gegründeten ON sind eine Instanz am oberen Zürichsee. Mit einer Auflage von 70000 Exemplaren hat die Zeitung die grösste Abdeckung der Region, jeder bekommt hier mit, wenn das Gratisblatt jemanden ins Visier nimmt. Die Wirkung der ON hat aber auch mit Hug zu tun: Er gilt als starker Mann von Rapperswil-Jona, abwechselnd wurde er als «Querulant», «Wohltäter», «Lokalkönig» oder «Behördenschreck» bezeichnet. Sein Werdegang liest sich wie ein überladenes Drehbuch: Während der Ausbildung zum Hochbauzeichner am Abendtechnikum verdiente er sein Geld im Verlag der «Auto-Illustrierten» und arbeitete sich dort bis zum Verlagsleiter hoch. 1980 gründete er den «Uster Anzeiger» und gab ihn im Einmannbetrieb heraus. Schon ein Jahr darauf folgten die «Obersee Nachrichten», später die Medien-Branchenzeitschrift «Persönlich». Ab 1996 baute er mit einem Partner die Denon-Gruppe auf, eine Firma für Unternehmenskommunikation, die innert weniger Jahre einen Jahresumsatz von zehn Millionen Franken erwirtschaftete. 1986 stieg Hug ins Sportgeschäft ein: Er übernahm den Schlittschuhclub Rapperswil-Jona, wurde Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats. Hug machte aus dem maroden Provinzverein einen stolzen National- liga-A-Club und schuf sich Feinde, als er 2005 – nach 60 Jahren Clubgeschichte – Farbe und Name des Vereins änderte. Kurz darauf, immer noch unter Hug, erreichte der Club, nun als «Rapperswil-Jona Lakers», die Playoff-Halbfinals, der grösste Erfolg seit der Gründung 1945. Im Jahr 2010 hörte Hug auf. Mit dem Club ging es seither sportlich nur bergab, seit 2015 spielen die Lakers wieder in der Nationalliga B.

In Hugs Eishockey-Zeit fällt auch die Gründung des Pizzakuriers Dieci. Rocco Delli Colli, ein Beizer in der Rapperswiler Altstadt, suchte damals nach einem finanzkräftigen Partner, um einen Lieferservice zu gründen. Via Lakers-Kontakten stiess Delli Colli auf Hug und überzeugte ihn von seinem Plan. Hug stieg ein. Heute ist Dieci der grösste Pizzalieferant der Schweiz, in der Hochsaison mit 750 Mitarbeitern in 34 Betrieben (Stand 2015). Genauere Zahlen zu Dieci gibt es nicht, Umsatz und Gewinn gibt das Unternehmen nicht bekannt. Hugs Biografie hätte also schon lange vor dem Kesb-Streit genug hergegeben für seitenfüllende Porträts – spätestens 2007, als er sich erfolgreich für die Fusion von Rapperswil und Jona stark machte. So richtig interessant wurde er für die Medien jedoch, als er sich im Sommer 2016 in den Wahlkampf um das Stadtpräsidium von Rapperswil-Jona einmischte. Die «Weltwoche» bezeichnete Hug in einem wohlwollenden Porträt als «Mann der Stunde», die NZZ lieferte unter dem Titel «Der Aufmischer» eine detaillierte Beschreibung von Hugs Laufbahn. Im ersten Wahlgang im September ging Hug zur Überraschung aller als klarer Sieger hervor. Nur ein paar Hundert Stimmen fehlten ihm zum absoluten Mehr. Der Amtsinhaber, CVP-Mann Erich Zoller, erhielt trotz Unterstützung von FDP, SP und GLP 1500 Stimmen weniger. Wenige Tage später zog sich Hug zurück und empfahl den im zweiten Wahlgang neu eingestiegenen Kandidaten der FDP, Martin Stöckling, zur Wahl.

Zu jenem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen Hug und der Stadtbehörde längst zerrüttet. Bereits im Februar 2016 hatten die Stadt und Kesb-Chef Walter Grob ein Schlichtungsverfahren eingeleitet. Das Verfahren endete erfolglos, im Juni 2016 klagte die Stadt gegen die Zeitung. In der 500-seitigen Klageschrift listeten die Stadt und der Kesb-Präsident rund 300 mutmassliche persönlichkeitsverletzende Aussagen auf. Diese erschienen teils in der gedruckten Ausgabe der «Obersee Nachrichten», etliche wurden allerdings auch von Lesern auf der Facebook-Seite der Zeitung gepostet. Hug liess dies kalt. «Ich habe alle Akten genau studiert», hielt er im Juli 2016 gegenüber der NZZ fest. Wie ernst es ihm mit seinem Kampf gegen die Kesb war, zeigte er im Oktober 2016: Kurz nach seinem Rückzug aus dem Wahlkampf gründete er den Verein «Kesb-Schutz». Laut Eigenwerbung auf der Homepage bietet der Verein «Hilfe und Informationen bei Konfliktfällen mit der Kesb», stellt Grundlagendokumente zur Verfügung und listet «Verhaltensregeln» im Umgang mit der Behörde auf. Die Geschäftsstelle hat die gleiche Adresse wie die Redaktion der «Obersee Nachrichten»: Hauptplatz 5, 8640 Rapperswil-Jona.

160000 Franken Kosten für die Zeitung

Über die Zeitung wird Hug seinen Kampf nicht mehr weiterführen können. Am vergangenen Dienstag hat das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland die «Obersee Nachrichten» und Bruno Hug und Mario Aldrovandi der Persönlichkeitsverletzung schuldig gesprochen und die Löschung von Beiträgen aus dem Online-Archiv und von der Facebook-Seite verfügt. Das Kreisgericht bürdete die Verfahrenskosten zu drei Vierteln den «Obersee Nachrichten» und Bruno Hug auf, zu einem Viertel der Stadt Rapperswil-Jona und dem Kesb-Präsidenten. Zudem müssen die Zeitung und Hug den Klägern Parteikosten von 160000 Franken bezahlen. Über die Herausgabe des mit den inkriminierten Beiträgen erzielten Gewinns wird das Gericht erst später entscheiden.

Das Urteil hat landesweit Aufsehen erregt: Dass das Gericht der Stadt Rapperswil-Jona zugestanden hatte, sich schützend vor ihre Behörde zu stellen, gilt als juristischer Meilenstein. Auch die Tatsache, dass die «Obersee Nachrichten» für alle Einträge auf ihrer Facebook-Seite voll haften sollen, wurde als richtungsweisend bezeichnet. Dass Somedia gestern als Besitzerin der Gratiszeitung das Urteil so rasch akzeptiert hatte, kam gestern selbst für gut informierte Beobachter überraschend. Und erst recht, dass Hug per sofort freigestellt wurde.

Noch sind einige Fragen offen. Etwa, was mit der Redaktion in Rapperswil-Jona passiert. Die Liegenschaft gehört Hug. Ob die Zeitung dort bleibt, dürfte in den kommenden Wochen in den Büros von Somedia in Chur diskutiert werden. Ginge es nach Hug, müsste sie nicht weg; er hege keinen Groll gegen die Bündner, sagte er gestern in einem Interview mit der «Zürichsee-Zeitung». Wenn der Verlag dort bleiben wolle, dann könne er das. Sicher ist: Hug wird mit den «Obersee Nachrichten» nichts mehr zu tun haben. «Das Leben ist endlich, entsprechend gehört Aufhören auch zum Leben. Es gibt ja auch immer wieder neue Aufgaben», philosophierte er gestern nach seinem Rauswurf. Seinen Kampf wird er nicht aufgeben. Im Gegensatz zu Somedia will er das Urteil weiterziehen. Etwas anderes hat von Bruno Hug niemand erwartet.

Mitarbeit: Conradin Knabenhans


1Leserkommentar

Anzeige: