Der Rhein darf sich wieder schlängeln

AUFWEITUNGEN ⋅ Was seit Jahrzehnten geplant ist, wird ab 2022 realisiert: die Befreiung des Rheins aus seinem kanalisierten Flussbett, wenigstens auf drei Kilometern bei Bad Ragaz. Weitere Aufweitungen folgen, speziell im Rhesi-Abschnitt von Illmündung bis Bodensee.
14. Dezember 2017, 05:21
Marcel Elsener

Marcel Elsener

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Ein Jahrhundertprojekt für Menschen, Tiere und Pflanzen, das Naherholungsgebiet landesweit exemplarisch: Nichts weniger verspricht sich Gemeindepräsident Daniel Bühler von der Rheinaufweitung in Bad Ragaz sowie in Maienfeld, die von den Kantonen St. Gallen und Graubünden nun vorangetrieben wird. Im Januar 2018 werden die Ingenieurarbeiten ausgeschrieben, 2020 soll das Projekt aufgelegt und ab 2022 realisiert werden. Auf einer Länge von drei Kilometern wird der Rhein ab der Tardisbrücke (Landquart) flussabwärts von heute 85 Metern im Durchschnitt auf 174 Meter verbreitert. Als Vorbild dient der Abschnitt der Mastrilser Rheinauen (oberhalb der Brücke), mit dem die Landschaft auch vernetzt werden soll.

Die Absicht besteht seit Jahrzehnten, seit 2005 ist sie im Entwicklungskonzept Alpenrhein festgeschrieben. Selbstverständlich geht es um Ökologie, doch die Befreiung des Rheins aus seinem Kanal dient vor allem der Sicherheit, wie Projektleiter Urs Walser in einer jüngst verteilten Broschüre schreibt. Neben der Wiederherstellung einer natürlichen Flussauenlandschaft und der Aufwertung des Naherholungsgebiets in der Tourismusregion sei «die Hochwassersicherheit der wichtigste Faktor». Just dafür wurde der Rhein einst kanalisiert, doch der nach wie vor vorrangige Hochwasserschutz könne heute auch mit anderen Mitteln wie mit einer Aufweitung gewährleistet werden, sagte Baudirektor Marc Mächler Ende November an einer Informationsveranstaltung in Bad Ragaz; im «Generationenprojekt» sieht er einen «grossen Mehrwert für alle».

30 Millionen Franken Kosten, 1,5 Millionen Kubikmeter Aushub

Warum Aufweitungen als «Mehrzweckanlagen» auch dem Hochwasserschutz dienen, erklärt Rheinbauleiter Daniel Dietsche. Das Flussbett des Rheins ist nicht stabil und allein zwischen 1950 und 1974 bis zu 5 Meter tiefer geworden. Die Ursachen dafür waren enorme Kiesentnahmen und Flusskorrekturen wie Begradigungen. «Heute dominieren im Oberlauf Eintiefungen der Flusssohle, während es unterhalb von Buchs bis zum Bodensee zu Auflandungen kommt.» Weitere Eintiefungen gefährden laut Dietsche langfristig die Fundationen von Schutzbauten (wie Hochwasserdämmen) und führen zu teuren Sicherungsmassnahmen. Zudem sinke mit der Sohle auch der Grundwasserspiegel, was gravierende Auswirkungen auf Trinkwasserfassungen und Gewässersysteme haben könne. Solchen Prozessen könnten Aufweitungen Einhalt gebieten, wie der Wasserbauexperte festhält: Sie stabilisieren und erhöhen den Grundwasserpegel und verstärken den Austausch zwischen Oberflächen- und Grundwasser. Gleichzeitig verhindern sie Eintiefungen, schaffen höhere Sohlenlagen ohne ansteigenden Hochwasserspiegel und gewährleisten die Abflusskapazität.

Diese Ziele verfolgt auch die Aufweitung bei Bad Ragaz. Der dort angestrebte «Auflandungszustand» wäre laut Dietsche aus flussbaulicher Sicht über die gesamte Alpenrheinstrecke wünschenswert; um die Flusssohle stabil zu halten, müsste zudem gezielt Kies ausgebaggert werden.In Bad Ragaz sind die Bedingungen günstiger als anderswo: Für die Aufweitung sind 32,4 Hektaren Land nötig, wovon 30 Hektaren Wald und nur der kleine Rest Landwirtschaftsfläche betreffen. Die Kosten von 30 Millionen Franken übernimmt zu 70 Prozent der Bund; den Rest teilen sich die beiden Kantone und die Stadt Maienfeld, während Bad Ragaz keinen Rappen zahlen muss. Von den 1,5 Millionen Kubikmetern Aushubmaterial lässt sich gut die Hälfte als Kies verkaufen. Oder vielleicht für einen Schallschutzdamm entlang der Autobahn verwenden.

Projekt Rhesi bringt mehrere kleine und eine grosse Aufweitung

Bad Ragaz gibt weiteren Aufweitungen Auftrieb: Nach anfänglicher Skepsis begrüsst man solche Projekte in Sargans und Buchs, und auch in Liechtenstein ist man hellhörig geworden. Der Mittelteil im Fürstentum wäre für die ökologische Aufwertung des Alpenrheins zwingend, wie Lukas Indermaur vom WWF sagt: «Wenn die Liechtensteiner nicht mitmachen, verpufft alles.» Allerdings gibt Rheinbauleiter Dietsche zu bedenken, dass von den gut zwölf Aufweitungen im Entwicklungskonzept kaum alle realisiert werden können. Grosse Hoffnungen setzten die Naturschutzorganisationen ins Projekt Rhesi auf der Strecke von Rüthi bis zum Bodensee. Nun befürchten sie laut Indermaur, dass das «bereits verdünnte Süppchen noch wässriger wird». Der Grund ist der Verzicht der Rhesi-Planer auf grössere Aufweitungen in Fussach und in Diepoldsau. Wenn der sogenannte erste Trittstein mit Verlegung der Dämme wegfalle, drohe die Vernetzung des Rheins mit dem Bodensee zu scheitern, warnen die Naturschützer. Rhesi-Projektleiter Markus Mähr bestätigt, dass man in Fussach wegen des Widerstands von 20 Grundeigentümern zurückkrebsen musste. Weil Enteignungen für Umweltmassnahmen in Österreich noch schwieriger seien als in der Schweiz, drohte bei minimalen Erfolgsaussichten eine lange Verzögerung des Projekts. Und die Verbreiterung in Diepoldsau habe man gestrichen, weil der Untergrund zu torfig sei und die Aufweitung bei Kriessern genug Ökologie biete.

Rhesi bringt laut Mähr trotzdem «ordentliche Aufweitungen»; in Fussach noch immer eine von 65 auf 200 Meter, was Kiesinseln mit Wuchs schaffe. Auf der gesamten Rhesi-Strecke wird die Wasserfläche des Rheins von 200 auf 550 Hektaren vergrössert: «Das ist ökologisch sicher wertvoll, auch wenn es noch besser ginge.» Die grösste Aufweitung ist mit über 300 Metern in Koblach vorgesehen, wo jedoch Nutzungsberechtigte vom Flächentausch der Gemeinde mit dem Land Vorarlberg überzeugt werden müssen. Und neue Aussichten für eine Verbreitung auf 280 Meter bietet überraschenderweise auch Widnau – sofern die Trinkwasserbrunnen gemäss errungenem Kompromiss an den Rand des Damms verlegt werden können. Im Herbst 2018 wird das Generelle Projekt für Rhesi präsentiert. Dass der kanalisierte Rhein wieder schlängeln darf, steht fest. Wo und mit wie viel Auslauf, dürfte aber weiterhin strittig bleiben.


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