Der Preis der Sprache

INTEGRATION ⋅ Die Sprachschulen im Kanton waren alarmiert, als sich die St.Galler Gemeinden vor einem Jahr aus der Finanzierung ihrer Kurse verabschiedeten. Ihre Ängste scheinen sich bestätigt zu haben.
27. November 2017, 07:14
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Plötzlich gab es ein kostenloses Angebot. Die Quartierschulen. Sie würden den Markt verändern, sagte ein Sprachlehrer aus Wil vor einem Jahr. Hört man sich heute bei den Sprachschulen im Kanton um, ist die Rede von «massiven Einbrüchen», einer «Reduktion der Pensen» und «existenziellen Folgen». Gegenüber drei bis vier Kursen mit über 20 Teilnehmern in den letzten Jahren seien 2017 nur zwei Kurse mit 15 Teilnehmern zustande gekommen, sagt beispielsweise Jörg Morger von der Volkshochschule Rorschach und Umgebung. Sie ist eine von gut 20 akkreditierten Sprachschulen im Kanton.

Sprachlehrer nennen dafür mehrere Gründe. Dieses Jahr sind weniger Fremdsprachige nach St.Gallen gekommen. Und es gibt strukturelle Gründe. Die Vereinigung St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) unterstützt seit diesem Jahr keine professionellen Sprachschulen mehr. Die VSGP hatte 2014 eine Vereinbarung mit dem Kanton getroffen: Der Kanton zahlte 800000 Franken jährlich für die Sprachförderung, die VSGP eine Million Franken. Die Gemeinden hatten allerdings eine Defizitgarantie übernommen und im vergangenen Jahr fast das doppelte der vereinbarten Summe gezahlt. Sie beschlossen kurzerhand, aus der Vereinbarung auszusteigen.

Weil das Geld der Gemeinden seit diesem Jahr fehlt, hat der Kanton die Anzahl vergünstigter Lektionen massiv reduziert. Bei Sprachkursen vergünstigt er noch 120 statt 500 Lektionen, bei Alphabetisierungskursen statt 300 noch 120. Die Teilnahme ist an Bedingungen geknüpft. Dazu gehören ein dauerhafter Wohnsitz im Kanton St.Gallen und ein geringes Einkommen. Die professionellen Sprachschulen haben die Erfahrung gemacht, dass sich Teilnehmer deshalb keine Aufbaukurse mehr leisten können. Für einige ist nach dem Anfängerkurs Schluss. Für Flüchtlinge gelten andere Vorgaben. Ihnen werden 400 Lektionen bezahlt.

Die Gemeinden unterstützen zwar die professionellen Sprachschulen nicht mehr. Sie haben dafür in den Gemeinden sogenannte Quartierschulen gegründet (unsere Zeitung berichtete). Es gibt sie inzwischen in 42 Gemeinden, 500 Personen haben sie besucht. Freiwillige unterrichten dort Deutsch. Bis Ende Jahr sollen es 150 sein. Der Unterricht ist spielerisch, Flüchtlinge und Migranten nehmen kostenlos teil. Sie klatschen, zeichnen, sprechen nach. Sie lernen weder Lesen noch Schreiben, aber dafür Begriffe aus dem Alltag und hiesige Umgangsformen. Ab Januar sind zudem Alphabetisierungskurse geplant.

St.Galler Stadtrat will Sprachschule unterstützen

Die Sprachschulen fühlten sich vor einem Jahr vom Entscheid der VSGP «völlig überrumpelt». Für Brigitte Eigenmann von der «Aida – Die Schule für fremdsprachige Frauen» in der Stadt St.Gallen gibt es jetzt einen Lichtblick: Der St.Galler Stadtrat will die Subvention für die Schule ab 2018 um 80000 Franken erhöhen und damit fast verdoppeln. Vorausgesetzt, das Stadtparlament stimmt der Vorlage in seiner nächsten Sitzung zu. «Die Stadt sieht ihre Verantwortung gegenüber schlecht integrierten und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen», sagt Peter Tobler, Integrationsbeauftragter beim städtischen Amt für Gesellschaftsfragen. Die Stadt St.Gallen unterstütze Sprachschulen mit besonderen Integrationsleistungen wie Kinderbetreuung oder zusätzlichen Lern- und Sozial-Angeboten. Diese Begründung nennt Andrea Günther, Leiterin der Bénédict-Schule St.Gallen, «sehr schwierig». Auch ihre Schule arbeite mit einer Krippe zusammen. Die Subventionierung von Aida führe zu einer Verzerrung des Marktes. Auch ihre Sprachschule habe nun weniger Teilnehmer.

Erstaunen auf Seiten des Trägervereins

Dass Sprachschulen unter der Entscheidung der Gemeinden leiden, erstaune ihn, sagt Patrik Müller. Er ist Präsident des Trägervereins Integrationsprojekte St.Gallen (TISG), der im Juli die Trägerschaft der Quartierschulen von der VSGP übernommen hat. «Die Quartierschulen ersetzen die Sprachschulen nicht, sondern bereiten auf den Besuch von weiteren Sprachkursen vor, deren Besuch wir empfehlen.» Die Kosten der Quartierschulen für dieses Jahr sind noch nicht bekannt. Was Müller aber sagen kann: «Es ist nicht das Ziel der Gemeinden, bei der Sprachförderung zu sparen.» Der Richtwert dürfte bei einer Million Franken liegen. Das ist der Betrag, den die Gemeinden ursprünglich mit dem Kanton vereinbart hatten. Der aufgrund der Defizitgarantie aber jedes Jahr aufs Neue überschritten wurde.

Welches Fazit zieht der Kanton nach diesem Jahr? «Wir hören häufig Positives aus den Quartierschulen, aber auch kritische Stimmen», sagt Claudia Nef, Leiterin des Kompetenzzentrums Integration und Gleichstellung des Kantons St.Gallen. Die Quartierschulen seien eine Ergänzung. «Es braucht die Arbeit der professionellen Sprachschulen. Sprachzertifikate sind wichtig für die Integration in den Arbeitsmarkt. Deshalb bieten wir weiterhin vergünstigte Lektionen an.»

Im Asylbereich steht allerdings eine Änderung in der Sprachförderung an: Ab Dezember gilt das neue Konzept für die Refinanzierung von Integrationsmassnahmen für Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen im Kanton. Es gibt den Gemeinden mehr Spielraum. Die Begrenzung auf 400 Lektionen bei Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen fällt weg. Es können dann auch mehr Lektionen bezahlt werden. Den Rahmen dafür bildet das gemeindespezifische Beitragsmaximum. Grundlage ist die Pro-Kopf-Pauschale des Bundes von 6000 Franken.

Gute Deutschkenntnisse sind zentral

Könnte mehr Autonomie in den Gemeinden bedeuten, dass sie weniger in Sprachförderung investieren? «Wir denken, dass die Gemeinden wie bisher einen Grossteil des Geldes dafür ausgeben werden», sagt Nef. Gute Deutschkenntnisse seien zentral für die Integration. Das sagt auch TISG-Geschäftsführer Müller. Deshalb setze der Verein auf die Quartierschulen. Sie dienten der Integration in den Gemeinden und würden die Hemmschwelle abbauen, Deutsch zu sprechen. Der TISG sieht sie als Ergänzung zu den Sprachschulen.

Manche Sprachlehrer haben bereits Personen unterrichtet, die zuvor eine Quartierschule besuchten. Sie sagen, das Niveau der Teilnehmer sei sehr unterschiedlich. Die allermeisten werden an der Sprachschule aber im Anfängerkurs eingestuft.


1Leserkommentar

Anzeige: