Ohne Gebühren ist der Ostschweizer Fernsehsender TVO akut bedroht

NO BILLAG ⋅ Ein Wegfall der Gebührengelder wäre für die privaten Regionalsender wie TVO und Toxic.fm verheerend, weiss André Moesch, Leiter elektronische Medien NZZ und Telesuisse-Verbandspräsident. Er kämpft gegen die No-Billag-Initiative, bleibt aber SRG-kritisch.
16. November 2017, 10:01
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Eine leichte Fingerbewegung, und schon sind auf der 3D-Postkarte die Logos der 38 Radio- und TV-Sender in einer dunkelgrauen Schweiz verschwunden; gemeint die gebührenfinanzierten Stationen, die ohne Gebühren «morgen» weg wären. Eine plastische Abstimmungs­aktion der SRG Deutschschweiz, die am SRG-Medienforum «Sendeschluss?» vor Wochenfrist in St.Gallen verteilt wurde. Auf dem Podium versuchte auf Seiten der Gebührenbefürworter ein Bündner, Silvio Lebrument, Geschäftsführer Medien der Somedia, dem Publikum klar-­ zumachen, dass No-Billag-Initiative auch für die privaten Sender in der Ostschweiz «fatal» wäre. Gut zehn Millionen Franken gingen verloren, und allein bei Lebruments Sendern Radio und TV Südostschweiz wären 80 Stellen gefährdet. Ohne Gebühren wäre das Bündner Regionalfernsehen nicht mehr in der Lage, Informationssendungen zu machen, warnte er, und: «Abomodelle kann man regional sowieso vergessen.»

Eine Einschätzung, die Lebruments Kollegen in Winterthur und St.Gallen bestätigen: Günther Heuberger (Tele und Radio Top) und André Moesch (TVO) sprechen von einer akuten Gefährdung ihrer Sender und von 50 respektive 30 Stellen, die bei einer An­nahme der Initiative bedroht wären. ­Moesch, Leiter elektronische Medien Ostschweiz der NZZ-Gruppe, ist derzeit besonders gefragt: Als Präsident des Verbandes der Regionalfernsehen (Tele­suisse) trat er bereits in der SRF-Arena zum Thema auf und wird von SRG-Spitzen umgarnt, die Gebührenabschaffung abzuschmettern. Was Moesch selbst­redend leichtfällt: Als Telesuisse-Chef warnt er vor einem «Kahlschlag im Schweizer Mediensystem» und kann dies am Beispiel des eigenen Senders belegen: Tele Ostschweiz (TVO) erhält 2,9 Millionen Franken aus dem Gebührentopf, was 55 Prozent des Senderbudgets entspricht. «Selbst mit diesen Gebühren arbeiten wir mit bescheidenen Mitteln», sagt er, «und ohne sie fielen wir unter ein Minimum, mit dem Regionalfernsehen in der Ostschweiz nicht mehr finanzierbar wäre.» Mit anderen Worten: «Das Ende der Gebühren wäre das Ende von TVO, wie wir es kennen. Ich würde kein Rumpf-TV machen wollen, das mit halb so viel Leuten noch so tut, als wäre es Fernsehen.»
 

Nach jahrelangem Defizit ein solides regionales TV-Programm

Wie bei der SRG-Belegschaft führe das No-Billag-Begehren bei den TVO-Mitarbeitenden zu «einer grossen Belastung», so Moesch. «Niemand weiss, was passieren würde. Die Anspannung ist spürbar.» 30 Mitarbeiter wären direkt betroffen, mehrere Dutzend Freie und Dienstleister bis hin zu Werbeagenturen müssten ebenfalls um ihre Arbeit fürchten. Dass Gebührengelder als «Marktausgleich» überall dort fliessen, «wo es sie wirtschaftlich braucht» – also in allen Regionen ausser im «Millionen-Zürich» –, weiss Moesch in der Ostschweiz mit ihrem Einzugsgebiet von einer halben Million Einwohnern aus eigener Erfahrung: Nach dem Start 1999 fehlten TVO im zweiten Jahr fünf Millionen, hernach musste das «Tagblatt» jahrelang bis zu 1,5 Millionen in den Sender pumpen, um das Defizit zu decken. «Wir probierten alles, um uns am Markt zu finanzieren, aber es ist nicht möglich.» Seit ab 2008 Gebührengelder flossen, besserte sich die Lage, nun arbeitet TVO «seit drei, vier Jahren stabil bis leicht positiv».

«Erst recht» gefährdet wäre das Studenten- und Ausbildungsradio Toxic.fm mit 12 festangestellten und etlichen freien Mitarbeitern unter dem Schirm der Universität St.Gallen: Die 600'000 Franken aus dem Gebührentopf machen 70 Prozent seines Budgets aus. Keine Gebühren erhält Radio FM1, das mit der gleichen Konzession wie TVO sein Budget von 7,5 Millionen selber erwirtschaftet. Erstaunlich, meint auch Moesch: «Radio ist als Unterhaltungsmedium halt viel einfacher zu vermarkten.»
 

Gegenüber der teuren SRG bleiben Vorbehalte

Mit der SRG hat TVO nur wenige Berührungspunkte, allenfalls helfe man sich bei einem Grossanlass unter Kollegen. Und was ist mit den Videoangeboten, die laut SRG-Generaldirektor bereits 25 Medien im Land nutzten? «Ein Pseudo­angebot», winkt TVO-Chef Moesch ab. «Die integral verlangte Ausstrahlung von SRG-Beiträgen ist vielleicht für Printmedien interessant, aber für uns nicht nützlich.» Wenn schon, würden Regionalsender gern frei auf SRG-Bildmaterial zurückgreifen, um selber beispielsweise einen vertiefenden Beitrag zum FC St.Gallen zu gestalten.

Auch als entschiedener No-Billag-Gegner bleibt André Moesch gegenüber der SRG kritisch eingestellt. Wohl vermeidet er in diesen Monaten Aussagen, wie er sie noch 2015 am SRG-Medienforum in St. Gallen machte: Für den Kern des Service public, «die teuren, gesellschaftlich wichtigen Leistungen im Bereich Information, Kultur, Zusammenhalt der Landesteile», brauche die SRG selbstverständlich Gebührengelder. «Aber klar weniger als bisher, denn ihre restlichen Aktivitäten im Bereich Unterhaltung etc. kann sie wie die Privaten aus Werbegeldern finanzieren.» Jedoch weist er als Vertreter eines Senders, für den bereits eine Sommerserie oder ein Fasnachtsumzug die Mittel bis an die Schmerzgrenze strapaziert, auf die ungleichen Gewichtsverhältnisse hin: «Vergleiche sind schwierig, aber dass wir zu einem Viertel der SRG-Kosten Fernsehen machen, ist ein Teil der Wahrheit. Und der Unterschied zwischen einem Beitrag in ‹Schweiz aktuell› und unseren ‹60 Minuten› ist mittlerweile minim.»

Am Journalismustag jüngst in Winterthur hat Moesch die Initiative als Ausdruck einer «Anti-Medien-Stimmung» bezeichnet und vor einem Kollateralschaden für die Regionalsender gewarnt. Gerade weil der Druck auf die SRG nicht abnehme und weitere Initiativen folgen dürften, täte die SRG seiner Meinung nach «gut daran, sich zu bescheiden». Und folglich würde er, wie so mancher Verleger im Land, einen Ausstieg der SRG aus dem Admeira-Werbeverbund begrüssen, «zur Beruhigung der Lage».

Ähnliche Worte findet der zweite Ostschweizer Verbandspräsident: Jürg Bachmann (früher Radio aktuell, Anzeiger, TVO) leitet den Verband der Schweizer Privatradios und gehört als Kommunikationschef der Goldbach Media und Arbeitskollege von SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli freilich zu den SRG-Kritikern. Die Privatradios seien grösstenteils gegen die «zu fundamentale» No-Billag-Initiative, «die einen (mit Gebührengeldern) engagierter, die andern (ohne) weniger», so Bachmann. «Und selbstverständlich braucht es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.» Doch warte man «auf ein Zeichen, ob die sehr dominante SRG den Privaten mehr zugesteht», und sei gespannt auf die weitere Diskussion bis zur Abstimmung.
 

Debatte in den Medien weiter als in den Parteien und Verbänden

Die seit Wochen heiss laufende No-Billag-Debatte ist von den Medien, inklusive SRG, initiiert worden. Die wenigsten Parteien oder Verbände haben ihre Parolen schon gefasst, auch in der Ostschweiz. Mit Spannung erwartet werden jene der IHK und des St.Galler Gewerbes: Erstere soll vom Vorstand nächsten Montag beschlossen werden, Letztere erst an der Präsidentenkonferenz am 30. Januar. Man werde die Vorlage kontradiktorisch behandeln, sagt Gewerbeverbands-Geschäftsführer Felix Keller: «Eine Tendenz gibt es noch nicht.»

Ebenfalls erst im neuen Jahr werden die St. Galler Kantonalparteien ihre Parolen fassen, so die CVP am 24. Januar und die FDP tags darauf. Die Freisinnigen stehen unter Druck: Zwar geht FDP-Geschäftsführer Christoph Graf «von einer Nein-Parole» aus, doch gebe es «unter den jüngeren Mitgliedern sicher einige Befürworter». Kein Wunder: Graf gehörte zu den St.Galler Jungfreisinnigen, die sich mit den Thurgauern «extrem aktiv» für die No-Billag-Initiative einsetzten und 8000 Unterschriften sammelten. Erst recht spannend dürfte die Beschlussfassung der St.Galler SVP werden: Mit Nationalrat Lukas Reimann und Kantonsrat Mike Egger stellt sie zwei bekanntere Köpfe im No-Billag-Komitee.


Leserkommentare

Anzeige: