Der Magier ging über die letzte Schwelle

NACHRUF ⋅ Der St.Galler Schriftsteller, Okkultist und Astrologe Charles Frey alias Akron ist 69-jährig an einem Krebsleiden verstorben. Mit exzentrischen Auftritten schockierte er die Öffentlichkeit. Doch er offenbarte auch ganz andere Seiten.
27. Oktober 2017, 07:20
Marcel Elsener, Brigitte Schmid-Gugler

Marcel Elsener, Brigitte Schmid-Gugler

ostschweiz

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Kein Zauber und kein einziger Stern im Universum konnten den Lauf der Dinge letztlich beeinflussen. Karl-Friedrich oder Charles Frey alias Akron, wie er sich seit 1980 nannte, litt an einer Krebskrankheit, welche jeden Menschen treffen kann. Und er, der seit vierzig Jahren auf dem Parkett der schwarzen Magie tanzte, war längst mit der Tatsache versöhnt. Er liebte vieles am Leben, speziell mochte er Glace. In seiner letzten Nacht vor dem Tod, er konnte keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, wurde ihm gesagt, dass es im Spital auch Glace gebe. Akron habe gefragt: Was für Sorten? Er wählte ein Erdbeer-Vanilleeis, als Frappé hergerichtet, und lobte die Konsistenz. So erzählt es Patricia Cooney, die zeitweise im Haus Akrons am Fuss des Ruhbergs in St. Gallen lebt. Die aus Deutschland stammende Sängerin und Zeichnerin illustrierte Akrons letztes Buch «Die 8te Pforte. Jenseits der Schwelle». Vieles darin handelt von den persönlichen Erfahrungen Akrons seit einem schweren Unfall.

Der Sonderling plauderte mit Polizist und Strassenarbeiter

Im März 2012 war Akron dem Tod von der Schippe gesprungen. Ein Auto hatte ihn vor seinem Haus erfasst und weggeschleudert, zwei Wochen lang lag er im Koma. Vom Schädel-Hirn-Trauma hatte er sich zwar körperlich erholt, dennoch habe sich etwas in ihm verschoben. Er sei weicher geworden, sagt Akrons langjährige Freundin und Geschäftspartnerin Lussia Zäch. «Ich hatte ihn vor 29 Jahren an einem Vortrag über Astrologie im St. Galler Café Gschwend kennengelernt. Er sauste herein, redete wie ein Maschinengewehr.» Zäch wurde seine Schülerin. Sein analytisches Wesen, gepaart mit einem «unglaublichen Gedächtnis», habe nicht nur mehr im Hirn, sondern auch im Bauch Platz gehabt. «Er konnte sein Berührtsein besser zeigen.»

Das erlebten auch Leute, die beruflich und privat kaum mit dem «Sonderling am Ruhberg» in Berührung kamen. So etwa der Quartierpolizist, mit dem sich Akron häufig und intensiv unterhalten habe. Ein Strassenarbeiter, der immer wieder mal zum Kaffee eintrudelte. Nach aussen eher unnahbar auftretend, Haare bis über die Schultern, bodenlanger Mantel, oft in Lederkluft, war Akron im Gespräch ein herzlicher, offener Mensch. «Er war einer der witzigsten und interessantesten Gesprächspartner, die ich je kennengelernt habe», betont Armando Bertozzi, Astrologe und Verleger. Gemeinsam mit den bereits verstorbenen Weggefährten Guido Bachmann und Urs Tremp gehörte Bertozzi zum inneren Kreis um Akron. «Er war – neben seiner Geschäftstüchtigkeit – äusserst belesen, kannte sich gut aus in Wirtschaft und Weltpolitik, ärgerte sich über Dummheit und machte sich lustig über jedwelche Ideologie – bis hin zu Esoterik.» Das mag Leute überraschen, die in ihm nur einen furchteinflössenden Magier sahen, doch Akron spielte gerne mit den dubiosen Schlagwörtern, die sich um seine Person rankten: Okkultismus, Satanismus, schwarze Mächte.

«Viele Okkultisten sehen in mir eine Integrationsfigur»

Schon vor dem Unfall war es ruhig geworden um Akron. Das konnte ihm nur recht sein, denn allzu oft wurde er ins grelle Licht der (Boulevard-)Medien gezerrt, vor allem um die Jahrtausendwende. Im August 1998 hatte ein junger Mann in Balgach die Mutter seines Freundes totgestochen; die beiden gehörten einem satanischen Zirkel an und beriefen sich auch auf Akrons Okkultismus-Buch «Baphomet», illustriert mit obsessiven Sexbildern von H.R. Giger, ein «Tarot der Unterwelt» und Standardwerk der schwarzen Kunst. Die Aufklärung der Tat und der Prozess wurden zum Albtraum für den St. Galler Schriftsteller, der ständig Erklärungen abgeben musste. Unverständlicherweise, wie er etwa der «Schweizer Illustrierten» sagte: «Mein Buch ist keine Anleitung zum Töten, sondern eher für eine bessere Lebensbewältigung. Es befasst sich mit den seelischen Abgründen der Menschen, und nicht mit satanischem Gedankengut.» Auch wenn er in einem sargähnlichen Bett schlafe («mein Traumschiff»), sei er kein Satanist. «Viele Okkultisten sehen in mir eine Integrationsfigur. Sie rufen mich an und erzählen von ihren Problemen. Ich erteile dann meine Ratschläge.» Ebenfalls wehrte sich Akron, ein «Guru» satanischer Zirkel zu sein. Zwar betreute er als Magier seine Hexengruppe «Templum Baphomae», in der sich zweimal jährlich gut 50 Frauen und Männer zu keltischen Ritualen trafen. Doch gehe es dabei nicht um Teufelsanbetung, sondern um die Auseinandersetzung mit Schattenseiten. «Für Okkultismus bin ich nicht naiv genug.»

Unterstützung erhielt Akron von Sektenspezialisten wie Hugo Stamm, der den Einfluss des intellektuellen Buchs auf den Mörder anzweifelte: «Absurd. Wenn ein Autounfall passiert, würde niemand die Schuld seinem Fahrlehrer geben.» Und auch der Theologe Georg Otto Schmid von der evangelischen Sekteninformationsstelle (relinfo.ch) gab Entwarnung: «Dem typischen jugendlichen Satanisten wird Akrons binnenpsychisches Verständnis des Bösen unpässlich und der theoretische Hintergrund seiner Schattenarbeit zu komplex sein.» Schmid merkte jedoch Zweifel an den «rüden Psychospielen» an und fragte sich, ob deren aufwühlende Wirkung in Akrons Zirkel auf die notwendige therapeutische Kompetenz stossen würde.

Sprachkünstler, Krautrock- Schlagzeuger und Kulturkritiker

Akron sei «ausserordentlich begabt», seine «Genialität spürbar», schreibt Schmid in einer kritischen Würdigung. «Sein Sprachstil, aber auch der Gedankenreichtum seiner Werke ist überdurchschnittlich.» Als Autodidakt hatte Frey früh zu schreiben begonnen, bereits 1972 publizierte er einen «psychedelischen Roman», drei Jahre später folgte «Die fünfte Wand». Und er war als Kulturjournalist tätig: Von 1974 bis 1978 schrieb er Theaterkritiken für die «Ostschweizer AZ», ab 1980 verfasste er kurzzeitig Kolumnen fürs «St. Galler Tagblatt». Den Durchbruch als Autor schaffte er mit esoterischen Sachbüchern über die spirituellen Energien von Planeten, etwa mit «Jenseits der Schwelle», verstand sich aber weiterhin als Romanschriftsteller, wie er in einem «Saiten»-Porträt erklärte. Die grössten Auflagen erzielten Akrons Werke zur Astrologie und zum Tarot; allein sein Crowley-Tarot (1991) wurde über 200000-mal verkauft.

Andere Bewusstseinszustände und Grenzerfahrungen suchte Akron seit den späten 60ern. Wohlbehütet als Einzelkind aufgewachsen in Münsterlingen und Singen – der Vater Zollbeamter – zog er als Jugendlicher nach Bayern und fand schnell Kontakt zum Münchner Hippie-Underground. Zeitweise spielte er Schlagzeug in der Kultband «Amon Düül», die in ihrer Kommune auch schwarzmagische Rituale pflegte. Wegen eines blasphemischen Showteils hatte sie ein Verfahren am Hals und wurde Freys Arbeitsbewilligung nicht verlängert. Zurück in der Ostschweiz, blieb er der Szene verbunden und komponierte ein Rock-Oratorium für die Hardrockband Island, das 1976 am Stadttheater St. Gallen aufgeführt wurde. So kenntnisreich wie er über die Okkultistenszene Auskunft gab, so freimütig erzählte er uns 2006 von der Inspiration durch LSD: Die Droge habe sein Leben und Wirken «allgegenwärtig» beeinflusst. Freilich galt das auch für Wegbegleiter wie Horrorkünstler H.R. Giger, den Freund, den er 2014 im Nachruf als «modernen Aufklärer» im Kampf gegen die Angst würdigte. Und dem er «die unerschütterliche Freude am Ende als Voraussetzung zum ständigen Neuanfang» wünschte. Sätze, die sich nun Akron ins Jenseits nachschicken liessen. Der «Herr der Schattenwelt» hat sich auf Halloween ebenso gefreut wie auf Weihnachten, das Fest des Lichts. Eine unfassbar vielfältige Persönlichkeit, die viele Spuren hinterlassen hat und dereinst wohl in einem Buch oder Dokfilm gewürdigt wird.

Öffentliche Gedenkfeier Sa, 11. November, 15 Uhr, Wirkraumkirche, Böcklin-strasse 2, St. Gallen. Infos und Nachruf von Akrons Nächsten auf www.akron.ch


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