Der leidige Umbau eines Wahrzeichens

KORNHAUS ⋅ Nach etlichen gescheiterten Anläufen und jahrelangen Studien treibt die Stadt Rorschach die bauliche Erneuerung des Kornhauses voran. Und schon wartet der nächste Stolperstein: Die Ausschreibung wird von Architektenverbänden scharf kritisiert.
10. November 2017, 05:19
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Attraktive Kulisse, leere Pracht, ungenutztes Juwel: Seit Jahrzehnten legendäre Bezeichnungen für das Kornhaus Rorschach, Wahrzeichen der st. gallischen Hafenstadt und eines der schönsten ­Barockgebäude im Bodenseeraum. So prächtig und geschichtsträchtig das seit 1955 national denkmalgeschützte Haus, so beklagenswert sein Zustand im Dornröschenschlaf und so kleinmütig seine Besitzerin, die Stadt Rorschach. Seit sie 1908 das frühere Kornlager der Ostschweiz vom Kanton kaufte, sucht sie nach einer angemessenen Nutzung. Jedoch scheiterten alle Anläufe, das Haus umzubauen und über bescheidene Ortsmuseums- und Schifffahrtsamtsräume hinaus zu beleben; ebenso blieben die Ideen namhafter Architekten, allen voran Santiago Calatrava, auf der Strecke. Zu gewaltig die Nutzfläche mit 4000 Quadratmetern, zu eingeschränkt die Möglichkeiten, und vor allem: zu knapp die Mittel der finanziell gebeutelten Stadt. Was es nicht alles an Ideen für die Nutzung gab: Migros-Klubschule, Tanz- und Ballettlokal, Naturmuseum, Getreidemuseum («Granopolis»), Uhrenausstellung, «Nebelspalter»-Karikaturgeschichte, Gericht oder Stadtverwaltung sind nur einige davon. Nun hat Rorschach zu träumen aufgehört und beschränkt sich aufs Machbare: Eine 2014 eingesetzte Projektgruppe unter Leitung des St. Galler Raumplaners Thomas Eigenmann hat eine entsprechende ­Studie erarbeitet; unter Mitwirkung der möglichen Nutzer, der politischen Parteien und Interessengruppen sowie der Bevölkerung. Das Konzept knüpft an die 1998 gescheiterte Vorlage aus einem Architektenwettbewerb an, die im Innern modulartige Veränderungen vorsah. Ein pragmatisches Vorgehen, das zu Kosten von 8,9 Millionen Franken zunächst eine Sanierung des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses (Rohbau) vorsieht; um einen Veranstaltungssaal zu schaffen, werden die Säulen im Parterre freigelegt. Zudem geht es um die Erschliessung mit Treppe und Lift sowie um die derzeit rudimentäre Infrastruktur. Laut Projektbeschrieb liessen sich die Obergeschosse «schrittweise nach dem Bedarf der Nutzer ausbauen», so für Museum und künftige Mieter wie die Swiss Textile Collection (siehe Kasten) oder noch unbekannte Nutzer.

Umstrittene Ausschreibung zur Auswahl von Planerteams

Aufgrund der Machbarkeitsstudie hat die Stadt Anfang Oktober den Umbau ausgeschrieben, als öffentliche Submission im selektiven Verfahren: Sie hat Architekten und Planer zur Bewerbung für die Teilnahme an einem sogenannten Planerwahlverfahren eingeladen. Diese Teams sollen in der Lage sein, «die Erneuerung des Kornhauses gemäss den heutigen Qualitätsanforderungen und mit Kostenbewusstsein zu projektieren und zu realisieren».

Schön und gut, möchte man meinen. Im Gegenteil «ungenügend und unverantwortlich», meinen die Ostschweizer Architektenverbände BSA (Bund Schweizer Architekten) und SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein), die sich diese Woche gemeinsam beim Stadtrat beschwerten und Verbesserungen forderten. Die Ausschreibung werde der «Komplexität der Bauaufgabe auf keinerlei Weise gerecht» und sei «ein absolutes Armutszeugnis für den Umgang mit einem der wichtigsten Ostschweizer Baudenkmäler», schrieb BSA-Obmann Thomas K. Keller Ende Oktober an ­seine Verbandsmitglieder und rief zum Boykott auf. Letztlich verpacke die «Planerwahl» ein Honorarangebot für das ­gesamte Umbauprojekt, «auf der Basis einer groben Machbarkeitsstudie mit rudimentärer Grobkostenschätzung». Zudem gehöre dem Beurteilungsgremium keine unabhängige Fachperson an. Die Grundlagen seien «so ungenau», dass die Offerte «zu einem Blindflug» werde. Die Ausschreibung für den Umbau des Kornhauses ist laut BSA-Vorstand ein Beispiel für die schwindende Qualität im öffentlichen Beschaffungswesen: Letztlich werde Bauherren «suggeriert, eine Machbarkeitsstudie bedürfe nur noch eines effizienten Umsetzungsteams, das bitte nur noch optimiere». Wenn sich Architekten auf solch «monströse Gesamtleistungshonorar-Lotterien» einliessen, machten sie sich «längerfristig zu Marionetten von Politik und Verwaltung» und disqualifizierten ihre Arbeit.

Scharfe Kritik, die in Fachkreisen und bei den Beteiligten zu reden gibt. Der kantonale Denkmalpfleger Michael Niedermann, als Mitglied der Kornhaus-Kommission «im Dilemma», kann sie «teilweise nachvollziehen» und hat aufgrund des angeschlagenen Tempos einige ­Vorbehalte: «Wir sollten wohl über die ­Bücher.»

Stadt weist Kritik zurück und freut sich über «guten Rücklauf»

Man werde sich mit der Kritik auseinandersetzen, doch könne er sich vor der Absprache mit der Jury nicht äussern, sagt Martin Hitz, ehemaliger Baudirektor der Migros Ostschweiz und St. Galler Stadtbaumeister. Er hat mit seiner Bauherrenkompetenz-Firma die Ausschreibung aufgegleist und wirkt als Fachberater ohne Stimmrecht mit. Auch Markus Fäh, Leiter Bau und Stadtentwicklung, ­verweist an den Stadtpräsidenten. Das Kornhaus ist Chefsache, wie so vieles seit dem Antritt von Thomas Müller 2004, und hier mit speziellem Motiv: Der Stadtpräsident, der im nächsten Monat das Pensionsalter erreicht, weist die Kritik zurück. Und gibt zu verstehen, dass er den Umbau des Wahrzeichens «noch durchziehe»; man dürfe «nicht weitere Zeit verlieren und nochmals scheitern». Das sorgfältig und partizipativ aufgegleiste Projekt sei «kein Vollausbau», sondern lasse kommenden Generationen ihre Gestaltungsfreiheit; nach über 70 Gesprächen stünden alle da­hinter; im Übrigen habe man die Aus­schreibung von einem Anwalt rechtlich ­ab­sichern lassen. «Wir machen keinen Knicks vor den Verbandsfunktionären», sagt Müller. Wenn es etwa die Denkmalpflege wünsche, könne man problemlos Fachleute beiziehen, doch dürfe eine ­Jury-Erweiterung seiner Meinung nach «nicht ein Projekt ausloben, das dann in der Volksabstimmung scheitert».

Der Rücklauf der Bewerbungen sei trotz Boykottaufrufs gut, sagt Müller, darunter jene auf Baudenkmäler spezialisierten Büros, «die man in der Deutschschweiz erwarten durfte». Unterstützung erhält Müller vom Stadtrat, aber auch von Architekten, die mit den Kornhaus-Verhältnissen vertraut sind. Die Kritik der Verbände spiele vor dem Hintergrund des Drucks der Wettbewerbskommission; sie sei «in diesem Fall überrissen», sagen sie hinter vorgehaltener Hand, «es gab schon genug Architektenstudien». Einer bringt es mit Verständnis für beide Seiten auf den Punkt: «Hier gebrannte Kinder in Sachen hochtrabende Kornhaus-Pläne, dort misstrauische Fachleute angesichts eines Stadtpräsidenten, der mit seinen Äusserungen oft genug Leute vor den Kopf stösst.» Immerhin: Nun sind zwar beide Parteien aufgerüttelt, aber gesprächsbereit.

Modeschätze unwahrscheinlich

Hoffnung für ein «lebendiges Kornhaus» (wie einst eine Bürgerinitiative hiess) verspricht die 2012 lancierte Idee, die Modesammlung der Swiss Textile Collection samt Atelier für Studenten und Laufsteg am Bodensee unterzubringen. Nun geht es mit dem Umbau endlich vorwärts, doch ist das Projekt seit dem Austritt des St. Galler Textilunternehmers Max R. Hungerbühler aus dem Vereinsvorstand im Herbst 2016 unwahrscheinlich geworden. Zwar interessiert sich die Stadt offiziell weiterhin für die Sammlung, deren Infrastruktur allerdings privat zu finanzieren sei. Jedoch herrscht seit längerem Funkstille zwischen den Partnern, wie der Verein ausrichten lässt: «Wir gehen davon aus, dass Rorschach kein Interesse mehr daran hat, uns ins Kornhaus zurückzuholen.» In der alten Spinnerei Murg, wo die Sammlung seit der Bedrohung durch den Messingkäfer im Kornhaus untergebracht ist, habe man «einen optimalen Standort» und sei «wunderbar eingerichtet», heisst es. Andere Optionen im Kornhaus sind vage und nicht spruchreif – das altbekannte Lied. (mel)


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