FCSG-Krise: Der lange Schatten von 2010

CHAOSCLUB ⋅ Die Unruhe rund um den FC St. Gallen beschäftigt die Ostschweizer Öffentlichkeit. Und sie weckt auch bei Politikern böse Erinnerungen an den Fast-Konkurs des Vereins. Die derzeitige Krise ist längst nicht lebensbedrohlich, doch bestehen gewisse Parallelen.
08. September 2017, 06:18
Marcel Elsener, Roman Hertler, Regula Weik

Marcel Elsener, Roman Hertler, Regula Weik

ostschweiz

@tagblatt.ch

Ärgerlich. Beunruhigend. Peinlich. Schlimm. Katastrophal. Solche Wörter fallen in diesen Tagen, wenn vom FC St.Gallen die Rede ist. Nicht das Sportliche beschäftigt – weit über die Fussballfans hinaus – das Ostschweizer Publikum, sondern die Umwälzungen und ­Abgänge in den Führungsetagen und Verwaltungsstrukturen. Viele denken: Nicht schon wieder! Und die Pessimisten unter ihnen meinen: Es musste so kommen, früher oder später. Denn sieben Jahre her, aber noch frisch sind die bösen Erinnerungen an den Sommer 2010, die jetzt wieder hochkommen. 

Nicht die Abgänge und die Machtkämpfe, wohl aber die Umstände und wiederkehrende Begriffe wie Misstrauen, Intransparenz, schlechte Kommunikation oder überblähte Firmenstrukturen erinnern tatsächlich an jene drei, vier Monate, in denen der St.Galler Traditionsclub vor die Hunde zu gehen drohte. Der FC St.Gallen und seine überschuldeten Stadiongesellschaften hatten Alarm geschlagen: Es drohte aufgrund des überteuerten Stadionbaus der Konkurs. In der Not schnürten Stadionvertreter, Banken und die St.Galler Politik ein Sanierungspaket von 16 Millionen, darunter Finanzspritzen der Stadt und des Kantons sowie ein Schuldenerlass durch Banken. Das Resultat ist bekannt: Die Politik verweigerte jegliche Staatsgelder, nach dem pickelharten Nein des Stadtparlaments zu den zwei Millionen der Standortgemeinde Ende Oktober folgte zwei Wochen später die Absage des Kantonsrats, der auf die Vier-Millionen-Rettungsvorlage nicht mal eintrat.

In der Zeit zwischen den beiden Parlamentsdebatten waren allerdings – die Verweigerung hatte sich abgezeichnet – private Geldgeber um den Unternehmer Dölf Früh eingesprungen: Sie stellten zehn Millionen Franken für die Sanierung bereit, zudem verzichteten Banken auf Forderungen von fast fünf Millionen.

Das Vertrauen von Supportern und Politikern schwindet wieder

Mit Dölf Frühs Engagement und neuen Strukturen in den Vereins- und Stadiongesellschaften waren die Misstöne noch lange nicht verklungen, doch das Vertrauen wuchs bald wieder. Trotz Abstieg, Budgetkürzungen und über 1000 verlorenen Saisonabos segelte der FC St.Gallen ein Jahr nach dem Fast-Konkurs in ruhigem Wasser. Präsident Früh hegte keinen Groll, wie er im September 2011 gegenüber unserer Zeitung sagte: «Der FC St.Gallen war nicht wegen der Politik am Boden. Dass er sich wieder aufrichtet, liegt ganz an uns. Ich kann niemandem böse sein, der im Fahrwasser des Vertrauensverlustes gegen unsere Absichten handelte.»

Sechs Jahre später ist das Vertrauen wieder angekränkelt. Und erneut wird das Organigramm kritisch hinterfragt – damals stand die intransparente Betriebs AG (BAG) im Zentrum, heute gilt das Stirnrunzeln vor allem der Event AG und den «Topverdienern» an der Spitze. In Gesprächen mit langjährigen «Begleitern» des FCSG ist immer wieder von «aufgeblähten» Strukturen und fragwürdigen Organigrammen die Rede. «Das kann nicht funktionieren. Kein anderer Club ist so organisiert», sagt beispielsweise Willi Haag. Der ehemalige St.Galler Regierungsrat hat 2010 an vorderster Front geweibelt, als es darum ging, dass Stadt und Kanton dem FC finanziell unter die Arme greifen. «Schade», fügt er an, «dass wir einmal mehr negativ in den Schlagzeilen stehen – schweizweit.» Auch Reto Antenen, früherer LdU-Politiker und über 20 Jahre Präsident der Stadiongenossenschaft Espenmoos, schüttelt über das heutige Organigramm nur den Kopf: So etwas «Trümliges» habe er noch nie gesehen.

So ungute Gefühle wieder geweckt werden, so dezidiert hüten sich die politischen Protagonisten von damals, dem privatwirtschaftlich geführten Club dreinzureden. «Es wäre das Falscheste, wenn sich jetzt die Politik einmischen würde», sagt Willi Haag. Und der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin, der 2010 Schulter an Schulter mit dem Baudirektor für das Rettungspaket einstand, pflichtet ihm bei: «Wir wollten gute Rahmenbedingungen gestalten, auch mit unserer ‹Lex Arena›, aber haben immer gesagt, dass die Politik nicht in die Abläufe eingreift.» Scheitlin kann die aktuellen Umwälzungen «schwer abschätzen», bleibt aber «gelassen», wie er sagt. Dies aufgrund der stabilen Finanzsituation und der «guten Leute», die es im Umfeld des Clubs gewiss gebe.

Bedauern über die Abgänge und Hoffnung auf neue Investoren

Seit den «Hauruck-Übungen» von 2010, als plötzlich Kanton und Stadt dem maroden FC aus der Patsche helfen sollten, strebt der Verein ein «entspanntes und partnerschaftliches Verhältnis zur Politik an», wie es Dölf Früh einmal formulierte. Dazu wurde ein politischer Beirat gebildet, dem vier Kantonsräte und drei Stadtparlamentarier angehören und der sich zwei-, dreimal im Jahr mit Vertretern des Verwaltungsrats (bislang Hüppi), der Event AG (bislang Kesseli) sowie einer sportlichen Vertretung (bislang Sportchef) trifft. Im politischen Beirat sitzt Peter Boppart, CVP-Kantonsrat und FCSG-Matchbesucher seit Bubenjahren, der 2010 eine Übernahme des Stadions durch die öffentliche Hand vorschlug. Die derzeitigen Vorgänge seien «schlecht fürs Image», bedauert Boppart und hofft, dass sich die Wogen rasch glätten: «Wenn eine Gruppe Ostschweizer Unternehmer in die Bresche springt und als Team wirkt, funktioniert es. Auf keinen Fall darf der in der Region gut verankerte Club an irgendjemanden verscherbelt werden, wie es beim FC Wil der Fall war.»

Zwar sorgt sich Boppart um das «strukturelle Defizit des KMU», das Fragen nach der Organisation aufwerfe: «Wie viele Mitarbeiter sind wirklich nötig?» Doch betont er, dass sich der Politbeirat nicht in die Geschäfte einmische und kein Aufsichtsorgan sei. Ähnlich reagiert Bopparts Ratskollege Michael Götte, Fraktionschef der SVP: «Es ist klar nicht unsere Aufgabe, in der Vereinsführung oder auf dem Spielfeld dreinzureden.» Die Politik sei nun «in keiner Art und Weise gefragt», sagt Götte, der «auf Abruf» noch für die Event AG arbeitet. Die Frage nach dem Worst oder Best Case für den FC sei die falsche Frage: «Jetzt muss Ruhe einkehren, wie ist egal.» Der Club sei wie eine Firma, es seien private Gelder. Zum Gemunkel, Früh dirigiere den FC weiterhin aus dem Hintergrund, weicht Götte gekonnt aus: «48 Prozent der Aktien gehören ihm. Er ist damit der starke Mann.»

Nicht im Beirat, aber dem Club seit langem verbunden ist SP-Stadtparlamentarier Daniel Kehl, langjähriger Autor einer Kolumne im FCSG-Matchmagazin («Hutter & Mock») und Präsident des Trägervereins der Fanarbeit; gleiches gilt für seine Ratskollegin und Fanarbeit-Vizepräsidentin Karin Winter-Dubs (SVP). Die beiden Fraktionssprecher wollen die aktuellen Vorgänge nicht kommentieren. In einem kurzen gemeinsamen Statement bedauern sie aber den Rücktritt von Michael Hüppi aus dem Vorstand des Trägervereins der sozioprofessionellen Fanarbeit: «Wir haben ihn als loyal und verlässlich erlebt.»

«Dass Hüppi den Hut nimmt, ist ein schlechtes Zeichen», sagt Roger Dornier, FDP-Stadtparlamentarier und Mitglied des politischen Beirats. Das aktuelle Problem beim FC St.Gallen sei kein politisches. Trotzdem wünscht er sich, dass die Vereinsführung sich mit dem Beirat in Verbindung gesetzt hätte. «Der FCSG ist drauf und dran, sich den politischen Goodwill zu verspielen, wenn man uns im Dunkeln lässt.» Über mögliche Szenarien möchte Dornier nicht spekulieren. «Das Schlimmste wäre aber, wenn finanzielle Probleme zum Vorschein kämen, von denen wir bisher nichts gewusst haben.»

CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler ist ebenfalls politischer Beirat. 2010 kritisierte er Hüppi wegen dessen Aussage, Politiker würden «in vorderster Reihe stehen, sobald es Gratistickets gibt». Die Worte von damals sind verhallt; heute sagt Hugentobler, es werde immer schwieriger, den Verein zu führen, wenn gleichzeitig die «kompetentesten Leute wie Hüppi, Sessa und Kesseli» das Feld räumen. Er versteht, dass bei einem Wechsel der neue Leader seine Leute um sich scharen will. «Dölf Früh hat einen guten Job gemacht. Er ist eine starke Persönlichkeit, die den Club mit der Härte führte, die es brauchte.» Nun müsse aber Hernandez die Zügel in die Hand nehme. Von dessen Führungsstärke hat Dornier noch nichts gespürt, die Leitung wirke chaotisch, sagt er. «Die Kommunikation muss sich ändern.»


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