Sie war dabei, als 1200 Juden aus dem Konzentrationslager in St.Gallen ankamen

MÖRSCHWIL/ST.GALLEN ⋅ Heute vor 73 Jahren kam ein Zug aus dem Konzentrationslager Theresienstadt in St.Gallen an. Annemarie Frischknecht hat die Ankunft als Jugendliche miterlebt. Eine Erinnerung, die sie geprägt hat.
07. Februar 2018, 08:08
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Annemarie Frischknecht war zwölf, als am 7. Februar 1945 der Zug aus dem Konzentrationslager Theresienstadt in St.Gallen ankam. Sie lebte mit ihrer Familie am Singenberg, besuchte die Primarschule im Hadwig-Schulhaus. «Der Lehrer sagte zu uns: ‹Morgen habt ihr keine Schule›. Da hatten wir Kinder natürlich Freude.» Einen Tag zuvor hatte ein Zug mit 1200 Jüdinnen und Juden das Konzentrationslager Theresienstadt verlassen (siehe Kasten). Die Strecke führte über Prag, Dresden, Nürnberg und Konstanz nach St.Fiden. Frischknecht erinnert sich an einen «grossen, langen, schwarzen Zug», an «Männer und Frauen, mit Kopftüchern bedeckt und bleichen Gesichtern». Sie seien ganz dünn gewesen und schwarz gekleidet, hätten gemurmelt.

(Johannes Wey)

Die Männer mussten sich vor ihrer Abreise in Theresienstadt rasieren, die Frauen Lippenstift auftragen – ihre abgemagerten Körper sollten bei der Ankunft frisch aussehen. Die Erfahrung des KZ liess sich nicht überschminken. «Ich bin erschrocken», sagt die Zeitzeugin. «Das ist ganz furchtbar, habe ich gedacht. So sehen also Flüchtlinge aus. Es tat mir sehr leid für sie.»
 

Bevölkerung sollte Kontakt unterlassen

Die ehemaligen Lagerinsassen wurden im Hadwig-Schulhaus untergebracht, von einem Hilfskorps betreut und von der Ortswehr bewacht. Frischknecht kam nicht in Kontakt mit ihnen. Der Unterricht für die Primarschüler fand während dieser Zeit an einem anderen Ort stand. Ihre Mutter habe sie ermahnt, «nicht zu nah an die Flüchtlinge heran zu gehen». Die Bevölkerung war aus Angst vor Krankheiten dazu aufgerufen, den Kontakt mit den Flüchtlingen zu unterlassen. Dies war offenbar nötig, weil das Mitgefühl der St.Galler so gross war, wie Jörg Krummenacher in seinem Buch «Flüchtiges Glück» schreibt.

Woher die Flüchtlinge kamen, habe sie damals nicht gewusst und auch nicht weiter danach gefragt, «altersbedingt», sagt Frischknecht heute. Sie erinnert sich an Sirenenalarme, an die Bombardierung von Schaffhausen, an die Namen Hitler und Goebbels im Radio. Doch sie habe eine glückliche Kindheit gehabt. «Das weiss ich sehr zu schätzen.» Für Frischknecht war die Ankunft der ehemaligen KZ-Häftlinge prägend. «Sie hat mich dankbar gemacht. Es ist reines Glück, wo wir geboren werden.»

Frischknecht hat viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann den Juwelierladen Frischknecht in St. Gallen geführt. Auf dem Küchentisch in ihrem Haus in Mörschwil steht ein Bild, welches das Paar bei einer Kutschenfahrt zeigt – ein Geschenk der Kinder zur Diamantenen Hochzeit im vergangenen Jahr. Ihren Töchtern habe sie früher oft von den Flüchtlingen erzählt, nun gebe sie ihre Erinnerungen an die Enkelkinder weiter.

Frischknecht hat ihre Erlebnisse auch Catrina Schmid geschildert. Sie hat an der Pädagogischen Hochschule eine Masterarbeit über den Transport geschrieben und mit drei St.Galler Zeitzeugen gesprochen. Alle beschreiben die Ankunft des Zuges als eindrückliches Erlebnis.

Auch Pavel Hoffmann kommt in der Arbeit zu Wort – ein Überlebender. Im Herbst 2016 hat er im Hadwig-Schulhaus vor Schülern gesprochen. Er war vier, als er und seine Mutter 1943 von Prag nach Theresienstadt deportiert wurden. Die Mutter starb drei Wochen später, der Vater war bei einer Massenhinrichtung erschossen worden. An den Transport und den Aufenthalt in St.Gallen hat Hoffmann keine Erinnerung. Sie kehrte auch nicht zurück, als er 71 Jahre später nach St.Gallen zurückkehrte.

Vom Konzentrationslager nach St.Gallen

Am 5. Februar 1945 machte sich ein Zug mit 1200 Jüdinnen und Juden aus dem Konzentrationslager Theresienstadt auf den Weg nach St.Gallen. Er kam zwei Tage später in St.Fiden an. Alt Bundesrat Jean-Marie Musy und SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatten die Freilassung ausgehandelt. Himmler dürfte sich von der Aktion erhofft haben, den Ruf der Nationalsozialisten bei den Alliierten zu verbessern.

Einige Gefangene weigerten sich, die Reise anzutreten – sie befürchteten, der Zug würde in die Vernichtungslager im Osten fahren. Den Anstoss für die Rettung hatten Recha und Isaac Sternbuch gegeben. Das jüdische Ehepaar lebte bis Ende der 1930er-Jahre in St.Gallen und setzte sich für die Fluchthilfe ein. Die Flüchtlinge blieben nur wenige Tage in der Stadt, bevor sie in sogenannte Quarantänelager kamen. Die allermeisten mussten die Schweiz nach dem Krieg verlassen. (kbr)


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