«Ein gemeinsames Winterticket ist der falsche Ansatz»

BERGBAHNEN-STREIT ⋅ Der Gemeindepräsident von Wildhaus-Alt St. Johann ist als Vermittler gescheitert: Rolf Züllig über fehlende Transparenz, unzulässige Druckversuche und eine Region, die sich seit Monaten unmöglich macht.
28. November 2017, 10:32
Regula Weik, Christoph Zweili

Regula Weik, Christoph Zweili

ostschweiz@tagblatt.ch

Rolf Züllig, können Sie sich noch im Kanton bewegen, ohne auf den Bergbahnen-Streit angesprochen zu werden?

Ich muss mich überall für die Eskalation rechtfertigen. Die Bevölkerung leidet unter dem Streit. Sie wird instrumentalisiert und gezwungen, für eine Seite Partei zu ergreifen, ohne aktiv handeln zu können. Die Akteure sind andere. Die Wahrnehmung ausserhalb des Tals ist relativ simpel: Die Toggenburger streiten – gut, wenn ihnen die Regierung die Knöpfe eintut.

Wie lange gibt es die beiden Bergbahnen unter den aktuellen Bedingungen noch?

Eine schwierige Frage. Es wird für beide Bahnen schwierig, wenn sie die Gäste vor die Wahl stellen, entweder du fährst in Wildhaus oder in Unterwasser. Das wird dazu führen, dass einige Skifahrer dem Toggenburg den Rücken kehren.

Rolf Züllig, Gemeindepräsident Wildhaus-Alt St.Johann. Zoom

Rolf Züllig, Gemeindepräsident Wildhaus-Alt St.Johann.

Wie liesse sich das verhindern?

75 Prozent der Gäste wechseln das Gebiet nicht. Sie steigen entweder in Wildhaus oder Unterwasser ein und fahren dort Ski. Man könnte daher ganz einfach für jede Achse ein Ticket anbieten – und jene Gäste, die beide Gebiete nutzen wollen, zahlen einen Aufpreis. Die Mehreinnahmen würden dann gerecht unter den beiden Bahnen verteilt. Damit kann jeder Gast frei wählen und jenes Angebot nutzen, das ihm besser zusagt.

So weit liegen die Unternehmen nicht auseinander: Wildhaus setzt auf Familien, Unterwasser propagiert entschleunigtes Skifahren.

Im Kern wollen tatsächlich beide in etwa das Gleiche. Nur verfolgen sie einen anderen Weg. Die Toggenburg Bergbahnen (TBB) entschleunigen das ganze Gebiet und setzen auf Qualität; das Gebiet Wildhaus bietet getrennte Pisten für sportlich-ambitionierte Skifahrer und für Kinder und Anfänger an.

Welcher Weg ist der bessere?

Ich will nicht beurteilen, was richtig ist. Wenn ein ganzes Gebiet auf Entschleunigung setzt, dann ist der heutige Verteilschlüssel, der auf Frequenzen beruht, falsch. Ich verstehe, dass die Toggenburg Bergbahnen damit nicht mehr einverstanden sind. Dieser Schlüssel muss geändert werden – aber so, dass er für beide Bahnunternehmen passt und nicht eine Gesellschaft einseitig bevorzugt wird.

Darüber wird aber nicht geredet.

Diese lösungsorientierte Auseinandersetzung fehlt tatsächlich. Die beiden Gesellschaften beharren auf ihren Positionen und diskutieren zu wenig über ihre Motive oder Interessen. So lange sich dies nicht ändert, ist eine Lösung schwierig. Ich bin überzeugt: Mit etwas gutem Willen lässt sich eine Lösung finden, die mit Kompromissen für beide passt.

Ist die Fusion der einzige Weg, um die Region zu erhalten?

Die Region, die touristische Destination besteht nicht nur aus den Bergbahnen. Früher vertrat ich die Meinung: Hört auf, über eine Fusion zu reden. Ein gutes Konkubinat, das sich ergänzt, ist mindestens so gut wie eine Hochzeit. Inzwischen ist aber die Erkenntnis gereift: Wenn es nur noch eine Gesellschaft am Berg gäbe, wäre vieles einfacher. Dann müssten wir auch nicht mehr über ein gemeinsames Ticket diskutieren.
 

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Stimmt die Befürchtung, dass die Toggenburg Bergbahnen die Achse Wildhaus ausbluten wollen?

Das will ich ihnen nicht unterstellen. Wenn sie aber die Absicht haben, die Wildhauser Bahnen zu übernehmen, sollen sie auch offenlegen, welche Pläne sie für das Gebiet haben.

Die Wildhauser sind bei ihrem Projekt auf öffentliche Gelder angewiesen. Die TBB schaffen es ohne.

Die meisten Bergbahnunternehmen sind auf öffentliche Mittel angewiesen. Man kann das als des Teufels betrachten. Es ist aber Standard in der Branche.

Die Bevölkerung Ihrer Gemeinde will das Wildhauser Ausbauprojekt finanziell unterstützen. Erhalten auch die TBB Geld, wenn sie morgen bei Ihnen anklopfen?

Wir würden uns einem Hilferuf der Toggenburg Bergbahnen nicht verweigern. Ich würde das Geld aber an eine Bedingung knüpfen: die Lösung des Konflikts. Die Gemeinde ist kein Gegner der TBB. Wir brauchen den ganzen Berg, so wie er heute erschlossen ist – und nicht nur eine Achse. Übrigens: Wir hätten sie auch in der Vergangenheit unterstützt; sie lehnten dies ab.

Hat die Gemeinde die Unterstützung des Wildhauser Projekts an eine Auflage gebunden?

Die Bahnbetreiber müssen das Investitionsprojekt realisieren. Es ist nicht so, dass unser Aktienpaket à fonds perdu gezeichnet worden ist.

Wenn Wildhaus das Projekt nun gestaffelt umsetzte, weil keine Einigung zustande kommt?

Der Gemeinderat würde dem nicht einfach zustimmen. Wir müssten dann abwägen, ob dies dem Willen der Bürger noch entsprechen würde. Im Moment ist klar: Es gibt 500000 Franken, wenn das Projekt umgesetzt wird.

Der Kanton bleibt hart: Es fliesst kein Geld für die Pläne in Wildhaus. Hat Regierungsrat Bruno Damann in den nächsten Wahlen Ihre Stimme noch?

Die Situation ist für Herrn Damann nicht einfach, wirklich nicht. Er hätte die Gelder in Eigenkompetenz sprechen können. Er tat dies aber nicht und hat im Wissen um die Brisanz die Gesamtregierung konsultiert. Ich bin mir sicher: Herr Damann ist heute klar, dass die Forderung nach einem gemeinsamen Ticket der falsche Ansatz für eine Lösung ist.

Weshalb?

Es ist eine Forderung, die der Gesuchsteller, die Bergbahnen Wildhaus, allein nicht erfüllen kann. Das ist, als ob das Kantonsparlament das Budget nur unter der Bedingung genehmigen würde, wenn es der Regierung gelingt, zusammen mit Thurgau und beiden Appenzell einen Metropolitanraum zu bilden. Wenn die angesprochenen Partner nicht wollen, kann sich die Regierung die Zähne ausbeissen, wie das aktuelle Beispiel zeigt.

Wäre die Übernahme der Bergbahnen durch den Staat der Ausweg?

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis dazu. Aufgrund der Situation im Toggenburg muss ich aber sagen: Es wäre wohl das einzig Richtige. Ich wünschte mir eine Gesellschaft, bei der kein privater Akteur das alleinige Sagen hat. Die Aktien müssen sinnvoll verteilt sein; die Gemeinde könnte mit 20 oder 30 Prozent dabei sein, ebenso der Kanton.

Wie wichtig ist der Wintertourismus im Obertoggenburg überhaupt?

Der Winter bringt beiden Bahnen 60 bis 75 Prozent der Einnahmen.

Wie viele glauben so wie Sie an einen Neuanfang?

Es gibt breite Kreise, die so denken. Um ihnen in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, müsste man diese Signale aber bündeln.

Hat der Bergbahnen-Streit Ihre Gemeinde gespalten?

Es ist inzwischen so, dass sich durch die lange Auseinandersetzung Lager gebildet haben – entweder bist du für die Toggenburg Bergbahnen oder für die Bergbahnen Wildhaus. Für die Region ist das die schlimmste Situation. Wenn wir nur einen Teil der Kräfte, die wir für diese interne Auseinandersetzung aufbringen, positiv nutzen könnten, wäre das für das Obertoggenburg famos.


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