Das Update der Schulen läuft

DIGITALISIERUNG ⋅ Im neuen Schuljahr wird an den Ostschweizer Volksschulen das Fach «Medien und Informatik» eingeführt. Technisch sind sie dafür bereit. Doch bei der Weiterbildung der Lehrkräfte hapert es noch.
13. August 2017, 13:52
Tobias Hänni
Das Oberstufenzentrum Sproochbrugg in Zuckenriet rüstet sich für den digitalen Wandel, der mit dem neuen Schuljahr in den Ostschweizer Klassenzimmern Einzug hält. Rund 300 000 Franken investiert die Oberstufenschulgemeinde Niederhelfenschwil-Zuz-wil in die Infrastruktur des Zentrums: WLAN auf dem ganzen Schulgelände, neue Server sowie je 50 neue Laptops und Tablets. Die Investition kommt zum richtigen Zeitpunkt. Denn mit dem Lehrplan 21 wird ab morgen in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Ausserrhoden an den Kindergärten, Primar- und Oberstufenschulen auch das Modul «Medien und Informatik» eingeführt. Dieses wird in die anderen Fächer integriert, findet ab höherer Stufe aber auch als eigenständiges Fach statt. Es soll den kompetenten Umgang mit neuen Medien und erste Informatikkenntnisse vermitteln sowie deren Anwendung im Unterricht intensivieren.

Mit Blick auf die Einführung des Moduls hat der Erziehungsrat des Kantons St. Gallen bereits 2016 Empfehlungen für die Schulgemeinden formuliert. In dem Papier definiert er etwa die Grundausstattung mit mobilen Geräten wie Laptops oder Tablets für den digitalen Unterricht: Auf Kindergartenstufe empfiehlt er zwei Arbeitsgeräte pro Klasse, auf Primarstufe vier, und auf Sekundarstufe fünf. Des Weiteren legt er den Schulen die Anschaffung von Peripheriegeräten, etwa elektronische Wandtafeln, leistungsfähige Internetzugänge und Drahtlosnetzwerke ans Herz.

Schulen fangen nicht bei null an

«An der Sproochbrugg erfüllen wir die Empfehlungen des Erziehungsrats», sagt Schulleiter Fredy Noser, der auch Präsident des kantonalen Schulleiterverbands ist. Ob auch die anderen St. Galler Schulen technisch à jour sind, kann er nicht genau sagen. «Aber ich gehe davon aus, dass der Grossteil der Schulen über eine gute Infrastruktur verfügt.» Diese Einschätzung teilt Alexander Kummer, Leiter des kantonalen Amtes für Volksschulen. «Die Schulen sind bei der Ausstattung und Nutzung neuer Kommunikations- und Informationstechnologien gut unterwegs.» Der Erziehungsrat habe schon 2001 ein Konzept zur Informatik in der Volksschule erlassen, das von allen Schulen übernommen und 2015 angepasst worden sei. Eine Evaluation habe schon 2010 gezeigt, dass neue Medien und Technologien im Unterricht häufig genutzt würden. «Die Schulen fangen darum nicht bei null an.»

Die Empfehlungen des Erziehungsrats sind für die Schulen nicht verbindlich, erklärt Kummer. Zwingend sei dagegen der neue Lehrplan. «Aus diesem ergibt sich fast zwangsläufig eine technologische Grundausstattung, wie sie der Rat formuliert hat», sagt Kummer. Obwohl «Medien und Informatik» mit Beginn des neuen Schuljahrs unterrichtet werden muss, haben die St. Galler Schulen bis 2020 Zeit, dieses vollständig umzusetzen. Kummer hält das für unproblematisch. «Medienkompetenz und erste Informatikkenntnisse lassen sich auch ohne die neueste Infrastruktur vermitteln.» Bei ­ der praktischen Anwendung im Unterricht brauche es zwar entsprechende Geräte. Doch auch hier relativiert Kummer: «Dass etwa die Kindergärten hier noch nicht so weit sind, ist sonnenklar. Das muss auch nicht sein.»

Bewusst keine Geräte im Kindergarten

Dieser Ansicht ist man auch in der Stadt St. Gallen. Sie verzichtet bislang auf einen systematischen Einsatz elektronischer Medien in den Kindergärten. «Es ist nach wie vor sehr umstritten, ab welcher Stufe diese in den Unterricht gehören», sagt Marlis Angehrn, Leiterin der Dienststelle Schule und Musik. Auf Primar- und Oberstufe setze St. Gallen dagegen ein Konzept um, das auf den jeweiligen kantonalen Empfehlungen basiert. «Derzeit wird das Konzept überprüft.» Unabhängig davon treibt die Stadt die technische Modernisierung laufend voran: So ist derzeit die Anbindung aller Schulhäuser ans Glasfasernetz und deren Ausstattung mit WLAN in Arbeit.

Pro Primarklasse rechnet die Stadt zurzeit mit vier Schülergeräten – wobei sie bis auf weiteres auf Laptops setzt. Der Einsatz von Tablets, wie er vom Erziehungsrat insbesondere für die ersten Schuljahre empfohlen wird, sei in der Stadt erprobt, zurzeit aber nicht flächendeckend vorgesehen, sagt Angehrn. «Bei der Gerätebeschaffung stellen sich wichtige Grundsatzfragen.» Eine Rolle spiele dabei nicht nur die rasche technologische Entwicklung, sondern auch die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche vermehrt ein eigenes Notebook oder Tablet besässen. Gleichzeitig verursache die Anschaffung von Geräten den Schulen hohe Kosten. «Wir prüfen längerfristig deshalb auch das Modell, bei dem die Schülerinnen und Schüler das eigene Gerät mit in die Schule nehmen dürfen», sagt Angehrn.

Manchen Schulen fehlt das Geld

Das sogenannte «Bring your own device»-Modell erwähnt auch der Kanton Thurgau in einer Orientierungshilfe für die Volksschulen – neben weiteren Varianten, etwa einem Gerätepool für die ganze Schule oder für die einzelnen Klassen. «Letztlich liegt es in der Autonomie der Schulgemeinden, welches Modell sie einsetzen möchten», sagt Beat Brüllmann, Leiter des Thurgauer Volksschulamts.

Brüllmann attestiert den Schulen, bei der Digitalisierung «auf gutem Weg» zu sein. «Wir haben 2008 ein kantonales Informations- und Kommunikationstechnologie-Projekt lanciert, an dem sich die meisten Schulen beteiligt haben.» Mit dem Projekt habe man die Basis für die weitere Digitalisierung des Unterrichts gelegt. Als Knackpunkt bezeichnet Brüllmann die Weiterbildung der Lehrpersonen. «Hier haben wir den Aufwand unterschätzt.» Zudem habe die kantonale Abstimmung über den neuen Lehrplan im November 2016 dazu geführt, dass man mit der Ausbildung nicht schon früher habe beginnen können. «Wir schicken nun ein Weiterbildungskonzept in die Vernehmlassung», sagt Brüllmann.

Schon weiter ist in dieser Hinsicht Appenzell Ausserrhoden. Von den rund 650 Lehrkräften an den Volksschulen hätten sich 100 für «Medien und Informatik» weitergebildet, sagt Ingrid Brühwiler, Leiterin der kantonalen Volksschulabteilung. «Das ist der Vorteil eines kleinen Kantons – wir konnten schnell loslegen.» Trotzdem lässt Ausserrhoden den Schulen fünf Jahre Zeit, um das Modul vollständig umzusetzen. «Es gibt Schulgemeinden mit wenig Geld. Diese können nicht von heute auf morgen ihre IT-Infrastruktur modernisieren und neue Geräte kaufen», sagt Brühwiler.

"Viele Lehrpersonen sind überfordert": Unter diesem Link lesen Sie ein Interview mit Martin Hofmann, Co-Leiter des Instituts ICT & Medien der Pädagogischen Hochschule St.Gallen.


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