Programmieren für Primarschüler

INFORMATIK ⋅ Ostschweizer Politiker und Verbände wollen den Nachwuchs für die Digitalisierung rüsten. In St. Gallen programmieren Kinder derweil in privaten Ferienkursen Computerspiele und steuern Roboter.
06. November 2017, 05:18
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Gelöscht. Alles weg. Megan springt von ihrem Stuhl auf, stampft mit dem Fuss. Ihr Zopf wippt auf und ab. «Oh Mann, ich bin so blöd!», sagt sie und hält die Kinderhände vors Gesicht wie das Emoji-Äffchen. Dann lässt sie sich auf ihren Stuhl fallen. «Macht nichts. Das kriegen wir hin. Wir sind ein gutes Team», sagt Soraya und streicht der Freundin über die Schulter, liebevoll, ermutigend. Megan setzt sich aufrecht hin und legt die Hand auf die Laptop-Maus. «Gut. Und dieses Mal speichern wir’s.»

Die Mädchen, beide zehn Jahre alt, haben in den Herbstferien den Kurs Game Design im Forum Webersbleiche in St. Gallen besucht. Ein privater einwöchiger Informatikkurs für Kinder (siehe Kasten). Mit «Scratch 2» haben sie eigene Computerspiele entworfen.

Megan führt den Mauszeiger zu «Ereignisse». Dann geht alles schnell. Die Mädchen geben Koordinaten und Zeitspannen ein, wählen aus, ergänzen – ganz selbstverständlich. Die Befehle ­fügen sich ineinander wie Puzzleteile. «Wird Farbe Weiss berührt, gleite in 1 Sekunde zu x: –210, y: –140.» Auf der linken Hälfte des Bildschirms ist zu sehen, was die Mädchen programmieren: weisse Wolken vor hellblauem Hintergrund. Links unten ein Pferd mit Flügeln, rechts oben ein Regenbogen und Herzen. Ziel und Regel: Das Pferd soll zum Regenbogen. Berührt es eine Wolke, fällt es an den Start zurück.

Was die Mädchen mit Leichtigkeit schaffen, fällt einem der Buben am Tisch schwer. Die Leiterin hilft ihm. Ein Dutzend Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben an dem Kurs in den Herbstferien teilgenommen, die eine Hälfte Mädchen, die andere Buben, nach Alter getrennt.

Roboter sehen aus wie kleine Zyklopen

Aus dem Raum nebenan ist ein Surren zu hören. Marloes Caduff, Gründerin von Codillion, dem Unternehmen, das die Kurse anbietet, öffnet die Tür und schliesst sie gleich wieder. «Die anderen sollen nichts von den Robotern mitbekommen, sonst ist es vorbei mit der Konzentration.» Vier Geräte aus je vier Kugeln rollen über den Boden. Die Kamera in der oberen sieht aus wie ein grosses Auge, der Roboter wie ein kleiner Zyklop. Ein dumpfer Schlag, Kollision zweier Zyklopen. Während die Grösseren programmieren, lenken die Sechs- bis Neunjährigen Roboter. Sie knien auf dem Boden, in den Händen je ein Tablet in einer Halterung aus Plastik.

Die Kurse von Codillion gibt es seit gut einem Jahr, mittlerweile in sechs Kantonen. In der Ostschweiz in der Stadt St. Gallen und in Altstätten. Gründerin Marloes Caduff ist Umweltingenieurin. Sie lebt mit ihrer Familie in Schmerikon und war häufig im Ausland. Andere Länder seien viel weiter, sagt die 40-Jährige. Sie hörte sich bei Eltern um und spürte grosses Interesse an Programmierkursen. Aus der Idee ist ein Unternehmen geworden. Ab dem neuen Jahr kommt zu den sechs Kursleiterinnen der erste Mann hinzu. Frauenförderung ist Caduff wichtig. Mädchen seien in den Kursen meist genauer und motivierter. Umso mehr bedauert sie, dass ab dem Alter von zehn Jahren fast nur noch Buben teilnähmen. Der Kurs in St. Gallen sei eine Ausnahme.

Die Kinder lernen hier Grundlagen der Informatik. Wäre es nicht wichtiger, Rechnen und Lesen zu vertiefen? «Ich will das nicht gegeneinander ausspielen», sagt Caduff. Ginge es nach ihr, würden Schulen mehr mit neuen Technologien arbeiten. Mit dem Lehrplan 21 und dem Modul «Medien und Informatik» versuchen Ostschweizer Volksschulen seit diesem Schuljahr genau das. Braucht es da Codillion noch? «Bei uns lernen die Kinder freiwillig und spielerisch, die Kursleiter sind hochmotiviert.» Die Kurse seien eine gute Ergänzung.

Medienpädagoge lobt Angebot

Martin Hofmann gibt ihr Recht. Gegen das Freizeitangebot sei aus medienpädagogischer Sicht sicherlich nichts einzuwenden, sagt der Co-Leiter des Instituts ICT und Medien an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Aber sitzen Kinder nicht schon oft genug am Handy? «Entscheidend ist nicht allein die Dauer, sondern die Qualität der Gerätenutzung.» Gerade weil Kinder viel Zeit mit Smartphones verbringen, sei es wichtig, sie früh ans Programmieren heranzuführen. Weil es mehr Kompetenzen erfordere «als nur gamen und Videos gucken». Ansonsten hätten wir in wenigen Jahren das massive Problem einer ganzen Generation von digitalen Analphabeten. «Und das können wir uns als Gesellschaft definitiv nicht leisten.»

Megan und Soraya gamen viel. «Meistens Minecraft», sagt Soraya. Sie rückt mit der einen Hand ihre Hornbrille zurecht und wedelt mit der anderen vor Megans T-Shirt herum. Darauf sind kleine Figuren aus dem Computerspiel aufgedruckt, verpixelte, kastenförmige Wesen. Megan geht sie der Reihe nach durch: «Mädchen, Dorfbewohner, Hund, Hexe, Schwein und Schleim.» Schleim ist ein grüner Würfel. Noch würden das ihre Eltern nicht erlauben, aber später wollen die beiden einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem sie Spiele testen. Einen Namen haben sie schon: «Megso. Wegen Megan und Soraya. Ist ja klar.» Und ihr Berufswunsch? «Spieleentwicklerin.» Das ist wiederum nicht so klar.

Nur fünf Prozent der Ostschweizer Jugendlichen möchten später im ICT-Bereich arbeiten. Das hat die Ostschweizer Jugendstudie ergeben, die im Sommer veröffentlicht wurde. Der Fachkräftemangel ist ein Grund, weshalb sich die Standortförderung des Kantons St. Gallen, die IHK St. Gallen Appenzell und Parlamentarier für die IT-Bildungsinitiative einsetzen – auch wenn einige Kantonsräte deren Ausrichtung kritisieren (Ausgabe vom 1. November).

Wind kommt aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig

Megan und Soraya haben ihr Spiel programmiert. Und gespeichert. Die weissen Wolken fliegen über den Bildschirm, als wehte der Wind aus jeder Himmelsrichtung gleichzeitig. Megan manövriert das Pferd. Sie drückt die Pfeiltaste nach unten, schnell rüber, Pfeil nach rechts. Da hängt schon die nächste Wolke und von unten steuert eine direkt auf das Pferd zu. Ein Zusammenstoss ist unausweichlich, zurück an den Start. Nächster Versuch. Soraya ist dran. Und scheitert.

«Ich hab eine Idee», sagt Megan. Sie nimmt die Maus, beginnt zu klicken. Die Mädchen rücken zusammen, verdecken den Bildschirm, drücken Tasten, bewegen die Maus. Kurze Zeit später Kichern, das zu Lachen wird. Die Buben, die am Laptop nebenan arbeiten, gehen zu den Mädchen hinüber. «Boah», sagt einer, als er sieht, wie das Pferd gemächlich über den Bildschirm schwebt. Es ist dreimal so gross wie zuvor, die Wolken wirken winzig im Vergleich. Und sie können dem Pferd nichts mehr anhaben. Es fliegt bis zum Regenbogen.


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