«Das Kopftuch hat mit Identität zu tun»

INTEGRATION ⋅ Nadia Baghdadi hat sich zum Reformationsjubiläum mit der Frage beschäftigt, ob es einen islamischen Luther braucht. ­ Im Interview spricht die Islamwissenschafterin über das St. Galler Burkaverbot und die Skepsis gegenüber Muslimen in der Ostschweiz.
09. Oktober 2017, 06:41
Walter Brehm, Katharina Brenner

Nadia Baghdadi, braucht es einen ­islamischen Luther?

Eine Figur wie Luther würde heute eher Öl ins Feuer schütten. Man vergisst gerne, dass die Reformation zu Spaltungen und Gewalt geführt hat, zum 30-jährigen Krieg. Statt zu einer Person tendiere ich zu einer integrativen Entwicklung, die Hoffnung für die Zukunft gibt.

Meinen Sie damit Reformmoscheen wie in Berlin, wo Frauen und Männer gemeinsam beten?

Es gibt in der Schweiz Vertreterinnen eines islamischen Humanismus: Elham Manea oder Saïda Keller-Messahli. Es ist wichtig, dass ihre Art, den Islam zu leben, sichtbar und das Feld nicht der salafistischen Bewegung überlassen wird. Konservative empfinden den liberalen Islam als Provokation. Der Auftritt liberaler Muslime trennt deshalb momentan eher, als dass er eint. Wir sollten im Kleinen anfangen und den Dialog suchen.

Wie führt man einen Dialog, der möglichst viele Muslime einschliesst, wenn von den 350000 Muslimen in der Schweiz nur ein kleiner Teil organisiert ist?

Die Politik braucht einen Ansprechpartner. Dafür wird in Zukunft ein Dachverband nötig sein, in dem die unterschiedlichsten muslimischen Vereinigungen organisiert sind, auch der Muslimische Zentralrat.

Kennt dieser Dialog auch Grenzen?

Ich stelle mir diese Frage bei Rechtspopulisten genauso wie bei radikalen Salafisten. Bei beiden sind Meinungen vorgefertigt, es gibt keine richtige Debatte. Aber es ist mir ein Anliegen, Menschen mit ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten zu sehen. Ich muss nicht alles gutheissen, was ein Mensch tut, aber das Gespräch zu verweigern, ist der falsche Weg.

Mit wenigen Ausnahmen sagen Schweizer Politiker: Wir haben nichts gegen den Islam, aber man muss den politischen Islam bekämpfen. Nur, wann wird der Islam politisch? Ist das Kopftuch bereits ein politisches Statement?

Da sind sich Islamwissenschafter uneins. Was den IS betrifft, gibt es die These, dass man ihn nicht nur aus dem Islam heraus erklären kann und der Islam erst nach der Radikalisierung zum Vehikel wird. Es ist immer auch eine Frage des Politikbegriffs. Feministinnen sagen, das Private ist politisch. Ich glaube, es ist politisch, wenn jemand ein Kopftuch trägt, es hat mit Identität zu tun, mit Machtverhältnissen. Aber nicht jede Frau macht sich diese Gedanken, wenn sie ein Kopftuch trägt.

Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man sagt, die Radikalisierung habe nicht primär mit dem Islam zu tun, wenn sich Dschihadisten auf den Koran berufen können?

Darüber kann man streiten. Es gibt ­Elemente im Islam, die Gewalt zulassen, das ist unbestritten. Wenn man aber sagt, die Person radikalisiert sich erst und findet dann zum Islam, entlastet man die Mehrheit aller anderen ­Muslime, die sich dauernd verteidigen müssen.

Der Kanton St. Gallen hat kürzlich ein Burkaverbot beschlossen. Was halten Sie davon?

Es ist ein helvetischer Kompromiss: Man hat auf die Angst gewisser Bevölkerungskreise reagiert und gleichzeitig das ­Gesetz so formuliert, dass es nur in bestimmten Fällen gültig ist. Man könnte es auch als Symbolpolitik bezeichnen: Ich habe in der Ostschweiz noch nie eine vollverschleierte Frau gesehen.

Nicht nur von rechter Seite gibt es Stimmen für ein Burkaverbot.

Wenn man sagt, man muss die Frauen schützen, macht man sie aber wieder zum Objekt.

Allerdings führen auch Muslima diese Debatte.

Das ist auch wichtig. Es wird zwangsläufig unterschiedliche Standpunkte geben und es gibt Bemühungen, den Islam mit feministischen Standpunkten zu vereinbaren.

Ein Verhüllungsverbot ist also nicht der richtige Weg?

Man muss nach den Motiven fragen. Wenn man damit Frauen beschützen möchte, ist es dann wirklich der richtige Weg? Es braucht vor allem Anlaufstellen für Frauen, die Gewalt erfahren haben.

Sie haben die Karrierechancen muslimischer Migrantinnen in der Schweiz untersucht. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?

Häufig wird ein universitärer Abschluss nicht anerkannt, ein Netzwerk fehlt. Für gut qualifizierte Frauen ist es besonders schwierig. Denn das Bild von Musliminnen in der Schweiz ist, dass sie schlecht qualifiziert und unterdrückt sind und nur schlecht Deutsch können.

Eigenschaften, die auf manche zutreffen.

Das ist richtig. Aber von ihnen auf alle zu schliessen, ist falsch. Es ist genauso diskriminierend, eine 30-jährige Schweizerin nicht einzustellen, weil viele Frauen schwanger werden. Qualifizierte Musliminnen arbeiten häufig in der Sozialen Arbeit, in der Forschung oder im Kunstbereich, weil ihr Hintergrund dort anerkannt oder als Vorteil bewertet wird. Aber die meisten wollen nicht wegen ihres Hintergrunds angestellt werden, sondern weil sie Fachpersonen sind.

Ihr Vater ist aus dem Libanon in die Schweiz gekommen. Sie tragen seinen arabischen Namen. Hatten Sie mit Ausgrenzungen zu kämpfen?

Ja. Aber mein Vorteil ist, dass ich hier zur Schule gegangen bin und hier studiert habe. Das habe ich in meiner Studie ­gesehen: Ein Schweizer Abschluss hilft sehr. Auch aufs Schweizerdeutsche wird viel Wert gelegt. Ich habe aber meinem Vater gegenüber sehr viel Ablehnung ­erlebt. Das hat mich geprägt. Und als Jugendliche musste ich so viele Fragen zum Islam beantworten. Meine Forschung ist meine Art, das zu verarbeiten.

Erleben Sie Islam- und Ausländerfeindlichkeit in der Ostschweiz?

In Gesprächen spüre ich eine Skepsis gegenüber dem Islam. Das belegen auch aktuelle Zahlen der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes. Knappe 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung stehen dem Islam demnach skeptisch gegenüber.

Würde dem eine Imam-Ausbildung in der Schweiz entgegenwirken?

Das wäre sinnvoll und könnte integrativ wirken. Es wäre am besten, eine solche Ausbildung an ein religionswissenschaftliches Institut anzugliedern.

Ein gewisses Misstrauen vieler Schweizer rührt daher, dass sie die Sprachen nicht verstehen, die in den Moscheen gesprochen werden.

Dass in den Moscheen andere Sprachen gesprochen werden dürfen, ist wichtig für die Gemeinschaften. Mehrsprachigkeit ist etwas Wertvolles, das ist auch wissenschaftlich belegt. Selbst wenn nur Deutsch gesprochen würde in den Moscheen, blieben Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung bestehen.

Was ist Ihr Eindruck von der Wiler Moschee?

Ich finde, die Moschee in Wil macht ­einen guten Job. Sie versteht sich als Begegnungszentrum.

Sie leiten im Fachbereich Soziale Arbeit das International Office. Fördern Sie den Austausch mit muslimisch geprägten Ländern?

Wir haben nur Austauschprogramme in Europa. Da unser Studienangebot auf Deutsch ist, sind wir eingeschränkt. Aber wir haben schon Studienreisen in die Türkei und nach Israel angeboten.

Wäre mehr Austausch wünschenswert, um Schranken abzubauen, oder herrscht an einer Hochschule per se ein offenes Klima?

Gerade in linken Kreisen sind Vorurteile sehr versteckt. Es ist erwünscht, dass man sie nicht hat, aber wir alle haben sie. Wir alle müssen uns immer wieder mit unseren Vorurteilen auseinandersetzen.


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