Einkäufe im Netz und ennet der Grenze setzen Ostschweizer Gewerbe weiter zu

EINKAUFSTOURISMUS ⋅ Der Einkaufstourismus in Konstanz habe etwas nachgelassen, sagt das Gewerbe hüben wie drüben. Eine Studie der Universität St.Gallen zeigt jedoch: Der Verlust für die Schweizer Wirtschaft durch Einkäufe im Ausland nimmt zu.
23. November 2017, 05:20
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Die Stimmung unter den Ostschweizer Fachhändlern ist besser als auch schon: Der Schweizer Einkaufstourismus im nahen Ausland scheint etwas abzuflachen. Das Konstanzer Gewerbe meldet sinkende Umsätze bei den Kunden aus der Schweiz. Auch der Dachverband der Thurgauer Fachgeschäfte stellt eine Veränderung fest: «Nach meiner Einschätzung hat sich im Thurgau der Einfluss des Einkaufstourismus stabilisiert», sagt Präsident Matthias Hotz. Zu den Hauptgründen zählt er den gestiegenen Eurokurs und Preisanpassungen beim hiesigen Handel. Zudem werde den Schweizerinnen und Schweizern die negative Seite des Einkaufstourismus mehr und mehr bewusst. «Wir sind sehr optimistisch, dass sich die Entwicklung für unsere Fachgeschäfte nun wieder verbessert.» Einen Rückschlag während des Weihnachtsgeschäfts erwartet Hotz nicht.

Anzeichen einer Entspannung gibt es auch im Kanton St.Gallen: «Man merkt zumindest, dass das Problem mit dem Einkaufstourismus nicht mehr deutlich zunimmt», sagt Bernhard Scherzinger, Präsident der Gruppe Handel im kantonalen Gewerbeverband. Die Zahlen hätten sich insgesamt etwas verbessert. Zwar sei schwer zu sagen, wie stark das mit dem Einkaufstourismus zusammenhänge. «Aber manchen Kunden sind sicher inzwischen die Nachteile des Einkaufens im Ausland klar geworden.» Die lange Anfahrt und die mühsame ­Suche nach einem Parkplatz in Konstanz beispielsweise. Dennoch bleibe die Konkurrenz im Ausland für das St.Galler ­Gewerbe eine grosse Herausforderung.
 

Dem Schweizer Gewerbe entgehen über 9 Milliarden Franken

In Konstanz sinken bei 40 Prozent der Geschäfte die Umsätze mit Schweizer Kunden, wie das SRF-«Regionaljournal» berichtete. Laut Peter Kolb von der Interessengemeinschaft des Konstanzer Handels dürfte der Umsatzverlust bei den Einkäufen der Schweizer gegenüber dem Vorjahr insgesamt etwa 10 Prozent betragen. Eine Studie der Universität St.Gallen zeigt allerdings, dass der Einkaufstourismus insgesamt keineswegs schwächelt. Im Gegenteil. Der geschätzte Verlust für die Schweizer Wirtschaft wegen der Einkäufe im Ausland ist gestiegen. Im Jahr 2015 waren es 8,3 Milliarden Franken, 2017 nun 9,1 Milliarden. Den grössten Teil machen immer noch Einkäufe aus, welche die Schweizer direkt vor Ort im Ausland tätigen – 7,9 Milliarden. Der Rest entfällt auf Online-Bestellungen bei ausländischen Anbietern – 1,2 Milliarden. Über die jüngste Entwicklung in einzelnen Städten enthält die Studie keine Angaben. Eine ­repräsentative Umfrage der HSG in der Deutschschweiz hat aber ergeben, dass Konstanz nach wie vor das beliebteste Ziel ist: 27,2 Prozent der Befragten gaben an, am häufigsten nach Konstanz zu fahren, wenn sie im grenznahen Ausland einkaufen. Auf dem zweiten Platz liegt Waldshut-Tiengen mit 10,6 Prozent.

Um den Einkaufstourismus zu bremsen, wollen Politiker die Limite für die mehrwertsteuerfreie Einfuhr von Waren von 300 auf 50 Franken senken – oder die Freigrenze gleich ganz abschaffen. Der Bundesrat lehnt beides ab. Die Kantonsparlamente wollen nun den Druck auf Bern erhöhen: In St.Gallen und im Thurgau wird die Aufhebung der Freigrenze diskutiert. Die HSG-Umfrage zeigt nun: Einkaufstouristen geben im Durchschnitt 246 Franken für einen Einkauf ennet der Grenze aus. Dabei spielt die Zollfreigrenze durchaus eine Rolle. Eine Frage in der Erhebung lautete: «Hätten Sie Ihren letzten Einkauf genauso getätigt, wenn der Freibetrag für die Einfuhr von Waren nur noch 50 Franken wäre?» 64 Prozent der Befragten antworteten mit Ja. 23 Prozent jedoch gaben an, sie hätten in diesem Fall nur für ­maximal 50 Franken eingekauft. Weitere 13 Prozent wären gar nicht erst ins grenznahe Ausland einkaufen gegangen. Dies würde den Verlust für die Schweizer Wirtschaft, den der Einkaufstourismus verursacht, von 9,1 auf rund 7 Milliarden Franken reduzieren, wie HSG-Professor Thomas Rudolph gegenüber der SRF-Sendung «10vor10» sagte.

Der Thurgauer Fachgeschäfte-Verband jedenfalls erwartet, dass der Freibetrag gesenkt wird. «Wir unterstützen diese Bestrebungen und sind erfreut, dass in der Politik nach verschiedensten Anläufen nun hoffentlich auch etwas in Bewegung kommt», so Präsident Matthias Hotz. Bernhard Scherzinger vom St. Galler Gewerbeverband sagt, es sei fraglich, warum es überhaupt einen Freibetrag brauche. Ein Preisgefälle zwischen der Schweiz und dem nahen Ausland bleibe so oder so bestehen.
 

Eurokurs hätte erst ab 1,40 eine grosse Bremswirkung

Auch den Einfluss des Wechselkurses auf das Kaufverhalten beleuchtet die HSG-Studie. Derzeit ist ein Euro 1,16 Franken wert. Damit eine grosse Mehrheit der Befragten wesentlich seltener ins Ausland einkaufen ginge, müsste der Kurs aber bei 1,40 oder sogar noch höher liegen.

Der Anteil des Einkaufstourismus, der sich im Internet abspielt, ist zwar derzeit noch vergleichsweise gering, nimmt aber stark zu: 2015 kauften noch 30 Prozent der Schweizer online ein, dieses Jahr sind es bereits 37 Prozent. So werden etwa Sportartikel und Kleider vermehrt im Netz eingekauft. Dem hiesigen Gewerbe bereitet der Internethandel denn auch fast mehr Sorgen als die Einkaufsfahrten ins Ausland, wie Bernhard Scherzinger sagt. «Es kann ja nicht sein, dass sich Kunden bei uns in den Läden beraten lassen und die Produkte dann online bestellen.» Die Fachhändler-Verbände versuchen darum, die Kunden mit Aktionen und Kampagnen für solche Probleme zu sensibilisieren.


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