In der Ostschweiz müssen Impfstoffe rationiert werden

MEDIZIN ⋅ Es fehlt vor allem am Tetanus-Impfstoff in der Ostschweiz. Ärzte müssen rationieren und auf andere Produkte ausweichen. Die Folgen für die Patienten: Wartezeiten, Kosten und unnötige Impfungen. Hausärzte müssen zudem vermehrt Leute ins Spital schicken.
09. November 2017, 09:18
Martin Rechsteiner

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@tagblatt.ch

«In der Ostschweiz fehlen Impfstoffe. Betroffen davon sind die Hausärzte.» Das sagt der Präsident des Verbandes der Haus- und Kinderärzte Ostschweiz (HKO), Salvatore Tricarico. «In den Ostschweizer Praxen, besonders auf dem Land, fehlen Impfstoffe, stark betroffen ist zurzeit Tetanus.» Die Ärzte seien gezwungen zu rationieren. Manch einer stehe dann vor einem ­Dilemma, weil er Patienten an andere Orte, meist ins Spital, schicken müsse. «Kinder haben Vorrang vor älteren Leuten, welche oft noch eine Teilimmunität durch frühere Impfungen besitzen.» Die meisten Praxen helfen sich gegenseitig aus mit den Impfungen.

Das Problem von knappen Impfstoffen und Arzneien ist ein schweizerisches und liegt bei der Beschaffung. Sie erfolgt in vielen Fällen aus dem Ausland. Einige wichtige Vakzine und Antibiotika werden nur noch von einzelnen Grosskonzernen in Asien hergestellt, die den gesamten Weltmarkt beliefern (siehe Zweittext). Hapert es dort bei der Lieferung, sind die Folgen überall zu spüren.

Aktuell listet des Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) 9 Impfstoffe und 15 Arzneimittel auf, darunter Antibiotika, welche nur noch ­limitiert oder gar nicht mehr erhältlich sind – einige von ihnen schon seit über einem Jahr. Das hat das BWL dazu veranlasst, seine Pflichtlager anzuzapfen. Diese sind aber teilweise noch kaum gefüllt, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete.
 

Spitäler häufen Vorräte an

Auch die Ostschweizer Spitäler spüren, wenn die Lieferungen auf dem Weltmarkt stocken. Dass Arzneien oder Impfstoffe knapp werden, passiere ständig, sagt Thomas Lehmann von der Spitalapotheke des Kantonsspitals St.Gallen. «Zum Glück sind wir mittlerweile darauf eingestellt und haben selbst Vorräte angelegt, wo dies möglich ist, oder ­haben geeignete Ersatzprodukte beschafft.» Meist gebe es in ­diesen Fällen eine Notlösung: «Tetanusimpfstoff zum Beispiel beschaffen wir derzeit über Länder wie Deutschland, die grössere Kontingente vom Hersteller ­erhalten», sagt er. Das Problem dabei: «Man kann nicht einfach irgendetwas importieren, es gibt extrem strenge Regeln.» Bei der Anhäufung von Reserven oder der Beschaffung im Ausland entstehen jeweils ein grosser Aufwand und hohe Kosten. «Die Gesundheit unserer Patienten war zum Glück noch nie in Gefahr.»

Vor Herausforderungen steht auch das Kantonale Spital und Pflegezentrum Appenzell Innerrhoden, sagt Joseph Osterwalder, Leiter der Spitalapotheke. «Tetanus- und Hepatitis-Impfungen sind von den Engpässen zurzeit stark betroffen.» Sie gehören zu den Präparaten, die das Spital am häufigsten brauche. «Bis jetzt ­gelang es uns zum Glück immer, die Versorgung sicherzustellen.» Ähnlich tönt es vom Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden: Die Impfstoffknappheit sei klar bemerkbar, Auswirkungen auf die Patienten habe man aber bisher vermeiden können.

Und so auch im Thurgau. Rainer Andenmatten, Geschäftsführer der Spitalpharmazie Thurgau AG, die das Spital Thurgau mit Medikamenten versorgt und weitere Spitäler in der ganzen Ostschweiz, sagt: «Auch bei uns macht sich im Moment die Knappheit an Tetanus-Impfstoff bemerkbar.»
 

Kantonsapotheker kann sich Subventionen vorstellen

Die gesamte Versorgungssituation werde zunehmend schlechter, sagt Andenmatten. «Weil manche Produkte nirgendwo mehr lieferbar sind, müssen wir immer öfter auf Kombi-Impfungen ausweichen.» In ihnen sei der nötige Stoff zwar enthalten, die Patienten erhalten so aber zusätzliche Impfungen, die sie gar nicht benötigen. Dazu seien die kombinierten Produkte teurer als Einzel-Impfstoffe. «Die Zeiten der Selbstverständlichkeit, dass alles jederzeit zur Verfügung steht, sind leider vorbei.» Andenmatten, der auch Thurgauer Kantonsapotheker ist, kann sich deshalb vorstellen, dass der Bund eingreifen muss. «Falls es längerfristig so weiter geht, braucht es vielleicht einen staatlichen Betrieb, der Impfstoffe und andere wichtige Arzneien herstellt. Oder einen Auftrag an die hiesige Industrie und Subventionen.»

Für das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist das aber keine Option, wie Mark ­Witschi, Leiter Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen, sagt. «Eine Produktionsstätte in der Schweiz wieder aufzubauen wäre zu aufwendig und zu teuer.» Es seien andere Massnahmen gefragt. «Der Aufbau von Pflichtlagern für Impfstoffe und Arzneien ist im Gang, zurzeit sind sie einfach noch nicht so weit.» Zudem wolle das Amt prüfen, ob der Staat die wichtigsten Impfstoffe auf dem Weltmarkt einkaufen und dann gezielt an die Schweizer Ärzte, Apotheken und Spitäler verteilen soll. «Das machen andere Staaten auch so», sagt ­Witschi. Dafür bedarf es in der Schweiz aber einiger Gesetzes­änderungen. «Ob das politisch machbar ist, sind wir noch nicht ganz sicher.»
 

Grippeimpfungen nicht betroffen

Etwas weniger stark bemerkbar sind die Engpässe bei den öffentlichen Apotheken. Yvonne Geiger vom Apothekerverband St.Gallen-Appenzell sagt: «Bei uns ist auch der Tetanus-Impfstoff knapp. Ansonsten kommen wir gut über die Runden.» Alle anderen Impfstoffe und Antibiotika, die in Apotheken gespritzt und verkauft werden dürfen, seien von den aktuellen Lieferproblemen weniger betroffen. «In den vergangenen Jahren ist die Situation aber auch für uns schwieriger geworden.» Regelmässig komme es zu Liefer-Verzögerungen oder Ausfällen. Auch für Geiger ist klar: So kann es nicht weitergehen. «Vertreter aus der Politik, Wirtschaft und dem Gesundheitswesen müssen sich dringend an den runden Tisch setzen.»

Nicht betroffen von den ­Engpässen seien die Grippe­impfungen, sagt Geiger. «Diese werden jedes Jahr an die Grippewelle angepasst und neu pro­duziert.» Für die Schweiz steht jährlich ein Kontingent von 1,1 Millionen ­Dosen zur Verfügung. Die Apotheken geben ­immer im Frühsommer ihre ­Bestellungen auf.


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