Ärztelöhne: Bei 700'000 Franken ist Schluss

GESUNDHEITSKOSTEN ⋅ Gibt es Spezialärzte, die jährlich eine Million Franken oder mehr verdienen? Darüber ist in der Westschweiz ein Streit entbrannt. An St. Galler Spitälern sind die Maximallöhne deutlich tiefer. Spitalverbunde und Mediziner begrüssen mehr Transparenz.
13. Februar 2018, 05:18
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Der Genfer Staatsrat Mauro Poggia hat in ein Wespennest gestochen: Er schätze den Jahreslohn gewisser Spezialärzte, etwa Chirurgen, auf gegen eine Million Franken im Minimum, sagte er gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS. Der Sender konfrontierte Gesundheitsminister Alain Berset mit der Aussage – und dieser redete sich in Rage: "Man muss sich bewusst machen, was das heisst: Das sind 80 000 bis 90 000 Franken Lohn pro Monat – bezahlt durch die Krankenkassenprämien." Solche ­Saläre seien inakzeptabel. Es herrsche keine Transparenz über die Entschädigungen für Mediziner.

Westschweizer Vertreter der Ärzteschaft reagierten erzürnt, bezeichneten Bersets Kritik als skandalös. Schliesslich nahm auch die FMH, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, Stellung: "Die polarisierende Diskussion wird anhand von Einzelfällen geführt, welche 0,4 Prozent der berufstätigen Ärzteschaft ausmachen", heisst es im Communiqué. Es sei nicht plausibel, dass ­Ärzte allein aus Leistungen der Sozialversicherung derart hohe Saläre erzielen könnten. "Hohe Einkommen können durch Privatpatienten, Versicherungsgutachten und Expertenmandate ent­stehen und tragen daher nicht zu steigenden Krankenkassenprämien bei." Bei den zitierten Zahlen handle es sich um die Umsatzzahlen von Arztpraxen, und nicht um das Einkommen einzelner Ärzte. Die durchschnittlichen Betriebskosten würden nachgewiesenermassen gut 70 Prozent betragen, der Ertrag ent­spreche somit nur knapp 30 Prozent des Umsatzes.


Auch in der Ostschweiz löst Bersets Kritik Kopfschütteln aus: "Man kann Praxisumsätze nicht mit Ärztelöhnen gleichsetzen", sagt Jürg Lymann, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons St.Gallen. Die Debatte über die Ent­schädigung der Mediziner dürfe durchaus geführt werden – aber nicht auf ­diese Art und Weise. "Hier geht es offensichtlich nur noch darum, einander schlechtzumachen."

Löhne für Kaderärzte an St. Galler Spitälern sind plafoniert

Die St. Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann hält fest: "Löhne in der Höhe, wie sie von Bundesrat Berset angesprochen wurden, sind aus meiner Sicht zu hoch." Über Entlöhnung zu diskutieren sei immer legitim, wünschenswert sei aber, dass die Debatte breit geführt werde. "Die Auswahl sollte nicht willkürlich geschehen."Einig ist sich Hanselmann mit Berset darin, dass es bisher zu wenig Daten zum Thema gibt. "Offizielle und verlässliche schweiz­weite Lohnvergleiche von Kaderarztsalären existieren derzeit nicht." Darum begrüsse sie eine entsprechende Studie, die das Bundesamt für Gesundheit noch für ­dieses Frühjahr in Aussicht gestellt habe, so Hanselmann. "Die Lohntransparenz bei Ärztinnen und Ärzten hat eine spezielle Bedeutung, weil die Saläre massgeblich aus Steuer- und Prämiengeldern finanziert werden."

Wenn es um Spitzenmedizin in St. Gallen geht, hat das Kantonsspital eine herausragende Stellung. Hier verdienen Oberärzte mit Facharzttitel jährlich zwischen 140 000 und 200 000 Franken – gemäss den kantonalen Einstufungen, wie Mediensprecher Philipp Lutz sagt. Für alle Kaderärzte im Kanton, also Oberärzte mit besonderen Funk­tionen, Leitende Ärzte sowie Chefärzte, sind die Maximallöhne seit 2006 in einer Verordnung geregelt. Am Kantonsspital beträgt die Limite 700 000 Franken für eine Vollzeitstelle, in den übrigen Spitalverbunden 500 000 Franken, in den Psychiatrieverbunden 350 000 Franken.

Damit steht der Kanton nicht schlecht da: "Ein Vergleich vor drei Jahren hat ­gezeigt, dass die St.Galler Saläre leicht über dem Durchschnitt anderer Spitäler der Deutschschweiz liegen", sagt Andreas Eisenring, Geschäftsstellenleiter des Verwaltungsrats der St.Galler Spitalverbunde. Beim Kantonsspital gilt dies zumindest bis Stufe Oberarzt, wie Philipp Lutz sagt. Auf Stufe der Kaderärzte gebe es keine aussagekräftigen Vergleichsmöglichkeiten. Doch die Beschränkung der Kaderarztlöhne habe sich bewährt. Über alle Stufen vom Assistenzarzt bis zum Chefarzt ­gerechnet beträgt der Durchschnittslohn der Ärzte am Kantonsspital ungefähr 190 000 Franken.

In welchen Fachgebieten werden die höchsten Saläre gezahlt? "Die Höhe hängt weniger vom jeweiligen Fachgebiet ab, als vielmehr von anderen Faktoren wie etwa dem Anteil der Führungsverantwortung und ob jemand 24-Stunden-­Bereitschaftsdienste und/oder Wochenenddienste leisten muss", so Lutz. Für Assistenzärzte und Oberärzte gilt am Kantonsspital eine Soll-Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche bei einem 100-Prozent-Pensum, ab 50 Stunden handle es sich um Überzeit im Sinn des Arbeitsgesetzes. Für Kaderärzte gibt es laut Lutz hingegen keine Soll-Arbeitszeit.
 

Salär fällt bei Rekrutierung immer stärker ins Gewicht

Der gesamte Personalaufwand an den St.Galler Spitälern beträgt zwischen 63 und 67 Prozent des Bruttoertrags. "Davon entfallen zum Beispiel beim Kantonsspital rund 35 Prozent auf die Besoldung von Ärzten, inklusive Honorare", sagt Andreas Eisenring. Die Bedeutung der Lohnfrage bei der Rekrutierung von Ärztinnen und Ärzten nehme zu. Allerdings befänden sich das Kantonsspital und die Landspitäler in unterschied­lichen Wettbewerbsverhältnissen. "Das Kantonsspital kann im Unterschied zu den Landspitalregionen Weiterbildungs- und Forschungsmöglichkeiten anbieten, die bei den Kandidatinnen und Kan­didaten eine grosse Rolle spielen." Die Landspitalregionen würden eher Chancen für jüngere Personen bieten.

Auch Eisenring begrüsst, dass der Bund mehr Lohntransparenz schaffen will: Solche Studien seien interessant. "Wir beteiligen uns daher regelmässig an Benchmark-Vergleichen." Eine öffentliche Debatte sei "immer möglich". Wichtig sei, in der Lohndiskussion auch den Wert der erbrachten Leistungen sowie das Wohl und die Erwartungen der Patientinnen und Patienten nicht aus den Augen zu verlieren.


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