St.Galler Baufirma um 2,8 Millionen betrogen

URTEIL ⋅ Der Chefbuchhalter eines St.Galler Bauunternehmens unterschlägt jahrelang Firmengelder. Nun muss er ins Gefängnis. Das Geld ist angeblich versandet in einem Restaurant und in einem Fonds in Südamerika.
06. Dezember 2017, 05:22
Roman Hertler

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Den Namen Calzavara kennt man in St.Gallen. Hier gründete Carlo Calzavara, Sohn italienischer Zuwanderer, 1959 sein ­erfolgreiches Baugeschäft. Zehn Jahre später bauten Elio Cellere und er die legendäre Haupttri­büne des Espenmoos-Stadions. ­Calzavara löste Cellere 1978 als Präsident des FC St. Gallen ab. Die Baufirma florierte.

Eine Unternehmergeneration später dann der Eclat: 2014 kommt ans Licht, dass der langjährige Chefbuchhalter systematisch Geld abgezweigt hatte. ­Eingestellt wurde Viktor Braun (Name geändert) 1995 noch vom Firmengründer. Zuvor war er als Programmierer für eine Zürcher Software-Firma tätig und hatte die Buchhaltungs-Software für die Calzavara AG mitentwickelt. Nach dem Tod des Firmengründers 2006 blieb er dem Betrieb als Leiter Finanzen und Rechnungswesen erhalten. Er genoss das Vertrauen des Familien­betriebs und sass ab 2007 im Verwaltungsrat.

2014 wurde Ralph Niedermann zu 50 Prozent Mitinhaber und Verwaltungsrat des Unternehmens. Die Firma wurde reorganisiert. Niedermann verlangte vom Buchhalter Zugriff auf sämtliche Firmenkonten. Als Braun dies partout nicht gewähren wollte, wurde die Geschäftsleitung stutzig. Sie insistierte auf die Herausgabe der Kontozu­gänge. Braun lenkte ein. Rasch wurde ersichtlich, dass er grosse Geldbeträge veruntreut hatte. Im Nachhinein ist es aber kaum mehr möglich, im Detail zu ­rekonstruieren, wie er dabei vorgegangen war.

Nachdem er aufgeflogen war, verfasste der Buchhalter zu­handen der Firma ein Schuld­geständnis, dass er zwischen 1,5 und 1,6 Millionen Franken unterschlagen hatte. Zunächst vertröstete er die Firmenleitung. In der Hoffnung, das Geld wieder zu erlangen, gewährte ihm diese eine Frist von ein paar Tagen. Diese verstrich ergebnislos. Stattdessen zeigte sich Braun im September 2014 selbst an.

Die eigene Beiz und ein südamerikanischer Fonds

Unter der Geschäftsführung von Marco Calzavara, dem Sohn des Firmengründers, buchte Braun immer wieder kleinere Beträge auf private Konten um. Gemäss behördlichen Ermittlungen summierte sich im Zeitraum von 2008 bis 2014 ein Betrag von insgesamt 2,8 Millionen Franken – über eine Million mehr, als der Buchhalter zunächst angegeben hatte. Die Geprellten gehen aber davon aus, dass es sich um eine weitaus grössere Summe handelt. Ob Braun schon vor 2008 widerrechtlich Geld an sich genommen hatte, ist unklar. Letztlich macht es für die Firma keinen Unterschied. Braun hat Privatinsolvenz angemeldet. Das Geld ist verschwunden. Aber wohin?

Ein Teil – rund 1,2 Millionen Franken – steckte Braun in die damals von ihm gepachtete «Sonne» in Rotmonten. Um die Betriebskosten und den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren, wie er angab. Der grössere Teil – rund 1,6 Millionen Franken – überwies er jeweils auf mehrere Konten eines Bekannten und dessen Mutter. Die Mutter ist dement; der Bekannte mittlerweile verstorben. Er stand beim Buchhalter mit 200000 Franken in der Kreide, gab aber an, er habe mehrere Millionen Franken in einen südamerikanischen Fonds investiert. Er benötige nun weitere Unterstützung, damit er die ­Gelder aus Südamerika auslösen konnte. Mit den 1,6 Millionen Franken, die er von Braun erhalten hatte, wollte er angeblich Notare, Anwälte und Übersetzungen bezahlen. Ob dieser Fonds je existierte, bleibt jedoch schleierhaft. Braun beteuert, er habe ­immer daran geglaubt, dass er das geliehene Geld inklusive der 200000 Franken Schulden vom Bekannten zurückerhält.

33 Monate Gefängnis, wovon sechs unbedingt

Tempi passati. Heute glaubt niemand mehr, dass das Geld je wieder auftaucht. Gestern musste Braun sich vor dem Kreisgericht St. Gallen verantworten. Man hat sich auf ein abgekürztes Verfahren geeinigt. Braun wird der ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 33 Monaten verurteilt, wovon er sechs Monate absitzen muss. Er ist zudem verpflichtet, die 2,8 Millionen Franken, die er dem Bauunternehmen nachweislich schuldet, zurückzubezahlen, sobald er dazu in der Lage ist. Dies dürfte nicht so bald der Fall sein.


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