Auswege aus der Beschleunigungsfalle

DIGITALISIERUNG ⋅ Das Symposium«Berufsbildungsprofis im rasanten Wandel» in St. Gallen hat sich mit den Herausforderungen der digitalisierten Arbeitswelt beschäftigt.
11. Dezember 2017, 05:17
Nina Rudnicki

«Wie behalten wir die Monstermailbox im Griff?», fragte der St. Galler Soziologe Mark Riklin die 400 Teilnehmenden des Symposiums «Berufsbildungsprofis im rasanten Wandel» in der Olma-Halle. Er entwarf in seinem Referat unter dem Stichwort «Doppelt so lange» Auswege aus der Beschleunigungsfalle. Er stellte originelle Mailbox-­Abwesenheitsmeldungen vor wie «Während meines Urlaubs werden alle Mails automatisch gelöscht» und den neuen Beruf der sogenannten Digital-Therapeuten. Es handelt sich dabei um Coaches, die als abschreckende Massnahme beispielsweise ausrechnen, dass ein 75-jähriger Mensch in seinem Leben 23 Jahre geschlafen, 6 Jahre im Internet verbracht, 8 Monate E-Mails gelöscht und 14 Tage geküsst hat.

Riklin stellte daher mehrere, zum Teil auch ironisch gemeinte Möglichkeiten vor, wie sich Zeit gewinnen lässt. So könnte man etwa einfach alles viel schneller erledigen, sagte er und rügte die anderen Referenten: «Meine Vorredner heute haben so schnell gesprochen, wie die Feuerwehr vor Ort ist.»

Wie Verantwortliche mit Wandel umgehen

Organisiert wird das Sympo- sium seit 2010 jährlich vom ­Ostschweizer Kompetenzzentrum für Berufsbildung (OKB). Zu diesem haben sich die Pädagogische Hochschule des Kantons St. Gallen, das Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen und das Zentrum für berufliche Weiterbildung zusammengeschlossen. Das OKB bietet Aus- und Weiterbildungen für ­Berufsbildungsverantwortliche an und fördert den Austausch zwischen den Fachbereichen. In diesem Jahr ging es darum aufzuzeigen, wo sich Wandelerscheinungen abzeichnen, welches ­deren Treiber sind und wie Bildungsverantwortliche damit umgehen können oder sollen.

Valérie Schelker, Personalchefin der Schweizerischen Post AG, sprach darüber, dass die Post die physische und die digitale Welt optimal miteinander verbinden wolle, um den Kunden ein­fache Lösungen aus einer Hand zu bieten. Die Digitalisierung verändere aber auch die Arbeitswelt grundlegend. Gefragt sind laut Schelker flexible Arbeitszeiten und -orte, flache Hierarchien und digitale Kommunikationsformen, Teilzeitarbeit und Job-Sharing. Dieser Wandel müsse bereits in der Ausbildung von Lernenden berücksichtigt werden.

«Wandel ist das einzig Stabile und Verlässliche», sagte Helmut Willke, Professor für Global Governance. Sein Referat basierte auf der These, dass Menschen und soziale Systeme gut auf Wandel eingestellt sind, solange dieser kontinuierlich ist. Aktuell hätten wir es aber mit einem jähen Wandel und einer fundamentalen Transformation zu tun. Einerseits zeige sich das in der zunehmend kontrovers diskutierten Globalisierung, andererseits im Übergang von der Industrie­gesellschaft zur Wissensgesellschaft. Dieser sei gekennzeichnet durch die Digitalisierung, globale Vernetzung, künstliche Intelligenz und Roboterisierung.

Während des Symposiums wurden Aussagen von Bundesparlamentariern eingespielt. «Berufsbildung ist im Wandel wie andere Jobs auch», sagte SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Aber Berufsbildung heisse ja, es werde gearbeitet, man mache eine Lehre und sei direkt im Beruf. Das ändere sich trotz des rasanten Wandels nicht.

Nationalrätin fordert Nähe zur Praxis

Auch SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher sagte, Wandel habe es schon immer gegeben, auch in den Betrieben. Man müsse auch in Zukunft nahe an der Praxis bleiben und dürfe vor allem das duale Bildungssystem nicht vernachlässigen. In diesem Zusammenhang ist auch das Symposium zu sehen, das alle ­zusammenbringt, die sich in der Berufsbildung engagieren.

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch


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