Ausgeflogen

BERGBAHNEN ⋅ Wenn Simon Ammann nicht gerade vom Schanzentisch abhebt, fährt er auf den Chäserrugg. Für die dortige Bergbahn setzt er sich ein – ein Engagement, das im Obertoggenburg nicht überall gut ankommt.
04. Januar 2018, 07:59
Regula Weik

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

Er strahlt einem entgegen. Und das seit bald acht Jahren. Der vierfache Olympiasieger Simon Ammann. Ein Einheimischer. Einer aus dem Tal. Auf den ­damals alle stolz waren – und dem die Gemeinde mit Plakaten gratulierte. Unübersehbar sind sie noch heute – auch für jene, die vom Rheintal hinauf nach Wildhaus fahren. Für Einheimische wie für Erholungsuchende.

Ob sich heute noch alle Wildhauser über Ammanns Lachen am Dorfeingang freuen, darf bezweifelt werden. «Weiss er überhaupt, was er da anrichtet?», fragt ein Einheimischer und schüttelt den Kopf – aus Ärger über das Engagement des Skispringers im Verwaltungsrat der Toggenburg Bergbahnen AG. Neu ist dieses nicht, so wenig wie seine finanzielle Beteiligung am Bahnunternehmen. Doch seit Ammann als Verwaltungsratsvizepräsident jenen Flyer mitunterzeichnet hat, mit welchem die Toggenburg Bergbahnen ihr Angebot an die Aktionäre der Bergbahnen Wildhaus verlängert haben, hat sich das Kopfschütteln über den einstigen Überflieger verstärkt. «Er schadet damit dem Tal», sagt einer. Seinen Namen mag er nicht in der Zeitung lesen, man kennt sich im Tal. Immerhin so viel: Er lebe seit über 45 Jahren in Wildhaus und kenne die Verhältnisse. Damals, nach dem zweiten Doppel-Olympiagold hatte es ganz anders getönt: Das Toggenburg ist Simi – Simi ist das Toggenburg.

Schweigsam – wenn es um die Bergbahnen geht

Ob Jubel damals oder Empörung heute: Ammann lässt die Bevölkerung im Tal nicht kalt. Das zeigt auch die Zuschrift eines Toggenburger Lesers: «Es ist ja gut und recht, dass Sie wegen des Bahnschlamassels nicht locker lassen. Aber: Weshalb fragen Sie nie Simon Ammann, was er darüber denkt?»

Ammann hat im Sommer geschwiegen. Ammann hat im Herbst geschwiegen. Ammann schweigt auch jetzt. Fragen an ihn bleiben unbeantwortet, auch nach mehrmaligem Nachhaken. In der Vergangenheit war er weniger scheu: Bei der Eröffnung des neuen Gipfelrestaurants von Herzog & de Meuron auf dem Chäserrugg im Sommer 2015 liess er sich noch gerne als Aktionär und Verwaltungsrat der Toggenburg Bergbahnen von den Medien fotografieren. Als Kulisse für Fernsehaufnahmen ist ihm der Berg noch immer lieb. So auch vergangenen Sommer. Zwei Holzhocker mit Fell, Kameras, Beleuchtungskübel – mitten in der Landschaft. Dann taucht er auf, setzt sich auf einen der Hocker. Es ist zügig. Ammann, wind- und wetter­erprobt, lässt sich nichts anmerken. Die Aufnahmen sind im Kasten, da ein kurzer Schwatz, dort ein herzlicher Gruss, und schon schwebt der Sportler mit der Bahn wieder ins Tal.

Ammann hat sich in den vergangenen Wochen sehr wohl geäussert – sportlich. Über das Springen, den Olympiaort Pyeongchang, das Pröbeln mit dem Schuh. Nicht aber zu den Bergbahnen. Und so ist weiterhin unklar, wie sehr ihn der Bahnenstreit in seiner Heimat beschäftigt, wie wichtig er die Bergbahnen für den Tourismus im oberen Toggenburg erachtet, wie stark sein Engagement für die Toggenburg Bergbahnen tatsächlich ist, welches seine Motivation dafür ist und wie gut er über die einzelnen Schritte des Unternehmens informiert ist und auch wie er mit der aufkommenden Kritik aus der Heimat umgeht. All diese Fragen an Ammann werden schliesslich weitergeleitet – an Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin des Unternehmens. Sie hält auf Nachfrage fest: Die Kommunikation der Toggenburg Bergbahnen werde, «wie es in der Natur der Sache liegt», von einer Person koordiniert und verantwortet. Und weiter: «Simon Ammann wird sich daher derzeit nicht zu diesem Thema äussern. Er ist eigentlich einer, der lieber etwas macht, statt zu reden.» Sein aktuelles Engagement in Alt St. Johann zeige dies einmal mehr.

Der Skispringer hat kurz vor Weihnachten das Hotel Hirschen in Alt St. Johann ersteigert. 545000 Franken blätterte er dafür auf den Tisch. Er freue sich sehr, dass das kleine, traditionelle Hotel in seiner Heimat damit wieder in einheimische Hände komme, liess Ammann nach dem Erwerb wissen. Wann er das Haus wieder eröffnen will, ist offen. Ammanns Hotelkauf und Einstieg ins Gastgewerbe machte rasch und weit die Runde – vom «Landboten», über «20 Minuten» bis zu den «Freiburger Nachrichten». Der «Blick» titelte: «Simi wird Wirt.»

Es ist nicht das erste wirtschaftliche Engagement von Ammann in Alt St. Johann. Bereits ein gutes Jahr zuvor war er ins heimische Gewerbe eingestiegen – als Verwaltungsrat der Brändle Bedachungen AG; Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident des Unternehmens ist sein Bruder Josias. «Unsere Dächer und Fassaden werden länger sichtbar sein als sportliche Erfolge», lässt sich Investor Ammann auf der Homepage des Unternehmens zitieren. Zum Thema Geld sagte er diesen Sommer zum «Blick»: «Ich war immer ein Sparfuchs und bin das auch heute noch ein bisschen.»

Simon Ammann – der Name zieht. Das weiss auch Mélanie Eppenberger. «Die Person, die am meisten Interesse weckt, ist natürlich Simon Ammann», sagte sie vor kurzem in einem Interview mit unserer Zeitung (Ausgabe vom 21. Dezember). Die Frage nach seinem finanziellen Engagement bei den Bergbahnen geht ihr dann zu weit: «Das gehört nicht an die Öffentlichkeit.»

«Ich will dem Tal etwas zurückgeben»

«Das Toggenburg, insbesondere Unterwasser, hat mich geprägt und mir viel gegeben. Da ist es nur natürlich, dass ich dem Tal etwas zurückgeben will», schreibt Ammann auf seiner Homepage; er wuchs in Unterwasser auf und lebt heute in Schindellegi. Zur Weltkarriere abgehoben freilich hat er im Nachbardorf – die Schanze, auf der er die ersten Flugversuche unternahm, steht in Wildhaus. Ein idealer Brückenbauer für die zerstrittenen Bergbahnen, eigentlich. In Wildhaus tönt es anders: Ammann habe sich auf die eine Seite geschlagen. «Er macht derzeit mehr kaputt, als ihm wohl bewusst ist.»


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