Aufschwung, Niedergang, Aufschwung

RORSCHACHER LOKALGESCHICHTE ⋅ In «Rorschach – Geschichten aus der Region» beschreibt Otmar Elsener anschaulich, was die Stadt am See ausmacht. Und er erzählt auch von seiner eigenen Rettung im Gefolge weltpolitischer Ereignisse.
07. Oktober 2017, 13:55
Rolf App

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rolf.app@tagblatt.ch

Draussen im Hauptbahnhof Rorschach bin ich ausgestiegen, bei Würth, dem grossen neuen Wahrzeichen der Stadt mit seinen glitzernden Fassaden. Habe mir unten eine kleine Ausstellung angeschaut über Kunst aus der Eiszeit und die klitzekleine Venus von der Schwäbischen Alb angesehen, unvorstellbare 40'000 Jahre alt. Bin hinaufgestiegen zur jungen Kunst aus Namibia und habe mir, bevor ich mich im Kunstcafé nach draussen setze zu Wind und Wetter, ein namibisches Sprichwort notiert: «Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten weiter die Jäger verherrlichen.»

Die Rorschacher kommen aus allen Himmelsrichtungen

Die Rorschacher Löwen haben es gut. Sie haben in Otmar Elsener einen Lokal­historiker mit Sinn für das Besondere, für schöne wie betrübliche Geschichten einer Stadt, die in ihrer Geschichte viele Aufschwünge und Niedergänge gesehen hat. Und deren Bewohner aus allen Himmelsrichtungen kommen (und vielen verschiedenen Glaubensrichtungen anhängen). Deshalb habe ich für den Besuch in meiner Heimatstadt Otmar Elseners neuestes Buch dabei: «Rorschach – Geschichten aus der Region».

2011 hat er einen ersten Band jener Texte veröffentlicht, die ursprünglich in der Zeitung erschienen sind, die Reaktionen waren überwältigend, wie er jetzt im Vorwort dieses zweiten Bandes schreibt. «Rorschach und seine Region im Herzen, oft längst anderswo lebend», hätten ihm Leserinnen und Leser ihre persönlichen Erinnerungen geschildert, und betont, «wie die Geschichten – um zwei Briefausschnitte zu zitieren – ‹Verbundenheit und Zugehörigkeit schaffen› und ‹die Vergangenheit wachhalten›». Wenn das Buch als «ein Mosaik aus bewegter Stadtgeschichte für eine selbstbewusste Zukunft» gewertet werde, könne er sich keine erfreulichere Wirkung wünschen.

Wieder ein schwerreicher Unternehmer aus Deutschland

Selbstbewusste Zukunft: Sie findet sich hier, bei Würth, wo früher Holz und ­Metall gelagert wurden und Lagerhäuser die Gegend verschandelten. Es sei kein Zufall, dass 2013 mit dem Schraubenfabrikanten Reinhold Würth wieder ein schwerreicher Unternehmer aus Deutschland habe kommen müssen, um die Stadt an dieser Ecke aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, stellt Elsener mit Blick zurück fest und nennt weitere Namen. «Sie hiessen Schoenfeld, Bernhard, Levy, Baum, Siewerdt, und sie stammten alle aus Deutschland. Zwischen 1867 und 1910 gründeten sie in Rorschach Unternehmen, die das wegen seines Korn- und Leinwandhandels ­bedeutende Hafenstädtchen schnell zu einer Industriestadt anwachsen liessen.»

Tausende zogen nach Rorschach, fanden hier Arbeit, wohnten in billigen Wohnungen, feierten in Biergärten. Bis der Erste Weltkrieg dem Höhenflug ein Ende setzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war wieder Arbeit da, jetzt kamen Italiener, Spanier, Portugiesen und «brachten südländisches Temperament in die tristen Nachkriegsjahre». Bis auch dieser Höhenflug an sein Ende kam.

Ich schaue hinaus auf den See, der bei diesem regnerischen Wetter grenzenlos zu sein scheint. Nicht einmal das gegenüberliegende Ufer ist zu erkennen, das wir damals, 1963, übers gefrorene Eis erreicht haben. Auch von diesem einzigartigen Moment in unserer Lebenszeit erzählt Otmar Elsener. Ich schlendere stadteinwärts, dem Ufer entlang, dann durch die Hauptstrasse, die lärmig ist wie eh und je. Schaue mir die Gräber auf dem alten Friedhof bei der Kolumbanskirche an, treffe die eine und andere Baustelle an, schön renovierte Häuser, aber auch zerbröckelndes Mauerwerk gleich nebenan. Immerhin, das Restaurant Mariaberg erstrahlt in Schönheit und trägt das alte Motto: «Frisch Bier – gut Wein – ein Mägdlein fein».

Auch Märchenhaftes birgt die Stadt am See

Schaut man weiter oben an der Mariabergstrasse genau hin, erkennt man prachtvolle Villen, deren parkähnliche Gärten nur halt seither überbaut worden sind. Rorschach: Das war auch einmal ein Ort, an dem einige der reichsten Schweizer lebten. Und hier lebt auch jenes einfache Dienstmädchen, in das sich anno 1848 ein Adeliger aus Polen so sehr verliebt, dass er es zur Fürstin seines Herzogtums macht. Als das junge Paar Rorschach besucht, logiert es zwei Jahre lang im ersten Hotel am Platz. Wer hätte gedacht, dass die nüchterne Stadt am See auch Märchenhaftes birgt?

Kurz vor dem Kornhaus biege ich bergwärts in die Signalstrasse ein. Ja, das Kornhaus: Auch so ein Drama, das ­Otmar Elsener in allen seinen orts­typischen Irrungen und Wirrungen beschreibt. Mit einem fulminanten Projekt des Architekten Santiago Calatrava um die Jahrtausendwende, das dann wie seine Vorgänger – in der Schublade landet. Die angestrebte «Renaissance der Stadt am See», sie ist wieder einmal verschoben worden.

In die Feldmühle soll neues Leben kommen

Beim Stadtbahnhof bleiben mir noch ein paar Minuten Zeit. Ich schaue hinüber zum Haus, in dem einst mein Grossvater seine Schlosserei hatte, auch er aus Deutschland zugewandert. In der Ferne sehe ich die drei neuen Hochhäuser, wo einst die Aluminium AG war. Und gegenüber das riesige, ausgestorbene Areal der Feldmühle, durch dessen Tor zu den besten Zeiten Tausende Arbeiter strömten. Letztes Jahr ist die letzte Firma ausgezogen, jetzt wächst aus dem Kopfsteinpflaster das Gras.

Doch Hoffnung keimt. Ein neues Stadtzentrum soll hier entstehen, das aber an die industrielle Vergangenheit anknüpft. Mit Wohnhäusern und einem erweiterten Bahnhof. So kann aus Niedergang wieder Aufschwung werden. Man darf also hoffen.

«Die Reaktionen waren überwältigend», hat Otmar Elsener festgestellt. Denn aus den Geschichten eines Orts wächst Verbundenheit. Erst die Beziehung zu Menschen und Orten macht uns zu dem, was wir sind. All diese Häuser, Strassen und Plätze sind auch Teil unseres Innenlebens. Wir mögen die Welt bereisen und uns als Weltbürger sehen: Der Ort, aus dem wir stammen, und die Orte, an denen wir wohnen, haben doch eine besondere Bedeutung. Unsere Siege und unsere Niederlagen, Liebe und Trauer, Enttäuschung und Hoffnung, Krisen und Aufbrüche unseres Lebens: Hier haben sie stattgefunden.

Die Geschichte des Fliegersergeanten

Beinahe lautlos kommt der Zug nach St. Gallen, ich steige ein. Eine letzte Geschichte noch, die das Buch eröffnet. Sie handelt vom amerikanischen Fliegersergeant Roy Hommer, der im April 1944 beim Angriff seines Geschwaders über Süddeutschland schwer verwundet wird, und dessen Pilot es schafft, in Altenrhein zu landen. Hommer liegt im Spital Rorschach, eine Blutvergiftung bedroht sein Leben. Da schreibt der Chirurg die amerikanische Gesandtschaft an und bittet um das noch nicht zugelassene Penicillin. Die französische Resistance schmuggelt das rare Arzneimittel in die Schweiz, Hommer wird gesund.

Doch weil der Chirurg sich genügend Penicillin hat liefern lassen, kann er auch noch dem kleinen Buben mit dem geplatzten Blinddarm helfen, dessen Eltern schon von ihm Abschied genommen haben. Der Bub aber, der überlebt: Das ist Otmar Elsener selbst.

Otmar Elsener: Rorschach – Geschichten aus der Region, Band 2, Appenzeller Verlag


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