Aufmüpfige Karin, souveräne KKS

WAHLFEIER ⋅ In Wil feiert die Schweizer und St. Galler Politprominenz mit der Bevölkerung die neue Ständeratspräsidentin. Den bitter­kalten Abend prägen warmherzige Reden und heisse Fragen: Was meinte Johann Schneider-Ammann? Und wo war Hündchen Picasso?
30. November 2017, 06:45
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener

@tagblatt.ch

Gemein: Da feiert der Kanton St. Gallen seinen grössten bundespolitischen Erfolg seit 2010, als Erika Forster Ständeratspräsidentin wurde. Und dann ist es in Wil nicht so strahlend schön wie damals in St. Gallen, sondern so bitter kalt wie nie in diesem Herbst. Und fast noch fieser als die unangenehme Kälte zwischen Nieselregen und Schneefall das zweite grosse Small-Talk-Thema des Festabends für die frisch gewählte Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter: Was meinte Johann Schneider-Ammann mit der Anspielung, er werde ihr seinen Stuhl freihalten, doch solle sie gewarnt sein: «Wer den Kopf zu früh hinausstreckt, wird zurückgestutzt.»

Hatte der FDP-Bundesrat mit dem «Ablenkungsmanöver» seinen eigenen Verweis auf den St. Galler FDP-Politiker Karl Hoffmann, der in seiner Ständeratszeit von 1873 bis 1890 den Rat gleich zweimal präsidierte, gemeint – oder doch die aktuelle Situation? Leicht fies, weil die augenzwinkernd-nette Bemerkung des Bundesrats der gefeierten Ständeratspräsidentin in der Folge fast die Show stahl. Und so diskutierten fast alle der Hunderten Anwesenden, ob CVP-Staatssekretär, SP-Bundesrichter, FDP-Präsidentin oder SVP-Nationalrat, hernach, wie das nun genau zu verstehen war. Den meisten erschienen die Worte sibyllinisch, wahlweise auch «köstlich kryptisch». Während sich FDP-Grössen wie der Ausserrhoder Ständerat An­drea Caroni oder der ehemalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz eines Kommentars enthielten, nickten beispielsweise die höchsten St. Galler Katholiken, Ex-CVP-Regierungsrat Martin Gehrer und Bischof Markus Büchel, mit einem vielsagenden Lächeln: Doch, man könne das «schon so interpretieren», dass Schneider-Ammann in der Kirche St. Nikolaus soeben Keller-Sutter lanciert habe. Und klar verstand es der bauernschlaue St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter: Mit dem Hinweis auf seine Fussstapfen habe der Berner zu verstehen gegeben, dass er nach dem Ständeratsjahr der St. Gallerin zurücktrete – und ihr gern seinen Bundesratssitz übergeben wolle.

Freundschaftliche Rose, kritische Perspektiven

«C’est le ton qui fait la musique» hatte Johann Schneider-Ammann zuvor selber gesagt und KKS mit dem KKL verglichen: «Beides Symbole, vor denen ich eine hohe Achtung habe.» Nach einer «gewissen Rivalität» pflege er mit der St. Galler Ständerätin längst eine «vertrauensvolle Beziehung»; die Rose übergebe er nicht im Sinn der TV-Soap («Karin und ich sind übers Bachelor-Alter hinaus»), sondern als Zeichen «echt gefühlter Freundschaft». Ihr Jugendtraum (Tierärztin werden) war sein Jugendalbtraum (Sohn einer Tierarztfamilie sein), doch beide seien sie «begeisterte Hundehalter»: Im Gegensatz zu KKS brauche er allerdings vier Hunde. Einen weiteren Lacher erntete der Bundesrat mit seiner Bezeichnung des schlagkräftigen St. Galler Ständeratduos: «Ihr seid die gelebte Sozialpartnerschaft.» Und an die Adresse Paul Rechsteiners: «Lass dich wenigstens im Präsidialjahr einmal vom Liberalismus anstecken.» Alles eine Frage der Perspektive, wie das Motto der Wahlfeier hiess. Ein Steilpass auch für Regierungspräsident Fredy Fässler, der als Nachfolger von KKS «ein sehr gut geführtes» Sicherheitsdepartement übernehmen durfte. In seiner ebenfalls humorig gespickten Rede liess Fässler die jüngste Kritik der Ständerätin an der St. Galler Regierung nicht unerwähnt: «Trotz des Fetts, das wir vor ein paar Tagen in einem Interview durch dich abbekommen haben, freuen wir uns sehr, mit dir feiern zu dürfen.» Offensichtlich hat man sich ausgesprochen, wie die souveräne Replik Keller-Sutters zeigte: «Ich lasse das so stehen und will für einmal nicht das letzte Wort haben.» Dass sie sich schon in ihrer Jugend Freiheiten herausgenommen hat, illustrierte Fässler mit der Episode, wonach sich die mit drei älteren Brüdern aufgewachsene Karin als Fasnachtsteufel maskiert habe - obwohl die Gruppe nur Knaben vorbehalten war.

Die in Wil aufgewachsene und noch immer wohnhafte Ständeratspräsidentin freute sich über den zahlreich angereisten Besuch in ihrer Heimat – und speziell in der Stadtkirche: «1964 wurde ich hier auf den Namen Katharina Maria getauft – Karin fand der damalige Stadtpfarrer für ein katholisches Mädchen unpassend. Und hier wird wahrscheinlich einmal meine Abdankungsfeier stattfinden.» Ein Raunen im Publikum, das sie sofort auflöste: «Alles, was wir sind und was wir haben, ist auf Zeit gegeben.» Die Stärke unseres Landes seien die Institutionen, die jene Menschen überdauerten, denen sie treuhänderisch auf Zeit anvertraut seien. «Alles ist geregelt», siehe ihren anwesenden Nachfolger, den Walliser Ständerat Jean-René Fournier.

Mutige Frauen im Schwimmbad und St. Galler Ketchup

Die angeblich so staatstreuen Fürstenländer könnten «durchaus aufmüpfig» sein, ehrte KKS ihre Heimatregion und verwies auf die gegen Zürcher und ­Appenzeller erkämpfte Freiheit und die Defensionale von Wil, die 1647 den Grundstein für die Schweizer Armee ­legte. Aufmüpfig auch jene Wilerinnen, die just vor 50 Jahren, 1967, das öffentliche Schwimmbad stürmten und das gemeinsame Baden von Frauen und Männern einforderten: «Auch wir sollten uns überlegen, wo wir im politischen Alltag noch Zäune überwinden können.» Schliesslich erklärte sich die gelernte Übersetzerin, die selbstverständlich das schönste Französisch unter allen Rednern sprach, noch als «typische Vertreterin des brötigen St. Galler Menschenschlags» – wenn brötig «etwas zurückhaltend, tendenziell spröde, immer um Korrektheit bemüht» heisse. Doch sei es halb so schlimm, zitierte KKS nicht zum ersten Mal ihren geschätzten Vorgänger Ernst Rüesch, der den St. Galler einst mit einer Ketchup-Flasche verglich: «Man muss lange schütteln, bis etwas herauskommt, aber dann kommt alles auf einmal, dann schüttet er seine Seele aus.»

Von wegen aufmüpfig: Ungehört blieb an der Feier die wilde Hippie- und Punk-Vergangenheit der Wiler Politikerin. Statt Songs von The Clash sang der Kinderchor Singbox anrührende Lieder voller «Joy» und spielte die Blasmusik gar den «Marsch der Grenadiere» – gewiss zur Freude des in Festuniform angereisten Korpskommandanten Philippe Rebord. Gut möglich, dass Keller-Sutter und ihr Mann Morten spätnachts wenigstens noch die Lords Of The New Church auflegten: «Live For Today» hätte gepasst, das Heute geniessen ohne künftige Kandidatursorgen. Zu Hause dürfte wohlversorgt das dritte Familienmitglied gewartet haben, Picasso, das 15-jährige Hündchen. Dessen Verbleib war die zweite grosse Frage des Abends. Und die wichtigste Politfrage, wenigstens unter St. Gallern, jene nach der grösstenteils unverständlichen Haltung der CVP zur Burka. Eine andere Geschichte, die KKS nicht kümmern muss.


Leserkommentare

Anzeige: