Arbeit für Arbeitslose

SOZIALFIRMA ⋅ In der Dock Gruppe finden Langzeitarbeitslose Stellen. Dieses St. Galler Modell der Sozialfirma feiert sein zehnjähriges Bestehen. Die Angestellten machen hier einen Neuanfang – teilweise aus einer Pflicht heraus.
16. Oktober 2017, 08:42
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Sein Bart ist grau und dicht, das Haar lang und buschig. Die Aufnahme ist verschwommen, wohl weil er sich bewegt, schwankt, in der Hand eine Bierdose. «Wenn sie dich für einen Penner halten, kannst du selber einen aus dir machen», sagt Martin Freitag, der Mann auf dem Foto. Er hat das Bild mitgebracht zum Gespräch in der Dock Gruppe St. Gallen. Dort arbeitet er seit Anfang Jahr. Der 60-Jährige sitzt im Büro seiner Betriebsleiterin und ist nicht wiederzuerkennen. Dabei ist die Aufnahme erst zwei Jahre alt. Heute trägt Freitag kurze Haare, ein Hemd, Dreitagebart.

Seit Anfang Jahr kommt er 20 Stunden die Woche ins Sittertobel. Kartons aufschlitzen, Haushaltsgeräte mit deutschem Stecker rausholen, Stecker abzwacken, Schweizer Stecker drauf setzen, testen, ob das Gerät funktioniert, in den Karton, zum Versand. Diese Arbeiten teilt sich Freitag mit anderen Mitarbeitern. Der gelernte Schlosser hat sich bei einem Arbeitsunfall 1988 den Unterschenkel abgequetscht. Er machte eine Umschulung zum technischen Kaufmann, doch Büroarbeit war nichts für ihn. Die Jobsuche blieb erfolglos. «Das hat mir einen psychischen Knacks gegeben», sagt Freitag. Er liess seinen Bart und die Haare wachsen. Dann kam der Neuanfang im Dock St. Gallen.

Soziales Problem unternehmerisch angehen

190 Langzeitarbeitslose (siehe Kasten) sind in der Dock Gruppe derzeit angestellt. Dieses Jahr feiert die Sozialfirma zehnjähriges Bestehen. Sie ist eine Tochter der St. Galler Stiftung für Arbeit, die vor 20 Jahren von der Stadt St. Gallen, dem Gewerbeverband und Gewerkschaftsbund sowie den beiden Landeskirchen gegründet wurde. Ihr Ziel: Personen helfen, die lange ohne Arbeit waren. Zum Jubiläum der Dock Gruppe hat Lynn Blattmann, die das Unternehmen mit Daniela Merz leitet, ein Buch verfasst mit dem Titel «Arbeit für alle. Das St. Galler Modell für Sozialfirmen». Es ist ein Plädoyer für Sozialfirmen und will eine Handreichung sein für weitere Projekte dieser Art: Unternehmen auf dem zweiten Arbeitsmarkt, die mit unternehmerischen Mitteln ein soziales Problem angehen.

Die Aufträge kommen aus Industrie, Gewerbe und dem Recyclingbereich. Die Langzeitarbeitslosen arbeiten in der Regel 20 Stunden pro Woche für 10 bis 14 Franken pro Stunde. Ihr Lohn wird mit der Sozialhilfe verrechnet, was die Sozialhilfeschulden reduziert. 150 Franken dürfen sie behalten. Das schaffe einen Anreiz, sagt Blattmann. Der Erfolg ist auf ihrer Seite: Heute beschäftigt die Dock Gruppe 1400 Personen an zwölf Standorten in der Schweiz. Drei davon im Kanton St. Gallen: in Buchs, Niederbüren und der Stadt St. Gallen.

Kritiker befürchten Stellenabbau auf erstem Arbeitsmarkt

Doch es gibt auch Kritiker des Modells. Sie befürchten, dass die staatlich subventionierten niedrigen Löhne zu Stellenabbau auf dem ersten Arbeitsmarkt führen. Hiesigen Firmen soll die Sozialfirma indes keine Konkurrenz sein, sie hat ein Konkurrenzverbot. Bei der Vergabe eines jeden Auftrags werde darauf geachtet, dass es sich um Aufträge handelt, die hier nicht mehr kostendeckend ausgeführt werden können, sagt Blattmann. Die Tripartite Kommission kann die Vergaben einsehen.

Dass die Idee einer Sozialfirma in St. Gallen entstand, ist für Lynn Blattmann kein Zufall: «Das liegt am unternehmerischen Denken in der Region.» Der Fokus im Bereich der Arbeitsinte­gration liege heute oft zu stark auf den Problemen. Dabei gehe es um Lösungen und den Wunsch der Langzeitarbeitslosen nach einem geregelten Tagesablauf und einer Arbeit. Das bestätigt Martin Freitag. Er sei froh, in der Dock Gruppe zu arbeiten, sagt der 60-Jährige. «Ich wollte unbedingt wieder Struktur und einen geregelten Tagesablauf.»

Auch Radmila Banasevic, 58 Jahre, arbeitet in der Dock Gruppe. Die gelernte Bauzeichnerin kommt aus Serbien. Ihr Mann habe darauf bestanden, dass sie nicht arbeite. Zehn Jahre blieb sie zu Hause. «Zu lange.» Banasevic entschuldigt sich für ihren Akzent. Sie hat den Anschluss an den Arbeitsmarkt verpasst, hinzu kamen die Sprachbarriere und psychische Probleme. Von ihrem Mann hat sie sich getrennt. Seit zwei Jahren ist sie in der Manufakturabteilung, wo sie unter anderem näht. Mit ihrem gelernten Beruf hat dies wenig zu tun. Es gefalle ihr hier sehr gut, sagt Banasevic.

Immer weniger Stellen für Geringqualifizierte

Die Quote derer, die wieder eine Anstellung auf dem Ersten Arbeitsmarkt finden, sinkt stetig: von 35 Prozent im Jahr 2008 auf aktuelle 15 Prozent. Gründe dafür sind gemäss Blattmann eine höhere Sockelarbeitslosigkeit und weniger Stellen für Geringqualifizierte. Barbara Fontanellaz, Leiterin Fachbereich Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Gallen, sagt, Sozialfirmen könnten «für bestimmte Personen durchaus eine Perspektive eröffnen und ihnen die Rückkehr in ein arbeitsrechtlich reguläres Beschäftigungsverhältnis ermöglichen».

Der Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit in die Dock Gruppe erfolgt über die Sozialen Dienste. «Unsere Sozialberater führen Gespräche mit denjenigen, für die eine Anstellung in der Dock Gruppe als geeignet erscheint», sagt Heinz ­Indermaur, Dienstellenleiter Soziale Dienste bei der Stadt St. Gallen. Kommt eine Person für eine Anstellung in Frage, wird sie bei der Dock Gruppe angemeldet. Dort findet ein zweites Gespräch statt. Haben die Personen die Möglichkeit abzulehnen? «Sie müssen dann mit Sanktionen in der Sozialhilfe rechnen», sagt Indermaur. Arbeitsfähige Personen sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit anzunehmen. Bei wie vielen Personen die Zusammenarbeit missglückt ist, weiss Blattmann nicht. Die meisten, die Dock ohne Stelle verliessen, würden dies aus gesundheitlichen Gründen tun. Bei disziplinarischen Gründen komme es einige Monate später oft zu einer erfolgreichen Wiederanstellung.

Blattmann und Merz betonen den engen Kontakt zu den Angestellten und Mitarbeitern – für sie ein Merkmal der Dock-Betriebe. Die gemeinsame Leitung ist für sie ebenfalls ein Merkmal der St. Galler Sozialfirma. Für Blattmann auch aus feministischer Perspektive: Solidarität habe unter Männern eine lange Tradition, in Armee, Männerbünden und Burschenschaften. Für Frauen fehlten diese Strukturen. Mit der weiblichen Geschäftsleitung sehen sich Merz und Blattmann als Vorbilder. Und die beiden sagen selbstbewusst, dass Chefs, die Persönlichkeiten sind, die ihre Angestellten gut kennen und echte Führungsqualitäten aufweisen, andernorts seltener geworden seien.


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