Kommentar

Zeit heilt solche Wunden nicht

04. Juli 2017, 06:58
Roger Fuchs

Trauer, Wut, Unverständnis – viele negative Gefühle kochen hoch beim Lesen des aktuellen Berichts zweier Historiker über das Leben im einstigen Innerrhoder Kinderheim Steig. Die eine und absolute Wahrheit gibt es zwar nicht, doch wer von den Demütigungen und Schlägen der damaligen Ingenbohler Ordensschwestern und dem Wegschauen der Behörden betroffen war, hat Schreckliches durchgemacht. Umso mehr ist es ob all dieser Emotionen und dem düsteren Kapitel in Innerrhodens Geschichte nicht mehr als selbstverständlich, dass die heutige Regierung das Ganze aufarbeiten liess. Auch die Ordensschwestern haben dazu Hand geboten.

Der Bericht schafft Fakten. Er bestätigt Erzählungen, die im Frühling und Sommer 2015 an die Öffentlichkeit gelangten. Regierung und Orden haben sich entschuldigt. Dazu lässt die Innerrhoder Standeskommission 200 000 Franken in den vom Bund errichteten Solidaritätsfonds für Opfer von Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen fliessen. Eine Geste, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass Vorgefallenes nicht rückgängig gemacht werden kann. Selbst Zeit heilt in solchen Fällen die seelischen Wunden nicht.

Eines hat bei der gestrigen Medienorientierung gefehlt: Die offizielle katholische Kirche. Der Orden ist eine Gemeinschaft dieser Institution, doch niemand davon war anwesend: Kein Pfarrer aus Appenzell, niemand aus dem Bistum St.Gallen, welches vom Vatikan mit der Verwaltung der Appenzeller Kirchgemeinden betraut ist. Es ist doch nicht anzunehmen, dass von der offiziellen Kirche keine einzige Person von dieser Aufarbeitung etwas mitbekommen hat. Letztlich wirken Ordensleute im Ruf und Dienste der katholischen Kirche, und es ist diese Institution, die mit dem vorliegenden Bericht einen weiteren schwarzen Fleck bekommt. Ob Schläge oder sexuelles Fehlverhalten von Seelsorgenden, das schon mehrfach für Schlagzeilen sorgte, beides schadet der Kirche als Ganzes. Dabei mag noch so gute Arbeit von vielen Kirchenvertretern geleistet werden, ein Verzeihen all der in der Summe vorhandenen Fehlleistungen wird für viele Gläubige immer schwieriger. Ein offizielles Wort seitens dieser Institution hätte mehr als gut getan. Denn was Betroffene erzählen, macht betroffen. Noch heute treibt es ihnen Tränen in die Augen.

 

Roger Fuchs

roger.fuchs

@ appenzellerzeitung.ch


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