«Selbst Chlapf ufs Füdli ist falsch»

APPENZELL ⋅ Die Kesb kann die Erziehungsmethoden der Ordensschwestern im einstigen Kinderheim Steig nicht gutheissen. Beim heute gleichnamigen Behindertenwohnheim hofft man auf keine Verwechslung.
05. Juli 2017, 08:12
Roger Fuchs

Roger Fuchs

roger.fuchs

@appenzellerzeitung.ch

 

«Was im einstigen Kinderheim Steig passierte, erschüttert auch mich», sagt Lukas Enzler. Seit wenigen Wochen ist er der neue Präsident des Behindertenwohnheims Steig, das heute in Appenzell an Stelle des Kinderheims zu finden ist. Schläge und Demütigungen durch Ingenbohler ­Ordensschwestern waren im ­Kinderheim ein probates Erziehungsmittel. Natürlich hoffe er, dass die Menschen zwischen dem ehemaligen Kinderheim und dem heutigen Behindertenheim unterscheiden können, sagt Enzler. «Schläge oder Essensentzug als Erziehungsmittel gibt es definitiv nicht mehr.»

Heute würde man im Fall des Falles in einem ersten Schritt Massnahmen zur Deeskalation suchen und in einem zweiten Schritt auch in Kontakt mit Beistand oder Eltern Lösungen erarbeiten. Aktuell werden die Weichen dahingehend gestellt, dass Betreute fortan vermehrt ihre eigenen Ziele definieren sollen. Lukas Enzler hofft bei jeglicher Entwicklung, dass sie alles richtig machten und sich die Nachkommen dereinst nicht für ihr Tun und Handeln entschuldigen müssten.

Schläge gibt es bis heute

Schläge als Erziehungsmittel sind in der Gesellschaft bis heute nicht völlig von der Bildfläche verschwunden. Und auch im kirchlichen Milieu gibt es sie noch. Bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde von Appenzell ­Innerrhoden hat man Kenntnis von Vorfällen aus muslimischen Glaubenskreisen und von Mitgliedern der Piusbruderschaft, in der bis heute Schläge als Züchtigungsmittel eingesetzt würden, wie die Kesb-Präsidentin Jolanda Brunner ausführt. «Ja, wir haben diesbezüglich auch schon konkrete Fälle gehabt», doppelt sie auf eine entsprechende Frage nach.

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde kann Schläge als Erziehungsmittel in keiner Art und Weise gutheissen. Selbst ein «Chlapf ufs Füdli» gehört sich nicht, wie Jolanda Brunner sagt. Ein solcher helfe überhaupt nicht weiter, stattdessen gelte es, andere Erziehungsmethoden zu finden. «Schläge zeichnen fürs Leben», so die Kesb-Präsidentin, und spricht von nachweislich psychischen Schäden.

In einer Angelegenheit kann Jolanda Brunner beruhigen: Fremdplatzierungen kommen heute kaum mehr vor. Das war damals beim Kinderheim Steig anders. Junge Menschen wurden dorthin umquartiert, wenn sich die Eltern zu Hause in Not oder Armut befanden oder wenn Gewalt vorherrschte.

Heute würde man in Notfällen erst einmal versuchen, den Eltern mit Familienbegleitung oder einem Beistand die nötige Unterstützung zu bieten, sagt Brunner. Wenn eine Umplatzierung nötig werde, suche man wenn immer möglich im familiären Umfeld nach einer Möglichkeit. «Das Heim soll die letzte Konsequenz sein», so Jolanda Brunner. Konkret hat die Inner­rhoder Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in den letzten fünf Jahren zwei Kinder in ein Heim eingewiesen – dies sei in diesen Fällen aber auch aus schulischen Gründen geschehen.

Neue Form der Gewalt

Eines der grössten Probleme für Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit sieht Jolanda Brunner in der psychischen Gewalt. Solche durchleben Kinder unter anderem, wenn Eltern sich trennen und Konflikte auf dem ­Rücken ihrer Jungmannschaft austragen. Ein genaues Hinschauen ist also nach wie vor notwendig.


1Leserkommentar

Anzeige: