Der Appenzeller Pionier beim Fernsehen

SRF ⋅ Der gebürtige Rechtobler Marcel Anderwert produziert seit sechs Jahren Beiträge für die Tagesschau. Ein im Jahr 1901 gegründetes Unternehmen führt ihn regelmässig ins Appenzellerland. Er gilt auch als Pionier.
30. September 2017, 05:19
Mea Mc Ghee

Mea Mc Ghee

mea.mcghee@appenzellerzeitung.ch

Tagesschau Hauptausgabe: Ausgestrahlt wird ein Beitrag über die Bundestagswahlen in Deutschland. Die Moderatorin hat die Stimme der Regisseurin im Ohr, im Regieraum überwacht die Produzentin den Ablauf der Sendung, in einem Kabäuschen liest die Sprecherin den Text zum Beitrag, ein Techniker steuert die Studiotechnik. Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit die Sendung reibungslos abläuft. Beteiligt ist auch Marcel Anderwert. Der gebürtige Rechtobler arbeitet seit mehr als sechs Jahren für SRF. Als Redaktor, Reporter und Sonderkorrespondent realisiert der 44-Jährige Beiträge für die Tagesschau, so auch den ­Bericht über die Bundestags­wahlen.

Seine berufliche Laufbahn weist einige Stationen auf: Nach der Matura an der Kantons­schule Trogen absolvierte er einen Lehrgang am Lehrerseminar Kreuzlingen. Ein Jahr lang unterrichtete Anderwert im Anschluss. Um ein Fachgebiet zu vertiefen, studierte er Geschichte und Englisch. Er beabsichtigte auf höherer Stufe zu unterrichten, kam aber durch einen Kollegen zu Radio Top, wo er bereits am zweiten Tag Nachrichten las. «Es war der News-Herbst 2001 mit 9/11, dem Swissair-Grounding und dem Brand im Gotthardtunnel», erinnert sich Marcel Anderwert an seine Anfänge in der Medienwelt. Weitere Stationen waren Radio 24 und Tele Züri.

Glühwürmchen, US-Wahlen und Familienbetrieb

Der Rechtobler hat viele Interessen. Spannend findet er, dass in der Tagesschau unterschiedliche Themen Platz haben – Politisches, aber auch eine Reportage über den Rotmilan. Technisch reizvoll fand er den Beitrag über den Glühwürmchen-Hotspot am Rhein. «Um dieses Phänomen zeigen zu können, war ich nächtelang mit einem Fotoapparat unterwegs.» Vor allem aber interessieren ihn die grossen News-Geschichten, und er ist gerne nahe bei den ­Leuten. «Wenn ich vor Ort berichten kann, spüre ich ein Kribbeln», beschreibt Marcel Anderwert. Das Spontane, das sein Job mit sich bringt, mag er. Es be­dinge aber eine gute Organisation des Familienlebens. Er und seine Frau leben mit der achtjährigen Tochter Leonie im Zürcher Weinland.

In Rehetobel ist Marcel ­Anderwert noch regelmässig. Mit den zwei jüngeren Geschwistern Simone und Reto sitzt er im ­Verwaltungsrat des eigenen Familien­betriebs Tobler & Co. AG. 1901 als Nollenstickerei vom Urgrossvater gegründet, ist die Firma heute auf die Herstellung von ­Artikeln für den Arzt- und Spitalbedarf spezialisiert. «Auf den Strickmaschinen werden zum Beispiel Baumwollschläuche produziert, die bei Brüchen unter dem Gips angewendet werden.» Auch verwandtschaftlich ist er mit Rehetobel verbunden: Vater Fritz und Grossmutter Klärli leben im Dorf. Anderwert wandert ­gerne im Alpstein. «Ein ideales Wandergebiet für Familien», ­findet er. In seiner raren Freizeit spielt er Klavier und Gitarre, singt Mundartlieder. In seiner ­Jugend musizierte er in der Band Fraglund, die damals als Vorband von Mumpitz auftrat.

Und schliesslich tüftelt Marcel Anderwert gerne mit den Möglichkeiten des Smartphones. Bei SRF repariert der «iPhone-Doktor» Geräte von Kollegen. Und er realisiert als eine Art Pionier Bei­träge und Live-Schaltungen mit dem Smartphone. Im Herbst 2014 weilte er in den USA, um über die Halbzeitwahlen zu berichten. Arbeitsgerät für das Internetprojekt war das Handy. Zu jener Zeit wurde Anderwerts erster mit dem Smartphone gedrehter Tagesschaubeitrag ausgestrahlt. Kameramänner oder Mitarbeiter vom Schnitt möchte er nicht konkurrenzieren. «Aber in manchen Situationen bin ich mit dem Handy mehr auf Augenhöhe mit den Leuten – und vor ­allem bin ich flexibler», so Marcel Anderwert. Während der Flüchtlingskrise war der Reporter al­leine an der ungarisch-serbischen Grenze unterwegs, manchmal mitten in der Nacht. Er drehte am Bahnhof in Budapest, kniete im Dreck, sprach mit den Flücht­lingen. Nebst seinem 80-Prozent-Pensum für SRF erteilt er Kurse für das Filmen mit dem Smartphone.

Grosser Zeitdruck gehört dazu

Mit dem Zeitdruck beim Fern­sehen müsse man umgehen ­können, so Marcel Anderwert. Manche Beiträge würden erst kurz vor der Sendung fertig. Filmen, interviewen, Material sichten und schneiden, Texte verfassen, die Timeline für die Sprecherin erstellen, Interviewpartner mit Namen und Funktion versehen – das alles braucht es, bis ein Beitrag steht. Gesprächspartner zu finden, die knackige Aussagen formulieren, sei am anspruchsvollsten, so Anderwert.

Sein nächstes grösseres Projekt führt ihn ans WEF in Davos. «Dort trifft man viele Player auf engem Raum», freut er sich. Und wie kommt er zu Interviews mit den hohen Tieren aus Politik und Wirtschaft? Anderwert sagt: «Als Reporter bin ich mutiger und ­offensiver als im Privatleben. Und schliesslich sind alles einfach Menschen.»


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