«Fast täglich weint jemand»

HERISAU ⋅ Nutzerinnen und Nutzer wehren sich gegen Veränderungen beim Zentrum «Selewie». In einem offenen Brief kritisieren sie die Pläne der Gemeinde. Die Betriebsleiterin sieht sich selbst in einem schwierigen Spagat.
04. Dezember 2017, 05:18
Roger Fuchs

Roger Fuchs

roger.fuchs@appenzellerzeitung.ch

Die Gemeinde soll ab Juli 2018 die aufsuchende Sozialarbeit übernehmen und auch ein Begegnungszentrum führen. Der heutige Treff namens «Selewie», getragen von einem gleichnamigen Verein, wird dabei ziemlich sicher nicht am jetzigen Standort an der Alpsteinstrasse bleiben. Über eine Eingemeindung des Projekts entscheidet der Einwohnerrat übermorgen Mittwoch.

Mit Skepsis verfolgt wird dieser Prozess von den heutigen Selewie-Nutzerinnen und -Nutzern. Sie haben auch Kenntnis vom Grobkonzept «Aufsuchende Sozialarbeit» der Gemeinde. Dass gemäss diesem nur noch rund 20 Prozent der insgesamt 130 Stellenprozente für den Betrieb eines Begegnungszentrums aufgewendet werden sollen, stösst ihnen sauer auf.

Mit einem von über fünfzig Personen unterzeichneten offenen Brief wenden sie sich an die Öffentlichkeit. Wörtlich heisst es: «Nur noch 20 Prozent für alles, das uns wichtig geworden ist und auch für unsere Zukunft sehr wichtig ist, scheint uns unrealistisch und nicht nachvollziehbar.» Des weiteren wird geschildert, was das heutige Selewie für die Menschen bedeutet. Ohne einen solchen Ort würden sich viele wieder in die Einsamkeit zurückziehen und in alte Muster zurückfallen. «Ganz ehrlich, es wird doch einfach eine neue Stelle für den Jugendbereich geschaffen und diese als Weiterführung von Selewie verkauft», heisst es.

Für viele bricht ein wichtiger Bezugspunkt weg

Sabrina Jaggi, die dem Betriebsteam des Selewie derzeit mit 70 Prozent vorsteht, versichert, dass der offene Brief von jenen Menschen aufgegleist wurde, die wöchentlich mehrmals ein- und ausgehen würden. Die mit einer möglichen Eingemeindung verbundene Tatsache, dass nur noch ein Bruchteil der Stellenprozente für die Führung eines Begegnungszentrums vorgesehen sei, würden Ängste, Unsicherheiten und Ärger auslösen. Viele seien auch traurig. «Fast täglich weint jemand», sagt Sabrina Jaggi, die sich einem schwierigen Spagat ausgesetzt sieht. Rein fachlich betrachtet könne sie hinter dem Grobkonzept der Gemeinde stehen. Als Vertreterin der sozial schwächer Gestellten sehe sie aber auch, was diese verlieren würden. «Ohne Selewie bricht für viele ein Bezugspunkt im Leben weg. Ein Bezugspunkt, der ihnen eine Struktur im Alltag gibt.» Auch wenn Jaggi in engem Kontakt zur Gemeinde steht, so hält sie fest: «Mit den veranschlagten 150 000 Franken pro Jahr wird es nicht machbar sein, professionelle aufsuchende Sozialarbeit sicherzustellen und gleichzeitig ein Begegnungszentrum im heutigen Stil zu betreiben.»

Gemeinderätin denkt an mehr Freiwilligenarbeit

Die zuständige Gemeinderätin Sandra Nater zeigt sich ob des offenen Briefs nicht überrascht. «Es ist verständlich, dass dieses Thema bewegt.» Es gelte jedoch klarzustellen, dass es sich beim erwähnten Konzept erst um ein Grobkonzept handle. Die Feinjustierung werde aufgrund der Erfahrungen erfolgen. Auch hält Nater fest, dass für den Betrieb des Zentrums die Freiwilligenarbeit wichtig bleibe. Schon heute sei beispielsweise der Mittagstisch dadurch sichergestellt. Auch ein Ausbau der Freiwilligenarbeit wäre denkbar. Priorität hat gemäss der Gemeinderätin nun in einem ersten Schritt, dass die Kontinuität eines Begegnungszentrums gewährleistet ist.

Die konkrete Ausgestaltung, wie beispielsweise der Bedarf der Öffnungszeiten, soll der Alltag weisen. Und noch etwas: Ohne finanzielle Weiterunterstützung der Gemeinde wäre Selewie wohl bald ganz Geschichte. Die Leistungsvereinbarung zwischen dem Verein und der Gemeinde läuft im Juni 2018 aus.


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