In Herisau droht eine Industrieruine

HERISAU ⋅ Die Eigentümerin des Kempf-Areals muss nach dem Nein zum Teilzonenplan Untere Fabrik zurück auf Feld eins. Das Gewerbegebiet steht vor einer ungewissen Zukunft. Nicht nur das Hochwasser ist ein Problem.
06. Februar 2018, 17:56
Jesko Calderara
jesko.calderara@appenzellerzeitung.ch
Gemeinderat Max Eugster ist konsterniert. Die Art und Weise, wie der Einwohnerrat vor zwei Wochen den Teilzonenplan Un-tere Fabrik durch Nichteintreten zurückwies, hat den Ressortchef Hochbau/Ortsplanung überrascht. «Die Vorlage wurde nicht einmal diskutiert», sagt Eugster. Er spricht gar von einem Scherbenhaufen.

Wie es mit dem rund 7600 Quadratmeter grossen Gewerbeareal Kempf weitergeht, ist offen. Zurzeit sind dort mehrere Betriebe wie die Molkerei Forster eingemietet. Ein akutes Problem ist die Hochwassergefährdung durch die an dieser Stelle unterirdisch fliessende Glatt. In der Gefahrenkarte ist das Gebiet deshalb in die rote Zone eingeteilt. Somit besteht faktisch ein Bauverbot, solange die Gefährdung nicht beseitigt wird. Darauf könnte in Zukunft auch die Assekuranz verstärkt bestehen.

Vorgesehen war, das bestehende Industriegebäude abzureissen. Dadurch hätte die Glatt offengelegt und mit der Sanierung des Bachlaufs die Hochwassersicherheit wieder hergestellt werden können. Weil auf diese Weise die überbaubare Fläche um die Hälfte kleiner geworden wäre, wollte die Grundeigentümerin aus wirtschaftlichen Gründen ein Mehrfamilienhaus mit Gewerbeanteil realisieren. Dieses Vorhaben ist nun vom Tisch.
 

Weitere Vorgehensweise ist offen

Im Einwohnerrat stiess die geplante Umzonung von der Industrie- in die Wohn- und Gewerbezone auf Kritik. Die Lage sei ungünstig für Wohnbauten, betonten mehrere Einwohnerräte. Auch bestehe ein Bedarf an grösseren Industrie- und Gewerberäumlichkeiten. Dies zweifelt Lorenz Signer, Verwaltungsrat der Signer Immobilien AG, angesichts der vielen leer stehenden Flächen an. Das Unternehmen kaufte das Grundstück einst aus der Konkursmasse der Kempf AG. Für die künftige Bebauung des Areals gibt es nebst der Hochwassergefahr noch ein zweites Hindernis. Der Boden ist höchstwahrscheinlich mit Altlasten belastet. Die Kosten einer allfälligen Sanierung und des Rückbaus der bestehenden Gebäude müsste die Eigentümerin tragen. «Mit der Umzonung wollte man eine gewisse Wirtschaftlichkeit wiederherstellen, indem die Arealbesitzerin die bebaubare zweite Hälfte ihres ehemaligen Grundstücks für den Bau von Wohnungen inklusive einer Gewerbenutzung von 10 Prozent hätte nutzen können», sagt Eugster. Nur so wären diese Aufwendungen finanziell verträglich gewesen.

Mit einer Nutzung ausschliesslich als Gewerbeland, wie dies eine Mehrheit der SVP- und der FDP-Einwohnerräte gewünscht hatte, ist dies laut Eugster nicht möglich. Dafür liege der Quadratmeterpreis für Industrieland zu tief. Der Verwaltungsrat der Signer Immobilien AG will demnächst das weitere Vorgehen besprechen. Lorenz Signer bedauert, dass die über sechs Jahre aufgegleiste Lösung keine Mehrheit fand. Dadurch habe Herisau in einem heute wenig attraktiven Gebiet eine Chance auf eine Entwicklung verpasst. «Die Gefahr, dass es nun eine Industrieruine gibt, ist gross», sagt Signer. Dies hätte seiner Ansicht nach verhindert werden können.

Für die Gemeinde hat sich die Ausgangslage nach dem negativen Entscheid des Einwohnerrates verändert. Sie ist noch primär für die Erschliessung des Quartiers verantwortlich. Diese stösst mit der angestrebten baulichen Tätigkeit an Grenzen. Unklar ist, ob die geplante Erschliessungsstrasse von der Bachwis- in die Cilanderstrasse nun doch realisiert wird.
 

Innere Verdichtung birgt Konflikte

Nach der Kirchensanierung im September 2017 und dem Teilzonenplan Untere Fabrik sind innerhalb weniger Monate gleich zwei Geschäfte aus dem Bereich Hochbau im Einwohnerrat gescheitert. Während der letzten Debatte bemängelte die FDP-Fraktion das Prozedere zur Erarbeitung der Vorlage, ohne allerdings konkret zu werden. Max Eugster verteidigt die Vorgehensweise. Die involvierten Partner seien sehr frühzeitig einbezogen worden.

Letztlich ging es beim Teilzonenplan Untere Fabrik um eine innere Verdichtung, was auch einem Grundsatz des Raumplanungsgesetzes entspricht. Bei solchen Fragestellungen gebe es immer Interessenkonflikte, sagt Eugster. «Deshalb braucht es Kompromissbereitschaft.» Dass diese vermehrt fehlt, bereitet dem SP-Gemeinderat im Hinblick auf die Zentrumsentwicklung Sorgen. Wenn es bei jedem Problem Widerstand gebe, sei keine Entwicklung mehr möglich, betont Eugster.

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