Der Fotograf im Geisterhaus

REPORTAGE ⋅ Der gebürtige Herisauer Sacha Rüede betreibt ein spezielles Hobby: Er ist Lost-Place-Fotograf. Der 43-Jährige trifft schöne Frauen, sucht geheime Orte auf und verwirklicht sich künstlerisch. Etwas Adrenalin ist auch im Spiel.
14. August 2017, 15:55
Patrik Kobler

Treffpunkt ist ein Fünf-Sterne-Hotel in Norditalien. Während der Concierge das Auto wegstellt, schaut sich der Ankömmling aus dem Appenzellerland mit grossen Augen um: Er steht in einem Palast mit Marmorböden, langen Gängen, Kronleuchtern, Statuen und Wandgemälden. Fast fühlt er sich in die Zeit zurückversetzt, als hier Gäste wie Hemingway ihre Zeit verbrachten. Aus dem Lift steigt aber nicht der berühmte Schriftsteller, sondern ein Mann mit Chüeligurt: Sacha Rüede.

Der gebürtige Herisauer betreibt ein spezielles Hobby. Er ist Lost-Place-Fotograf. Seit 17 Jahren sucht er mit seiner Kamera vergessene Orte auf; Gebäuderuinen, die von der Natur zurückerobert werden. Ganz in der Nähe des Hotels befindet sich eines seiner Lieblingsobjekte – ein ehemaliges katholisches Kinderheim. Mehr soll an dieser Stelle nicht über den Ort verraten werden, denn die Lost-Place-Fotografen sind ein verschwiegenes Völklein. Über ein Jahr lang hatte Rüede recherchiert, bis er das Gebäude nach den ersten Hinweisen im Internet endlich fand.

Der gebürtige Herisauer Sacha Rüede fotografiert seit 17 Jahren in verlassenen Häusern. Wir haben ihn an ein Shooting in einem ehemaligen Kinderheim in Italien begleitet. (Bilder: Sacha Rüede)

Verwöhnprogramm gehört zur Strategie

Am Vorabend des Fotoshootings versammelt der 43-Jährige seine Crew im Hotel: die Models Jessy Stephan und Samira Herren sowie die Visagistin Pascale Müller. Sie arbeiten ausnahmsweise ohne Bezahlung, als Gegenleistung erhalten sie die Bilder, welche sie für ihre eigenen Zwecke verwenden können – beispielsweise für ihre Webseite oder die Bewerbungsunterlagen, die sogenannten Sedcards. Die Anreise am Vorabend helfe Vertrauen aufzubauen und sich auszutauschen, sagt Sacha Rüede. Auch das Luxushotel ist bewusst gewählt. «Die Models sollen sich wohlfühlen, damit sie beim Shooting entspannt sind», so der Fotograf.

Zu seinem Hobby kam er über seinen Kollegen Lukas Zolliker, der in der Region Herisau als Fotograf eine bekannte Grösse ist. Von ihm konnte er sich einiges abschauen. Noch heute sind sie manchmal gemeinsam fotografierend unterwegs. Ausserdem haben sie Anfang April zusammen eine Ausstellung im Alten Zeughaus organisiert. Zu seinem Beruf machen wie sein Kollege möchte Rüede das Fotografieren nicht. Für ihn ist es vor allem ein Ausgleich zu seinem Job als Leiter Lokpersonal bei der BLS in Burgdorf.

Am andern Morgen geht es los. Die Models wurden von der Visagistin, die früher im Fernsehen das Coop-Studio moderiert hat, wunderschön zurechtgemacht. Im Hotel sind ihnen bewundernde Blicke gewiss. Doch Schönheit muss leiden – jedenfalls in der Lost-Place-Fotografie. Denn, beim Kinderheim angekommen, muss sich die Gruppe in die Büsche schlagen – und das wortwörtlich. Ein Tor versperrt den Zutritt und dahinter erwarten einen Sträucher und Nesseln. Doch Rüede kennt sich aus und weiss, wie er ins Gebäude gelangt. Er mag solche Momente, «mein Herz pumpt», sagt er und schlägt sich mit der Faust auf die Brust. Selbst der Routinier weiss nicht, was ihn im Innern erwarten wird. Für den Neuling ist es gruselig. Es wirkt, als sei das Kinderheim vor dreissig Jahren fluchtartig verlassen worden. Auf dem Kochherd stehen verrostete Pfannen; in der Küche sind Besteck und Teller auf dem Boden verstreut; im Schlafsaal meint man die Gegenwart der einstigen Bewohner zu spüren; in der Kapelle haben Vandalen ihr Unwesen getrieben und ihr Teufelszeugs an die Wände geschmiert; und auf einem Stuhl liegt eine Puppe und daneben ein Frauenslip. Freiwillig übernachten möchte man hier nicht.

Das allzu Offensichtliche vermeiden

Der Fotograf führt durchs Haus und zeigt seinen Lieblingsraum: das «Efeu-Zimmer». Es ist der ehemalige Waschraum, in dem sich nun die Kletterpflanze ausbreitet. In einem anderen Zimmer wächst sogar ein Baum durch den Boden. Als sich eines der Models für ein Foto an den Baum lehnen will, winkt Sacha Rüede ab.«Das ist mir zu banal», sagt er. Das allzu Offensichtliche versucht er zu vermeiden. Er verzichtet auch auf Aktfotos, die sind ihm zu wenig sinnlich. Die Fantasie versucht er auch während des Shootings anzuregen. «Ihr seid Engel, die aus dem Raum schweben wollen», sagt er zu den beiden Frauen. Lustig wird’s, als er Jess bittet, die Hand auf dem Lavabo zu lassen. Die Deutsche aus Wolfsburg versteht nur Bahnhof beziehungsweise «Loverboy» und schaut entsprechend verduzt drein. Das Shooting verläuft sehr entspannt. Rüede schiesst jeweils 10 bis 20 Bilder und zeigt sie dann dem Model. So wird angepasst und korrigiert, bis das gewünschte Foto im Kasten ist. Den Feinschliff nimmt er später zu Hause am Computer vor. So werden unter anderem aus den Farbfotos Schwarz-Weiss-Aufnahmen, weil er die Bilder so stimmungsvoller findet.

Gut zwei Stunden posieren die Models konzentriert, dann ist die Luft draussen und Rüede beendet das Shooting . Zum Abschied herzen sich alle und verlassen dann den geheimen Ort. Als Erinnerung bleiben ihnen eindrückliche Bilder.


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