Schläge, Essensentzug, Demütigungen

LEID IM KINDERHEIM STEIG ⋅ Die Innerrhoder Regierung entschuldigt sich bei den ehemaligen Zöglingen des Kinderheims Steig und zahlt 200'000 Franken in den eidgenössischen Solidaritätsfonds. Am Montag wurde ein wissenschaftlicher Bericht vorgestellt, der die Geschichte der von Ordensfrauen geführten Institution beleuchtet. Betroffene berichten darin von Vernachlässigung, körperlicher Züchtigung und Missbrauch.
Aktualisiert: 
03.07.2017, 17:00
03. Juli 2017, 11:30
Nachdem einige Zeitungsartikel über die dunkle Vergangenheit des Kinderheims im Innerrhoder Grossen Rat kontrovers diskutiert worden waren, beschloss die Standeskommission (Regierung) im Oktober 2015, eine historische Untersuchung in Auftrag zu geben, die den Heimalltag der Steig in der Zeit von 1945 bis zur Aufhebung der Institution 1984 aufarbeiten sollte.

Die Standeskommission bedauert die Schicksale der Betroffenen und will mit der Aufarbeitung der Geschichte des Heimalltags einen Beitrag zur Klärung der damaligen Sachlage leisten. "Der Bericht hat uns sprachlos gemacht", sagte Landammann Daniel Fässler vor den Medien. Mit einer Entschuldigung sei das Unrecht nicht wiedergutgemacht.
 

"Ihnen gehört unser Mitgefühl"

Als Zeichen der Anerkennung und Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts und des Leids hat die Standeskommission beschlossen, in den vom Bund errichteten Solidaritätsfonds für Opfer von Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen einen Beitrag von 200'000 Franken einzuzahlen. "Ihnen allen gehört unser Mitgefühl", sagte Fässler.

Weiter möchte die Regierung im Kontakt mit den Betroffenen ein Zeichen der Erinnerung schaffen. Möglich ist ein Kunstwerk, eine Gedenktafel oder ein Gedenkbaum.
 

Ehemalige Insassen erzählen

Mit dem Bericht wurden Mirjam Janett und Urs Hafner beauftragt. Die Historikerin und der Historiker sind mit dem Thema Fremdplatzierung vertraut. Am Montag stellten sie ihren Bericht im Beisein von Betroffenen und von Vertretern der Regierung sowie des Ingenbohler Ordens vor. Es existierten nur wenige schriftliche Quellen zur Geschichte des Kinderheims. "Wir waren für unsere Arbeit vor allem auf Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen angewiesen", sagte Hafner. Es gebe nicht die historische Wahrheit. Es gebe unterschiedliche und zum Teil auch widersprüchliche Erinnerungen an die Vergangenheit.

Insgesamt wurden für den Bericht zwanzig Gespräche geführt mit ehemaligen Insassen des Heims, mit Ordensschwestern, die in der Steig arbeiteten, und mit Leuten aus dem Dorf, die mit dem Heim in Kontakt standen.

Hunderte von Kindern aus Appenzell Innerrhoden, aber auch aus anderen Teilen der Schweiz, verbrachten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Kindheit und Jugend im Kinderheim Steig. Das "Waisenhaus", wie es zunächst hiess, erfüllte in Appenzell die Funktion einer Versorgungs− und Erziehungsagentur für Kinder verarmter, geschiedener, alleinstehender und in Not geratene Eltern.
 

Parallelen zu anderen Heimen

Zeitweise waren vier bis sechs Schwestern für knapp siebzig Kinder und Jugendliche verantwortlich. Es gebe grosse Parallelen zu anderen Heimen, sagte Magnus Küng, Beirat des Klosters Ingenbohl. Der Orden anerkenne das Leid der ehemaligen Heimbewohner und das grosse Fehlverhalten bei der Erziehung. Die Ordensschwestern selber wollten mit den Verfassern des Berichts aber nicht über die "dunklen Seiten" des Heims reden. "Sie waren mit der Betreuung der Kinder überfordert", sagte der Historiker Urs Hafner.

Die meisten der Kinder, die in der Steig untergebracht wurden, waren keine Waisen. Manche Kinder lebten nicht nur gegen ihren Willen, sondern auch gegen den Willen ihrer Eltern im Heim. Andere wiederum waren froh, in der Steig Schutz vor diesen zu finden, weil sie von ihnen misshandelt oder vernachlässigt wurden.

"Im Heim wurde man gestraft, logischerweise, man kam immer dran, mit Schlägen, massiv mit Schlägen, nicht nur einem Chlapf", berichtet ein Ehemaliger. Die Schwestern gaben den Kindern entweder mit oder ohne Teppichklopfer wie auch mit einer Metallbürste Schläge auf den blossen Hintern.

Bestraft wurde ferner mit Essensentzug. "Hunger war eine Strafe, eine absolute Strafe", erzählte ein Ehemaliger über die 1950er-Jahre. Eine weitere Strafpraxis der Schwestern scheint das Unterwasserhalten des Kopfes gewesen zu sein, das bei "Bettnässern" angewandt wurde. Die Erziehung der Ordensschwestern sah auch psychische Strafen wie Demütigung, Einschüchterung, Blossstellung und Liebesentzug vor.
 

Damalige Regierung versagte

Wie oft sexuelle Übergriffe in der Steig vorkamen und ob sie zur "Anstaltskultur" gehörten, können die Verfasser des Berichts nicht sagen. Es sei jedoch davon auszugehen, dass solche Übergriffe passiert sind, von Seiten des Waisenhausverwalters, älterer Heimbuben und Ehemaliger, vielleicht einzelner Ordensschwestern, sagte Mirjam Janett. Betroffen waren Mädchen und kleine Knaben. Die Täter wurden nie belangt.

Die damalige Regierung habe vor allem moralisch versagt und damit Schuld auf sich geladen, heisst es im Bericht. Die Ordensschwestern führten das Heim im Auftrag und unter Aufsicht des Kantons Appenzell Innerrhoden. Die Steig sei ein weiteres Mosaikstück in der dunklen Geschichte der damaligen Heimlandschaft, so Janett.

Einige der Befragten wünschten sich eine Entschuldigung der heutigen Regierung. Jemand ist der Ansicht, er habe finanzielle Genugtuung verdient für das Leid, das er im Heim und später erlitten habe. Die meisten der Befragten wünschen sich eine Internet-Plattform, auf der sie miteinander in Kontakt treten könnten. (sda)

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