Das Aus kommt nicht von ungefähr

KOMMENTAR ⋅ Im Sommer 2020 schliesst das Internat am Gymnasium St.Antonius in Appenzell. "Die Schuld primär der demografischen Entwicklung zuzuschreiben, greift zu kurz", schreibt Roger Fuchs, Redaktor bei der Appenzeller Zeitung, in seinem Kommentar.
22. Juni 2017, 16:30
Es überrascht nicht. Die Schliessung des Internats am Gymnasium St.Antonius in Appenzell hat sich abgezeichnet. Seit 2012 dümpelt die Zahl der Internen bei rund 20 herum. Für einen kostendeckenden Betrieb wären 45 bis 50 notwendig. Eine vor rund zwei Jahren eingesetzte Task-Force sollte das Steuer herumreissen. Das ist offenbar nicht gelungen. Angesichts dieser Vorgeschichte kann dem Stiftungsrat sicher kein überhastetes Handeln vorgeworfen werden.
Eine der Massnahmen war, das Internat mittels Fundraising zu sichern. Doch es kann nicht sein, dass ein Internat über Jahre hinweg am Tropf von Sponsoren hängt. Wird ein Angebot im Schnitt noch von 20 Jugendlichen pro Jahr beansprucht, bleibt nur die nüchterne Erkenntnis, dass diese Wohnform nicht mehr im erhofften Rahmen gewünscht ist.

Die Frage bleibt, warum es so weit kam. Die Schuld primär der demografischen Entwicklung zuzuschreiben, greift zu kurz. Schliesslich befindet sich Appenzell in guter Gesellschaft. Ende Schuljahr 2011/12 schloss das von Steyler Missionaren geführte Gymnasium Marienburg in Thal. Auch das Internat Ftan im Unterengadin hat turbulente Zeiten hinter sich, wurde aber gerettet. Offenbar ist es eine Zeiterscheinung, dass Internate nicht mehr in dem Umfang gefragt sind wie früher. Auch die finanziellen Aufwendungen sind kein Klacks. In Appenzell kostet das Internat je nach Einkommen der Eltern zwischen 24'000 und 34'000 Franken (Logie und Schulgeld) pro Jahr. Das können oder wollen sich viele nicht mehr leisten.

Bei christlich geprägten Schulen wie in Appenzell und der ehemaligen Marienburg dürfte auch das allgemeine Image der Kirchen hineinspielen. Zu nennen sind hier natürlich die schlagzeilenträchtigen Missbrauchsfälle durch Priester, die in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit gelangten.

Nicht zu vergessen die wachsende Mobilität: Man muss von ziemlich weit herkommen, um auf das Internat in Appenzell angewiesen zu sein. Aus Innerrhoden und Ausserrhoden käme bestimmt niemand auf diese Idee. Folglich werden Internate von Auswärtigen gezielt aufgesucht, weil beispielsweise jemand anders davon positiv überzeugt war. Dies ruft nach einer selbstkritischen Beurteilung: Ob wohl alle bisherigen Schüler, die Multiplikatoren für positive Mund-zu-Mund-Propaganda sein müssten, dies auch waren? Oder wurde in der Welt draussen in jüngerer Zeit vermehrt negativ über Appenzell gesprochen, weshalb nur noch wenige kommen wollen? Fakt ist: Das Renommée muss heute mit Privatschulen und Internaten wie auf dem St.Galler Rosenberg, dem Lyceum Alpinum Zuoz oder dem Institut Montana auf dem Zugerberg mit internationaler Schülerschaft mithalten können. Andere vermissen vielleicht ganz einfach beim Kanton als Betreiber des Gymnasiums den Spirit der Kapuziner, die 2011 ausgezogen sind.

Nun: Die Würfel sind gefallen. In Appenzell stirbt ein weiteres Stück Geschichte. Es sei denn, die Politik wird plötzlich noch aktiv und will Geld in die Schule umleiten, statt 40 Millionen in ein neues Spital...

Roger Fuchs
roger.fuchs@appenzellerzeitung.ch

 

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