Ausserrhoder Schlagersänger erntet Kritik wegen Innerrhoder Tracht

APPENZELLERLAND ⋅ Schlagersänger Stixi hat zwei Fotos online gestellt und wollte nur eines wissen: Blau oder grün? Daraus entstanden ist eine Diskussion, wie er sie noch bei keinem eigenen Eintrag in die sozialen Medien erlebt hat.
17. November 2017, 17:35
Roger Fuchs
Für eine Gala in Zürich hat sich das volkstümliche Schlagerpaar Stixi & Sonja aus Herisau besonders schön gemacht und in Tracht geworfen — in Innerrhoder Tracht. Zwei Jahre nach diesem Anlass stellt Erwin Stixenberger alias Stixi Fotos von damals auf Facebook. Seine Frau trägt einmal blau und einmal grün. Auf eine mit dem Eintrag verbundene Frage gibt es zahlreiche Kommentare. Viele loben beide Outfits als schön — aber nicht nur. Insbesondere eine Innerrhoderin, die sich im sozialen Netzwerk selbst in Tracht präsentiert, zeigt sich besonders genervt. «Da goht gää nüd!!, schreibt sie wörtlich. «E Innerrhoder Tracht fö nebed, wo wedes Bürgerrecht no Wohnsetz in AI het!! Sorry... i träg au ke Berner Tracht, gad wells me gfallt.»

Nichts Bösartiges machen wollen

Auf die Antwort von Stixi folgt eine Kontroverse über Kantönlidenken, Tradition, Toleranz und die heutige Zeit. Keinesfalls hätten sie mit dem Anziehen der Innerrhoder Tracht etwas Bösartiges machen wollen, sagt Erwin Stixenberger auf Anfrage der Zeitung. Dieser Kantönligeist bereite ihm aber Mühe. «Ob nun Innerrhoden oder Ausserrhoden — die beiden Kantone werden gegen aussen hin als Appenzellerland wahrgenommen», so Stixenberger. Folglich spricht er denn auch vom Appenzellerland als seiner Heimat. «Und ich bin stolz, in dieser schönen Gegend leben zu dürfen.»
Gleichzeitig schildert der Schlagersänger noch einmal die Entstehung der Fotos: Vor zwei Jahren seien sie im Vorfeld einer Gala in Zürich nach Innerrhoden gereist, um dort bei einer traditionell geprägten Vermieterin eine Tracht auszuleihen. Dabei hätten sie zwischen grün oder blau entscheiden müssen und letztlich dann ohne Einschränkungen die Tracht ausgehändigt bekommen. Nun habe er aus Spass die Bilder nochmals ins soziale Netzwerk gestellt und mit der Frage «Grün oder blau?» verbunden, sagt Erwin Stixenberger. «Dass dieser Eintrag nun so viele Reaktionen auslöst, überrascht mich sehr.» Wenn daraus aber eine Diskussion entstehe, sei das Ganze auch positiv zu werten.

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Es geht um «Eigenes und Fremdes»

Wie die Innerrhoder Volkskundlerin Birgit Langenegger festhält, geht es hier letztlich um die Grundsatzdebatte von «Eigenem und Fremdem» und die Angst davor, dass etwas verloren gehen könnte. Verlustängste würden auf der Welt ganz allgemein gefördert durch die Globalisierung und Digitalisierung. Doch nicht alles könne damit begründet  werden, gibt sich Langenegger überzeugt. Vieles in diesem Zusammenhang habe auch mit Intoleranz zu tun, die in den letzten Jahren verstärkt anzutreffen sei. Auf die Frage, ob man denn nun als Fremder eine Innerrhoder Tracht tragen dürfe, antwortet die Volkskundlerin mit der Gegenfrage: «Warum soll man etwas nicht tun dürfen?»

Brauchtumskenner Walter Frick

Brauchtumskenner Walter Frick

Nachgefragt

Die Diskussion zur Tracht von Stixi & Sonja ist auch vom Ausserrhoder Brauchtumskenner Walter Frick registriert worden. Wer was tragen darf, ist seinen Ausführungen zufolge aber nicht gesetzlich geregelt. Er selbst würde nie Lederhosen anziehen.

Walter Frick, wie haben Sie reagiert, als Sie die beiden Ausserrhoder Stixi & Sonja auf Facebook in Innerrhoder Tracht sahen?
Frick: Ich habe mich primär gefragt, warum die Beiden eine Innerrhoder Tracht tragen. Tun sie es zu Showzwecken, um damit besser anzukommen, oder haben sie diese Tracht getragen, weil sie sich darin wohlfühlen? Persönlich habe ich aufgrund des Facebook-Eintrages den Eindruck, dass eher Ersteres der Fall ist.

Was ist denn so schlimm, wenn jemand zu Showzwecken eine Tracht trägt?
Frick: Schlimm ist das falsche Wort. Ich finde es einfach schade, wenn die Tracht zur Show missbraucht wird, nur um damit mehr Erfolg zu haben. Ganz grundsätzlich ist es aber schon so, dass jeder tragen darf, was er will. Es gibt keine Gesetzgebung, die jemandem das Tragen einer Tracht verbieten würde.

Also ganz nach dem Motto «Leben und Leben lassen».
Frick: Jeder, der eine fremde Tracht trägt, muss halt auch mit Reaktion rechnen und dumme Sprüche aushalten können. Was ich aber ebenfalls sagen muss: Es gibt ein paar ungeschriebene Gesetze; beispielsweise, dass man mit kurz geschnittenen Haaren in einer Tracht auftritt.

Gibt es weitere Fettnäpfchen, in die man nicht treten sollte, wenn man eine Tracht trägt.
Frick: Überhaupt nicht gehen würde, wenn jemand eine Original-Tracht mit billigem Kitsch kombiniert. Bei den Frauen ist es auch so, dass nicht gerne gesehen wird, wenn diese ihr Gesicht komplett schminken. Es ist also auf ein möglichst natürliches Aussehen zu achten, und man sollte sich nicht zu künstlich präsentieren. Natürlich könnte eine Frau auch mit orangen oder pinkigen Fingernägeln in einer Tracht auftreten. Doch sie muss sich dann nicht wundern, wenn sie kritisiert wird.

Inwiefern hängen emotionale Reaktionen beim Tragen einer fremden Tracht auch mit Verlustängsten zusammen?
Frick: Im weitesten Sinn kann es das vielleicht auch geben. Aber nochmals: Eine Person, die eine Tracht anzieht, muss sich darin wohlfühlen. Ich würde beispielsweise nie in Lederhosen schlüpfen, nur weil es diese in jedem Warenhaus zu kaufen gibt. Ich gehöre einfach nicht in eine Oktoberfest-Tracht.

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