Christian Meier: "Gipfelkreuze sind schlicht absurd"

KUNSTAKTION ⋅ Mit seinem Halbmond auf einem Berggipfel im Alpstein hat der 38-jährige Innerrhoder Künstler Christian Meier ein grosses Medienecho ausgelöst. Er sagt, er wolle damit eine Debatte lostreten.

07. September 2016, 15:43
Tim Naef
Ein Halbmond auf einem Innerrhoder Berggipfel – Sie wollten schlicht provozieren.
Christian Meier: Natürlich wollte ich mit dem ganzen Spass provozieren. Es geht aber darüber hinaus. Die Kunstaktion soll optisch wie auch inhaltlich ein Denkanstoss sein.

Inwiefern optisch?
Meier: Der Mond in der wunderschönen Appenzeller Landschaft stösst den Betrachter vor den Kopf. Ich mag Dinge, die beim Betrachter anecken und nicht dem Mainstream entsprechen.

Der Appenzeller Künstler Christian Meier hat auf dem Gipfel der Freiheit einen leuchtenden Halbmond installiert. Die Skulptur erhitzt die Gemüter von Wanderern und Behörden. Bis Mittwoch, 14. September, muss der drei Meter hohe Halbmond wieder verschwinden. (Bilder: Christian Meier)


Und inhaltlich?
Meier: Wenn es optimal läuft, habe ich mit meiner Aktion eine Debatte losgetreten.

Etwa eine Debatte über den Islam? Immerhin ist der Halbmond ein moslemisches Symbol.
Meier: Nein, nicht über den Islam speziell - über Religionen im Allgemeinen. Ich bin Atheist. Ich habe mich an den unzähligen Gipfelkreuzen im Alpstein gestört und wollte mit dem Halbmond ein Gegengewicht schaffen. Gleichzeitig sieht der drei Meter grosse Halbmond einfach fantastisch aus.

Was stört Sie an den Gipfelkreuzen?
Meier: Sie sind schlicht absurd. Religion sollte Privatsache sein. Deshalb gehört ein christliches Symbol nicht auf einen Berggipfel. Ich bin ein Gegner unvernünftiger Denksysteme wie Religion, Homöopathie oder Astrologie.

Es war also eine Art Trotzreaktion gegen Religionen?
Meier: Im ersten Moment war dies sicher der Fall –auch jetzt noch. Die Idee existiert aber schon länger und hat auch einen künstlerischen Aspekt. Das Kunstwerk soll einfach auch schön aussehen.

Wie lange haben Sie das Ganze schon geplant?
Meier: Die Idee geistert schon seit drei Jahren in meinem Kopf herum. Diesen Winter habe ich mich entschlossen, die Aktion durchzuführen. Die Teile für den Halbmond habe ich alle in Shanghai produziert und nach Appenzell verschifft.

Christian Meier, 38-jähriger Künstler. Zoom

Christian Meier, 38-jähriger Künstler. (Christian Meier)

Und es war von Beginn weg klar, dass es ein Halbmond sein würde?
Meier: Ja, das Motiv war von Anfang an gewollt. Dass er schliesslich beleuchtet und drei Meter gross wurde, war nicht geplant.

Wie haben Sie das Ding auf den Gipfel gebracht?
Meier: Ursprünglich war geplant, das Ganze mit Freunden zu Fuss zu transportieren. Dann hätte es aber drei Tage gedauert, und der Überraschungseffekt wäre dahin gewesen. Mit dem Helikopter ging es dann ziemlich schnell. Während des Aufbaus hat sich lediglich ein Bauer gewundert, dass schon wieder eine neue Wetterstation auf einem Gipfel montiert wird.

Und warum war es gerade der Gipfel der Freiheit?
Meier: Der Name spielte bei den Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle. Hauptsächlich war es der Standort. Es sieht einfach fantastisch aus: Ein beleuchteter Halbmond, der so gar nicht in die wunderschöne Landschaft des Appenzellerlands passt. Und gleich daneben steht ein riesiges Kreuz.

Die Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden sagt, der beleuchtete Halbmond sei gefährlich. Man könnte meinen, es befände sich jemand in Not. Deshalb müsse er wieder abmontiert werden.
Meier: Wieso genau eine Gefahr von meinem Mond ausgehen sollte, ist mir nicht ganz klar. Es ist mir aber auch scheissegal. Ich habe sogar mit meinen Freunden gewettet, wie lange er wohl stehen bleibt. Einige meinten er sei noch in einem halben Jahr da oben.

Gab es bereits Reaktionen auf Ihre Kunstaktion?
Meier: Von Bekannten habe ich positive Antworten bekommen. Online sieht dies ein wenig anders aus. Es gab einige, die sich am Halbmond extrem gestört haben. Diese Leute sind mir aber nicht persönlich bekannt.

Sind noch ähnliche Aktionen geplant? Dürfen wir morgen einen Davidstern auf dem Hohen Kasten bewundern?
Meier: (lacht) Nein, es war eine einmalige Aktion.

Videoblogger "leicht aufgewärmt" hat sich den Halbmond auf dem Alpstein aus nächster Nähe angesehen und spricht in seinem Beitrag "Fliegenmond" darüber. ()

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