"Dilettantisches Vorgehen"

APPENZELLERLAND ⋅ Peter Böhi ist seit zehn Jahren Belegarzt am Spital Heiden. In einer umfangreichen Stellungnahme bezeichnet er die Schliessung der Chirurgie als gravierenden Fehlentscheid.

20. Oktober 2016, 14:14
Monika Egli
HEIDEN. "Mehr Bürokratie und zentrale Lenkung durch eine gemeinsame überdimensionierte Geschäftsleitung mit einem orientierungslosen Verwaltungsrat haben weder Kosten senken noch echte Synergien schaffen können. Stattdessen wurden Ressourcen verschwendet, Chefärzte verheizt, Mitarbeiter durch administrative Zusatzaufgaben von ihren Kernaufgaben abgehalten und – mit der nun vorgelegten Strategie – die Existenz des Spitals Heiden gefährdet." Peter Böhi ist Facharzt FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe, seit zehn Jahren Belegarzt am Spital Heiden und ehemaliger Chefarzt am Kantonalen Spital Altstätten. In einer umfangreichen Stellungnahme äussert er sich zur Situation im Spitalverbund AR, im Besonderen im Spital Heiden.

Die vorgelegte Strategie – die Chirurgie im Spital zu schliessen und an die Hirslanden Klinik am Rosenberg auszulagern – bezeichnet er als realitätsfremd und einen gravierenden Fehlentscheid. Ein Akutspital brauche auch eine Chirurgie, denn ein Spital sei ein Räderwerk und lebe von einer guten interdisziplinären Zusammenarbeit. "Leider hat es der Verwaltungsrat vorgezogen, diese Strategie ohne  Rücksprache mit den betroffenen Chefärzten und ohne Vernehmlassungsverfahren zu beschliessen und stattdessen direkt der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Der durch dieses dilettantische Vorgehen angerichtete Reputationsschaden wird nur schwer zu reparieren sein." Er stelle fest, schreibt Peter Böhi, dass sehr viel Zeit der Mitarbeitenden mit Sitzungen, Projektgruppen und dergleichen verschwendet werde, während sich die Geschäftsleitung in den letzten Jahren mehrheitlich mit Reorganisationen und ähnlichen selbstbezogenen Übungen profilieren habe.  

"Die Strategie ist als Ganzes zurückzuweisen"
Das Defizit 2015 in der Höhe von fast 10 Millionen Franken hat laut Böhi sehr überrascht. Hauptfaktoren seien der um 3,3 Millionen Franken gekürzte Kantonsbeitrag, "der zuvor an das Psychiatrische Zentrum ging", und ein um 5,4 Millionen Franken höherer Personalaufwand bei gleich bleibenden Erträgen. Es handle sich offensichtlich um eine Mischung aus politischen Komponenten mit zu strengen Sparauflagen und zu geringer Finanzierung sowie um strukturelle Probleme beim Personalbestand, auch infolge des neuen Arbeitsgesetzes. Beide Probleme sind nach Ansicht von Böhi lösbar. Er weist darauf hin, dass Ausserrhoden bei den kantonalen Zuschüssen pro stationärem Fall das Schlusslicht bilde. Laut "NZZ am Sonntag" vom 11. September beträgt der schweizerische Durchschnitt an kantonalen Zuschüssen pro stationärem Fall 2983 Franken; Ausserrhoden zahlt lediglich 273 Franken. Spitzenreiter Genf schiesst pro stationärem Fall 14'896 Franken zu.

Die vorgelegte Strategie, schreibt Peter Böhi weiter, sei als Ganzes zurückzuweisen. Leider habe die vorzeitige Bekanntmachung einen unnötigen Zeitdruck geschaffen. Es sei schwierig, allen Beteiligten jetzt noch zu ermöglichen, das Gesicht zu wahren. Die Regierung berufe sich auf ordentlich abgelaufene Entscheidungsprozesse, sollte nun aber die Zeichen der Zeit erkennen und eine aktivere Rolle einnehmen. "Ich plädiere dafür, den Spitalverbund wieder aufzulösen und die Spitäler in ihre Selbständigkeit zu entlassen." Das hat laut Peter Böhi mehr mit Wettbewerb zu tun als "diese pseudomarktwirtschaftliche Lösung, wie wir sie haben". Die schwer nachvollziehbare Strategie bedrohe die Spitallandschaft und gefährde gut funktionierende, über Jahrzehnte aufgebaute Strukturen mit zahlreichen Mitarbeitenden. "Ich hoffe auf Unterstützung aus politischen Kreisen und aus der Bevölkerung.

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