"Leidenschaft ist das Wichtigste"

HERISAU ⋅ Bianca Cherubini, Inhaberin des Stoffstübli in Herisau, hat kürzlich zwei grosse Lieferungen Stoff an wohltätige Organisationen verschenkt – ihre ersten Stoffspenden im grossen Stil. "Wenn mir ein Projekt gefällt, werde ich wieder Stoff verschenken", sagt sie.

22. September 2016, 14:13
Maria Kobler-Wyer
Im Stoffladen von Bianca Cherubini reihen sich Stoffballen an Stoffballen, an der Wand hängen Schnittmuster, dazu gibt es Kordeln und Bänder, Knöpfe und Reissverschlüsse, zuhinterst im Laden steht für die Kleinsten eine liebevoll eingerichtete Spielecke bereit. «Wir sind erst im März in die grössere Liegenschaft gezügelt, doch eigentlich bräuchten wir noch mehr Platz», sagt Bianca Cherubini. Während es früher zwei Kollektionen pro Jahr gab – eine für Frühling/Sommer und eine für Herbst/Winter – treffen heutzutage wöchentlich neue Stoffe ein. Um Platz zu schaffen, setzte sie die Preise für Sommerstoffe herab. Als trotzdem noch viel Ware übrig blieb, fragte sie sich: «Wohin damit?»  

«Erste Spende im grossen Stil»
Doch dann hatte Bianca Cherubini eine Idee: Sie wollte die Stoffe verschenken. So überreichte sie Berge an Kinderstoffen dem Verein Sternentaler, die Erwachsenenstoffe spendete sie der Social Fabric, einem Textilzentrum in Zürich. Zu Sternentaler, einem Verein, der sich für Familien mit kranken, behinderten oder verstorbenen Kindern engagiert, hat die gebürtige St.Gallerin bereits länger Kontakt. Ein Team von Näherinnen stellt etwa Gewichtsdecken, Bodies mit einer Sondenöffnung oder Hosen mit genug Raum für Beinschienen her. «Solche Sachen können nirgends gekauft werden», sagt Bianca Cherubini. Die Nähfrauen erhalten im Stoffstübli Rabatt, Cherubini bestellt manchmal auch extra Stoff für die Gruppe. Und sie hat ihnen auch schon gratis Stoff abgegeben. «Zum ersten Mal handelte es sich nun aber um eine Spende im grossen Stil».

Die Social Fabric setzt sich für die Förderung von Flüchtlingen in der Schweiz ein. Derzeit wird mit der Kampagne «We aspire» noch bis am 30. September Geld gesammelt für Cisse, einen Schneider von der Elfenbeinküste. Ihm soll ein Praktikum ermöglicht werden. Bianca Cherubini hat den Mann bei der Stoffübergabe kennengelernt und bereits mehrere Kleidungsstücke von ihm gesehen. «Was der Mann alles nähen kann – und das ohne Schnittmuster», schwärmt die Ladeninhaberin. Auf das Textilzentrum ist sie über Facebook aufmerksam geworden.

Freude bereiten
Bianca Cherubini kann sich gut vorstellen, bei Gelegenheit wieder Stoffe zu spenden. «Es muss einfach ein Projekt in der Schweiz sein, das mir gefällt», sagt die St.Gallerin auf die Frage, welche Organisation in Frage käme. Es müsse sinnvoll sein und mehreren Personen etwas bringen.

Für Cherubini waren die Schenkungen ein Minusgeschäft. Aber das seien die Ausverkäufe ebenfalls, sagt sie. «Daran habe ich auch nicht gedacht», sagt sie. «Ich bin froh, dass ich jemandem eine Freude bereiten konnte.» Ausserdem ist die Mutter einer fünfjährigen Tochter der Meinung, dass man nicht immer nur ans Geld denken könne. «Leidenschaft ist das Wichtigste, wenn man einen Laden führt», sagt sie.


Mit diesem Bus soll bald Stoff an Kundinnen geliefert werden. Zoom

Mit diesem Bus soll bald Stoff an Kundinnen geliefert werden. (Bianca Cherubini)

Mit dieser Leidenschaft führt Bianca Cherubini seit zwei Jahren ihren Stoffladen – seit Februar gehört auch ihr Mann zum Team. «Alleine habe ich es nicht mehr geschafft», sagt sie. Und demnächst will die Herisauerin ihre Dienstleistungen weiter ausbauen: «Da die Post am Samstag keine Päckli liefert, wollen wir am Freitag und Samstag im Umkreis von 50 Kilometern selber die Stoffe ausliefern.»
 
Mit dem Stoffverkauf fing die gelernte Textillaborantin an, weil sie nirgends schönen Stoff fand, um Kleider für ihre kleine Tochter zu nähen. «Heute nähe ich praktisch alle Kleider für meine Tochter selber, sogar die Unterwäsche», sagt die 36-Jährige und auch ihr hellblauer Kapuzenpulli, den sie beim Gespräch trägt, ist selbstgenäht. Trotzdem behauptet sie, dass sie zwei linke Hände habe. «Backen kann ich gar nicht, Nähen hingegen ist einfach», sagt sie. «Falls ich mich doch vernähe, kann ich die Naht wieder auftrennen.»
 

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