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Tagblatt Online
23. September 2016, 05:58 Uhr

«Das ist nicht unser Rico»

Vor zwei Monaten wurde Rico Engelbrecht tot in seiner Zelle gefunden. Noch steht die Ursache nicht fest. Seine Stiefmutter und Freunde glauben nicht an Selbstmord, ein früherer Insasse kritisiert die Betreuung in der Strafanstalt.

Chris Gilb

Am 1. August findet ein Wärter die Leiche von Rico Ryan Engelbrecht in dessen Zelle in Gmünden. Drei Tage später überbringen Polizisten seiner Stiefmutter in Luzern die Todesnachricht. Sie ist schockiert und geht davon aus, dass Rico Selbstmord begangen hat. In seinem letzten Brief aus der Strafanstalt in Niederteufen hat ihr der 25-Jährige geschrieben, dass er einen Ausschaffungsentscheid erhalten habe. Die Stiefmutter sagt, Rico habe verzweifelt gewirkt und befürchtet, dass er nach Südafrika zurück müsse. Bei der Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden ist allerdings nichts über einen solchen Bescheid bekannt.

Kurz darauf meldet sich Ricos Vormund in Luzern, es geht um die Bestattung. Die Stiefmutter erklärt sich nicht zuständig; darüber müsse seine leibliche Mutter in Südafrika entscheiden. Die Mutter hätte Rico gerne noch einmal gesehen, doch sie hat weder Geld für den Flug noch gültige Papiere. Es wird entschieden, Ricos Leiche einzuäschern.

Ein neues Passfoto zeigt ihn mit müden, glasigen Augen

In Gefangenschaft musste Rico ein neues Passfoto machen. Der Vormund hat es der Stiefmutter zugeschickt. Das Foto zeigt einen jungen, dunkelhäutigen Mann mit dichtem Bart und müden, glasigen Augen. Der Stiefmutter kommen Zweifel: «So habe ich Rico noch nie gesehen, für mich sieht er aus, als hätte er etwas zu sich genommen, etwas, das ihn vielleicht getötet hat.» Eine Person mit Insiderwissen behauptet, dass es kein Selbstmord war. Rico habe Bauchschmerzen gehabt. Weil er nicht in den Notfall durfte, habe er protestiert. Deswegen sei er in die Arrestzelle gesteckt worden, wo er gestorben sei. Die Staatsanwaltschaft bestreitet die Vorwürfe.

Für Esnaf Buljubasic tönen sie plausibel. Der Kriegsflüchtling aus Ex-Jugoslawien sass von Oktober 2015 bis Juni 2016 in Gmünden. «Ich war monatelang in einem Kriegsgefangenenlager in Bosnien. Doch auch was ich in Gmünden erlebt habe, ist kaum in Worte zu fassen.» Kurz vor seiner Haft erlitt er einen Nabelbruch. Demnächst steht eine weitere Operation an. «Einen Monat vor meiner Haftentlassung zog ich mir einen erneuten Nabelbruch zu. Obwohl ich die Verantwortlichen informierte, dass ich nur leichte Arbeiten verrichten kann, wurde dies nicht ernst genommen. Es ist alles ein grosser Filz, wer sich beschwert, kommt dran.»

Schwere Vorwürfe macht Buljubasic dem Arzt der Strafanstalt, Hans-Anton Vogel. Mehrfach habe er sich über Kopf- und Nasenschmerzen beklagt und verlangt, dass er in der Röhre untersucht werde. «Diese Themen sind bekannt, sämtliche Behandlungen hat Herr B. in der Vergangenheit erhalten», heisst es in einem Schreiben Vogels über den Häftling. «Es gibt aber keine Indikation für eine solche unnötige unwirtschaftliche Massnahme. Dies wurde Herr B. in aller Deutlichkeit aufgezeigt.» Vogels Kommentar zum «uneinsichtigen» Patienten: «Kein Wunschkonzert!!!» Buljubasic hingegen erklärt: «Weil ich im Januar wegen anhaltender Kopfschmerzen bat, untersucht zu werden, wurde ich in die Arrestzelle gesteckt.» Tatsächlich soll der Bosnier bald an der Nase operiert werden, laut seines Hausarztes leidet er unter einer chronischen Nebenhöhlenentzündung. «Vielleicht wurde der tote Südafrikaner genauso schlecht behandelt wie ich», spekuliert der ehemalige Insasse. Berechtigte Vorwürfe? Georg Amstutz, Mediensprecher des Kantons Appenzell Ausserrhoden, verweist auf das Arzt- und Amtsgeheimnis; Anstaltsarzt und Anstaltsleitung könnten deshalb keine Stellung beziehen. Amstutz sagt nur so viel: «Herr Buljubasic sass aus anderen Gründen wie den geschilderten in der Arrestzelle.»

Auch Ricos Freunde in St.Gallen glauben nicht an Selbstmord. «Das ist nicht unser Rico», sagt der 25jährige Mafuila Mungodi zu dem Passfoto. Er und andere junge Männer organisierten auf dem Friedhof Feldli eine Abdankungsfeier. Die meisten lernten Rico in einer Betreuungsinstitution kennen. Mungodi kennt ihn aus dem Kinderdorf Pestalozzi. Rico war mit seinem Vater in die Schweiz gekommen; der Vater heiratete eine Schweizerin, irgendwann begann er Drogen zu nehmen, die beiden trennten sich. Rico lebte weiterhin bei der Stiefmutter, mit 14 wollte er aber lieber ins Kinderdorf. Sein damaliger Vormund empfahl, dass der Jugendliche die letzten Ferien beim Vater verbringen solle. «Hätte ich gewusst, was Rico dort erleben sollte, hätte ich dies nie zugelassen. Er hat es mir erst viel später anvertraut», erinnert sich die Stiefmutter. In jenen Wochen war der Vater mal mit blutigem Shirt nach Hause gekommen, mal mit einer Prostituierten, mal im Vollrausch. Mittlerweile ist der Vater ausgeschafft worden.

Er wollte seiner Mutter in Südafrika finanziell helfen

Jahre später vertraut Rico seiner Stiefmutter an, wieso er von ihr weg wollte. Er habe es nicht ausgehalten, dass er von ihr mehr Liebe bekommen habe als vom Vater, erzählt die Stiefmutter. 16-jährig wechselt Rico von Trogen nach Birr im Aargau: Im dortigen Pestalozzi-Standort absolviert er eine Attestlehre als Ziergärtner, die er abschliesst. Danach lebt er meistens in Zürich. Sven Kränzlin, ein Freund aus jenen Jahren, erinnert sich: «Ricos Ziel war es immer, selbständig zu sein und seine Mutter in Südafrika finanziell zu unterstützen.» Doch Rico fasste nie richtig Fuss. «Er hatte ein schweres Leben. Es gab viele Leute, die ihm gern geholfen hätten, doch er blockte immer wieder ab», sagt seine Stiefmutter. Rico zieht zurück nach St.Gallen, zu den Kollegen aus der Kinderdorfzeit. Er ist in psychologischer Behandlung, nimmt Medikamente. «Jene Wochen bei seinem Vater haben Spuren hinterlassen», sagt die Stiefmutter. Rico sei ein fröhlicher Typ gewesen, er habe gut rappen können, erzählt Mungodi. Er zeigt Fotos junger Leute, die ausgelassen feiern. Einer schneidet besonders grosse Grimassen – Rico. Doch dieser Rico raubt im Oktober 2015 einen Kiosk in St.Gallen aus. Noch am gleichen Tag wird er von der Polizei gestellt, im April 2016 wird er zu 16 Monaten Haft verurteilt. Es sei ungeplant passiert, sagen seine Freunde. «Er war der, der uns zurückgehalten hat, wenn wir uns prügeln wollten.» Sie glauben, seine Geldnot habe eine Rolle gespielt; speziell habe ihn frustriert, dass er seine Mutter nicht unterstützen konnte.

Laut der Freunde erwähnte Ricos Vormund, dass sein Schützling nach Absitzen der Haftstrafe Aussicht auf IV-Unterstützung habe. «Damit hätte die Geldnot aufgehört», sagen sie. Auch deshalb könne sein Tod kein Selbstmord gewesen sein. Die Freunde behaupten, in den letzten Monaten mehrfach versucht zu haben, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Als Nichtangehörige sei ihnen das aber verweigert worden. «Das einzige, was wir von ihm noch zu Gesicht bekamen, war die Urne.» An der Abdankung nahm auch Heinz Wohnlich teil. Er arbeitete fürs Kinderdorf, als Rico dort lebte. Der Grund seiner Teilnahme: «Ich bedauerte zutiefst, dass ein Mensch, der mit ganzer Kraft versucht hat, seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, so früh aus dem Leben scheiden musste.»

Wie starb Rico wirklich? Es bleibt vorläufig offen. Ein Zwischenergebnis aus dem Institut für Rechtsmedizin in St.Gallen liegt vor. Doch dieses habe weitere rechtsmedizinische Abklärungen nötig gemacht, sagt der zuständige Staatsanwalt Fritz Wüst. Ricos Freunden und seiner Stiefmutter, die einen Selbstmord bezweifeln, bleibt weiterhin nichts als die quälende Unsicherheit.



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