Von Zeit und Glück

Er hat über zehn verschiedene Berufsbezeichnungen – unter anderem ist der in Speicher wohnhafte Lebenskünstler Mark Riklin auch als Geschichtenkurier im SBW Haus des Lernens unterwegs – eine Begegnung.
07. Juli 2010, 01:02
Martina Brassel

Speicher/ St. gallen. Er sitzt mit seinem Logbuch im Innenhof des Lagerhauses an einem kleinen Bistrotisch. Es ist ein warmer Sommernachmittag. Die Kaffeetasse ist halbvoll, Mark Riklin in Gedanken versunken. «Ich habe ständig neue Ideen im Kopf. Sie fliegen mir förmlich zu. Alle zu verwirklichen, wäre niemals möglich. Aber ich habe gelernt, eine Idee reifen zu lassen und zu warten, bis der richtige Zeitpunkt kommt, um sie umzusetzen», sagt der 44jährige Ideenproduzent.

Über zehn Berufe

Es ist eine Begegnung der besonderen Art mit einem interessanten Menschen. Einem Menschen, der über zehn verschiedene, meist selbsterfundene Berufe ausübt. So ist er als Geschichtenkurier für das SBW Haus desLernens in Herisau tätig, als Depeschenkurier unterwegs, selbst- ernannter Hofnarr und Öffentlichkeitshersteller, Stadtszenograph und Locationscout, geistiger Vater der Rorschacher Stadtfiguren wie dem Schatzsucher oder dem Glöckner, Leiter der «Meldestelle für Glücksmomente» und der Schweizer Landesvertretung des «Vereins zur Verzögerung der Zeit».

In die Wiege gelegt

Dass in Mark Riklins Leben Kunst und Kultur eine grosse Rolle spielen, kommt nicht von ungefähr. Er ist der Sohn von Politikwissenschafter Alois Riklin und der Lyrikerin Ursula Riklin-Lorenz. «Ich bin in einer Bibliothek aufgewachsen. In unserem Haus gab es kaum eine Wand, die nicht von oben bis unten mit Büchern gefüllt war», sagt er. Die Eltern, für die nebst Literatur auch Musik sehr zentral gewesen sei, hätten ihn und seine fünf Geschwister geprägt. So verwundert es denn auch nicht, dass alle fünf Berufe mit künstlerischem Hintergrund ausüben. Die bekanntesten der Familie sind wohl die Riklin-Brüder Frank und Patrik, die in der Vergangenheit mit dem Projekt Null-Stern-Hotel in Teufen Aufsehen erregt hatten. Im Gegensatz zu seinen beiden berühmten Brüdern sucht Mark Riklin die Öffentlichkeit weniger. Er sei kein extrovertierter Typ, sagt er über sich selbst. Davon zeugen auch die von ihm erfundenen Figuren wie der Schatzsucher oder der Glöckner in Rorschach. «Ich sehe mich als Bühnenbauer und Erfinder von Figuren, für die ich eine Plattform biete, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen», so Mark Riklin.

Alltag als Abenteuer

Der 44-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im ehemaligen Waisenhaus in Speicher – mit Aussicht auf Säntis und Bodensee, angrenzendem Landwirtschaftsbetrieb, einem Treppenhaus voller Kinderstimmen und einer funktionierenden Nachbarschaft – an einem, wie er sagt, «rundum inspirierenden Kraftort». Er sei viel unterwegs, jeder Tag ein kleines Abenteuer. Den Grundstein für diese «Abenteuer» legte er mit 20 Jahren. «Damals habe ich mich entschieden, meinen Phantasien freien Lauf zu lassen und diese möglichst eins zu eins in die Realität zu übersetzen.»

Nächstes Projekt am Start

Vergangene Woche fand die Vernissage zu Mark Riklins und Selina Ingolds Buch «Stadt als Bühne – Szenische Eingriffe in einen Stadtkörper» statt. Mark Riklin wäre aber nicht Mark Riklin, hätte er nicht bereits neue Ideen im Kopf, die danach schreien, umgesetzt zu werden: «Mir schwebt ein Gegenmodell zum Schatzsucher vor. Der Schatzsucher hat in Rorschach nach verborgenen Schätzen gesucht und diese gefunden.» Jetzt sei es an der Zeit, eine Gegenfigur wie beispielsweise einen Hofnarren oder eine Art «Anwalt des Teufels» ins Leben zu rufen, um die Dinge ans Licht zu bringen, die andere nicht ansprechen wollen – auch solche, die sonst unter den Tisch gekehrt werden. Und falls sich diese Idee nicht verwirklichen lassen sollte, fällt Lebenskünstler Mark Riklin bestimmt etwas anderes ein. «Ein Kindheitstraum von mir ist es, den Depeschenkurier aufs Pferd zu setzen.» Kaum ist diese Idee ansatzweise zu Ende gedacht, sitzt Mark Riklin bereits wieder gedankenversunken vor seinem Notizbuch und hält neue Ideen fest.


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