Familie Gantenbein beherbergt für dreieinhalb Wochen ein Kovive-Ferienkind

Saumferien für ein Stadtkind

herisau. Seit über 50 Jahren bietet Kovive Kindern aus bescheidenen Verhältnissen die Möglichkeit, Ferien in der Schweiz zu machen. In Herisau ist zurzeit eine junge Pariserin zu Gast.

30. Juli 2008, 01:16
patrik kobler

Laetitias Heimat ist der Grossstadtdschungel. Die 6jährige wohnt in Paris, mitten in der Betonwüste. Sie stammt aus bescheidenen Verhältnissen: Ihre Mutter ist alleinerziehend, der Vater unbekannt, die Geschwister leben in Afrika. Derzeit weilt sie bei Gantenbeins im Saum in den Ferien. Dreieinhalb Wochen ist sie zu Gast bei der fünfköpfigen Familie, die ihr im Rahmen eines Kovive-Projekts einige erholsame Tage in der Schweiz ermöglicht.

Die Gantenbeins haben bereits zum zweiten Mal ein Kovive-Ferienkind bei sich zu Gast. Ganz bewusst haben sie sich für ein Kind entschieden, das dunkelhäutig ist und französisch spricht. Für ihre Kinder sei das eine Bereicherung, jemanden kennenzulernen, der eine andere Hautfarbe habe und eine andere Sprache spreche, erklärt Doris Gantenbein. Ihre drei Kinder, die zwischen drei und siebeneinhalb Jahre alt sind, hat sie zusammen mit ihrem Mann Bruno auf den Feriengast vorbereitet. Vom Hilfswerk haben sie ein Foto von Laetitia und einige wenige persönliche Angaben erhalten.

Sie ist gerne die Prinzessin

Inzwischen ist Laetitia bereits seit einigen Tagen in der Schweiz. Die Kinder kämen gut miteinander zurecht, sagt Doris Gantenbein. Die unterschiedlichen Sprachen seien kein Problem. Beim Versteckspiel wird jetzt halt auf Französisch gezählt. Am liebsten jedoch verkleidet sich Laetitia als Prinzessin. Für ihren Feriengast haben die Gantenbeins kein spezielles Ferienprogramm zusammengestellt. Sie unternehmen die Aktivitäten, die sie sonst auch machen. «Sie soll hier zur Ruhe kommen und braucht keine besondere Action», sagt Bruno Gantenbein. Die Kinder sind auch so den ganzen Tag beschäftigt; selbst fürs Fernsehschauen bleibt keine Zeit. Einmal in der Woche geht die Familie in den Wald. Das war für die junge Pariserin eine völlig neue Erfahrung. «Am Anfang fiel sie immer hin, weil sie sich nicht gewohnt war, im Gelände zu laufen und es hatte ihr zu viele Krabbeltiere», so Bruno Gantenbein.

Ungewohnt scheint für Laetitia überdies die Nahrungszubereitung sein. «Sie beobachtet mich mit Staunen, weil ich so lange am Kochen bin», sagt Doris Gantenbein. Das hiesige Essen stösst beim Feriengast jedoch nicht auf grosse Gegenliebe; selbst in der Pizzeria hielt sie sich zurück. Ihre Lieblingsspeise ist Brot. Das sei schon beim ersten Ferienkind so gewesen, erklärt Doris Gantenbein, die ausgebildete Lehrerin ist. Eine pädagogische Ausbildung ist allerdings nicht Voraussetzung damit man ein Kind bei sich zu Hause aufnehmen kann. Allerdings werden die Interessenten von Kovive auf ihre Eignung geprüft. Mitarbeitende des Hilfswerks stehen auch rund um die Uhr beratend zur Verfügung, falls ein Problem mit dem Ferienkind auftauchen sollte. Die Gantenbeins konnten bislang alle Probleme ohne fremde Hilfe lösen. Aber auch sie verhehlen nicht, dass Schwierigkeiten auftauchen können. So ist beispielsweise Heimweh ein Thema oder auch, dass Laetitia ziemlich eigensinnig sein kann, wenn etwas nicht so läuft wie sie will. Obschon sie das Kind alles andere als erziehen wollen, ist dann und wann etwas Strenge vonnöten, damit für alle Beteiligten eine entspannte Atmosphäre gewährleistet ist. «Es ist eine Herausforderung und eine intensive Zeit», sagt Doris Gantenbein. Insgesamt würden die positiven Eindrücke aber bei weitem überwiegen. Es sei eine wertvolle Erfahrung. Den Kontakt mit dem ersten Kind, das sie bei sich zu Gast hatten, haben sie aufrecht erhalten. Üblicherweise hat eine Familie immer das gleiche Kind bei sich zu Gast. Bei Gantenbeins war dies nicht der Fall, weil das Mädchen heuer nach Afrika in die Heimat reisen konnte.

Viele sind von Armut betroffen

Wen Gantenbeins nächstes Jahr zu Besuch haben, wissen sie derzeit noch nicht. Ausser Frage steht, dass sie weiterhin Kovive-Ferienkinder aufnehmen wollen. Bereits bekunden auch Bekannte Interesse, ein Kind aufzunehmen. Die Sprache stellt dabei keinen Hinderungsgrund dar. Jede Familie kann selber auswählen, von wo sie einen Gast will. Es gibt auch deutschsprechende Kinder aus der Schweiz oder Deutschland. Laut Angaben von Kovive sind allein in der Schweiz 250 000 Kinder von Armut betroffen.


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