Plakate, die die Welt nie sah

Als Zahnarzt hat er jahrzehntelang Zähne geflickt. In seiner Freizeit dagegen war und ist Hans Krensler oft gestalterisch tätig. Die Plakate des in Schwellbrunn lebenden Exilschweden sind zurzeit im Kulturbüro St. Gallen zu sehen.
29. Dezember 2014, 10:45
KARIN ERNI

SCHWELLBRUNN/ST. GALLEN. «Aus der Region. Für die Region.» wirbt eines der Plakate der Ausstellung im Kulturbüro St. Gallen. Angepriesen werden in der Affiche im Retro-Look nicht etwa Karotten oder Pouletschenkel, sondern lasziv verschlungene Frauenbeine. Inspiriert zu der Idee hat Hans Krensler das unmittelbar neben dem Kulturbüro gelegene Freudenhaus «Extravagant». Die dort arbeitenden Frauen stammten wohl eher nicht aus der Region, vermutet Krensler. «Ich habe den Migros-Slogan bewusst in einen anderen Kontext gebracht. Das soll die Leute zum Nachdenken anregen.»

Unerwartete Kombinationen

Hans Krenslers kleine Ausstellung trägt den Titel «Plakate, die die Welt nie sah». Dafür hat er aktuelle Themen auf seine ganz besondere Weise weitergesponnen. So thematisiert der Künstler beispielsweise die von der Stadt St. Gallen zensierten Plakate der Tina-Modotti-Ausstellung und stellt eine imaginäre Verbindung mit Lenins verlorenen Tagebüchern her. Ein weiteres Plakat der kleinen Ausstellung wirbt für «Ü70-Parties» in der Grabenhalle. Der Tanzabend mit DJ Baba (orientalisch Grossvater) wird als rollatorenfreundlich angepriesen. «Ich darf das, ich bin schliesslich selbst auch schon 70 Jahre alt», so Krensler. Auch brisante politische Themen wie die Situation in Syrien und Irak finden in den Plakaten ihren Niederschlag.

Ursprung im Musikplakat

Hans Krensler ist erblich vorbelastet. Bereits seine Mutter war als Malerin tätig. «Sie hat bis zu ihrem Tod jeden Tag ein Bild gemalt», erzählt Krensler. Auch er selbst griff immer wieder zum Pinsel und versuchte sich in verschiedenen Stilen. Zum Plakatgestalten ist er übrigens durch seine Tätigkeit als DJ gekommen. Ende der 1950er-Jahre begann der damals noch in Schweden Wohnhafte mit dem Plattenauflegen. Zuerst übte er nur im engeren Freundeskreis. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er im Jahr 1964. Dazu schuf er erstmals ein Plakat. Inspiriert wurde Krensler dabei von der jugendstilhaften Formensprache und der psychedelischen Farbigkeit der Plakate aus der Woodstock-Zeit. Die Liebe zur Musik ist ihm erhalten geblieben. Auch heute noch legt Krensler mehrmals pro Jahr in verschiedenen Lokalen in der Gallusstadt auf. Ehrensache, dass die Plakate und Werbeflyer zu den Anlässen von ihm selbst gestaltet sind.

Die Ausstellung im Kulturbüro St. Gallen am Blumenbergplatz ist noch bis Ende Januar von Montag- bis Samstagnachmittag zu sehen. www.krenslerposter.com

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