Patient sexuell belästigt: Psychiater verurteilt

TRAUMATISIERT ⋅ Weil er einen Patienten sexuell belästigt hatte, ist ein ehemaliger Psychiater einer Ausserrhoder Klinik am Donnerstag zu einer Busse von 2000 Franken verurteilt worden. Das traumatisierte Opfer erhält eine Genugtuung.
09. März 2017, 16:30
Das Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden verpflichtete den Arzt, seinem ehemaligen Patienten eine Genugtuung von 1500 Franken zu zahlen. Der ehemalige Patient sei durch die sexuellen Übergriffe traumatisiert worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Öffentlichkeit war vom Prozess ausgeschlossen.

Mehrmals übers Knie gestreichelt
Der schwer drogen− und alkoholabhängige Patient wurde zwischen Oktober 2013 und Febraur 2014 in einer Klinik in Appenzell Ausserrhoden stationär behandelt. Der 43-jähriger Beschuldigte war sein Therapeut. Während der Therapiestunden soll der Arzt dem Patienten mehrmals übers Knie gestreichelt haben. Dies wertete der Einzelrichter nicht als Straftat. Der 45-jährige Patient hatte bei der Befragung vor dem Einzelrichter in Trogen gesagt, er habe die Geste damals nicht als sexuelle Annäherung wahrgenommen.

Freundschaftliches Verhältnis
Nach dem Klinikaufenthalt ging der Patient zur Nachbehandlung zum Beschuldigten nach Rorschach, der dort für eine andere Klinik arbeitete. Zwischen den fast gleichaltrigen Männern entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Der Arzt lud den Patienten zum Essen ein und bot ihm an, mit Geld auszuhelfen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen begann der Beschuldige dem Patienten via Facebook-Chat sexuelle Avancen zu machen, wie Protokolle beweisen. Der Patient ging nicht auf die Annäherungsversuche ein, gab aber auch keine abweisenden Antworten. Die Nachfrage des Einzelrichters, ob der Patient mit dem Arzt geflirtet habe, wies das Opfer zurück.

Von Zungenkuss schockiert
Im Mai oder Juni 2014 kam es laut dem Opfer bei einem Spaziergang am Bodensee zu einem Vorfall, der das Vertrauensverhältnis zwischen den Männern zerstörte. Der Arzt habe ihn plötzlich gepackt und ihm einen Zungenkuss gegeben. «Ich war völlig geschockt und konnte mich nicht wehren», sagte der 45-Jährige, der erneut in psychiatrischer Behandlung ist und mit seiner Psychiaterin vor Gericht erschien. Nach dem Kuss habe er die Therapie und den Kontakt sofort abgebrochen, doch der Arzt habe ihn mit weiteren Nachrichten bedrängt und sogar an seinem Arbeitsplatz besucht.

Der Beschuldigte, der sämtliche Aussagen verweigerte, sei unschuldig, sagte seine Verteidigerin und verlangte einen Freispruch vom Hauptvorwurf: «Einen Zungenkuss hat es nie gegeben.» Das Opfer sei nicht glaubwürdig. Der Mann habe den Arzt, der heute mit seiner Familie in Serbien lebt und arbeitslos ist, erst eineinhalb Jahre nach dem Vorfall angezeigt. Der Patient sei auch nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Therapeuten gestanden, sonst hätte er die Therapie nicht sofort abbrechen können.

Arzt muss Distanz wahren
Das Gericht glaubte dem Opfer und verurteilte den Psychiater wegen mehrfachen Verstosses gegen die kantonale Gesundheitsverordnung. Der Beschuldigte habe aus dem Vertrauensverhältnis eine private Beziehung gemacht. Als er ihm den Zungenkuss gab, hab er nicht die Abhängigkeit seines Opfers ausgenützt, aber er habe seinen Patienten völlig überrumpelt. «Ein Psychiater ist per Gesetz verpflichtet, die Distanz zu einem Patienten unter allen Umständen zu wahren», begründete der Einzelrichter das Urteil.
Weil das Gericht die Taten lediglich als Übertretungen qualifizierte, wäre ein Berufsverbot oder ein Landesverweis gegen den griechischen Staatsangehörigen jedoch unverhältnismässig, sagte der Richter. (sda)

Leserkommentare

Anzeige: