Musikerlebnis in neuer Dimension

APPENZELL. Die Cellistin Natalia Gutman und ihre Trio-Partner, der Geiger Svjatoslav Moros und der Pianist Dmitri Vinnik, entfachten in der Ziegelhütte mit Meisterwerken der russischen Romantik ein musikalisches Feuerwerk.
09. Dezember 2013, 02:34
FERDINAND ORTNER

Die Faszination von Meisterwerken der russischen Romantik und die musikalische Ausstrahlung bedeutender Künstlerpersönlichkeiten, der russischen Weltklasse-Cellistin Natalia Gutman und ihrer Trio-Partner Svjatoslav Moros (Violine) und Dmitri Vinnik (Klavier), prägten am Freitag das letzte Abo-Konzert des Jahres in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Die Grande Dame des Cellos begeisterte sowohl als Solistin wie auch als Prima inter Pares ihres Trios durch brillante authentische Interpretationen hochrangiger Musik der russischen Romantik und des 20. Jahrhunderts. Die Musiker verströmten das slawische Flair elegischer und rhythmisch betonter virtuoser Kammermusik.

Das engagiert musizierende Ensemble bestach durch optimale Homogenität, lebendige Vortragskunst und feinsinnige Klangkultur. Verblüffend die spieltechnische Perfektion, die begeisternde Virtuosität und die absolute rhythmische Sicherheit.

So entwickelte sich eines jener unvergesslichen Konzerte, die durch fesselnde Programme sowie das überragende Können und die subtile künstlerische Ausstrahlung der Interpreten den Zuhörern eine neue Dimension des Musikerlebens eröffnen.

Russische Klänge

Schon beim Konzertauftakt mit dem viersätzigen Klaviertrio Nr. 1 in d-Moll von Anton Arensky (1861–1906), einem Gustostück elegisch-dramatischer russischer Kammermusik, fühlte sich das Künstlertrio in seinem Element.

Im melodiösen Kopfsatz wurden die Kantilenen der Streicher – von schmerzlicher Wehmut erfüllt – durch wogende Klänge und perlende Arpeggien des Klaviers getragen. Der Pianist setzte mit kraftvollen Akkordfolgen auch opernhafte melodramatische Akzente. Während im effektvollen Scherzo der Klangsinn Triumphe feierte, erlebte man das kantable Elegia-Adagio als Totenklage auf den russischen Cellisten Davidoff. Das griffige Thema im Rhythmus eines Trauermarsches hatte einst viel zur Popularität des d-Moll-Trios beigetragen. Das spektakuläre Finale, eine gefühlsbetonte Polonaise concertante, mit Reminiszenzen an die früheren Sätze, gipfelte in leidenschaftlichen Steigerungen. Hervorragend im Ensemblespiel und solistisch der Geiger Svjatoslav Moros, der sehr temperamentvoll und ausdrucksstark agierte.

Solistische Spitzenleistung

Eine absolute Spitzenleistung bot dann Natalia Gutman mit der faszinierenden Interpretation der Sonate d-Moll für Violoncello und Klavier von Dmitri Schostakowitsch (1906–1975), einem farbenreichen frühen Opus ihres Lieblingskomponisten. Mit traumhaft schönem seelenvollem Ton zelebrierte sie gemeinsam mit dem famosen Pianisten die facettenreiche Melodik, die Dialoge und anspruchsvollen Passagen souverän.

Nach dem Kopfsatz mit der einleitenden breit angelegten Cello-Kantilene über impressionistischem Background des Klaviers schuf das wild erregte Allegro-Scherzo einen krassen Kontrast zum archaischen Gesang des Cellos im wehmütigen, resignativen Largo in typischer Schostakowitsch-Manier. Natalia Gutman und Dmitri Vinnik meisterten auch das stürmische, diffizile Finale bravourös.

Hochexpressive Musik in der Art einer «Sinfonischen Dichtung» für drei Instrumente mit wild-romantischer Formgebung erlebten die Zuhörer im einsätzigen «Trio élégiaque» Nr. 1 in g-Moll von Sergei Rachmaninoff (1873–1943).

Im monumentalen Sonatensatz, dem düsteren, elegischen Lento lugubre – più vivo, kamen die verschiedenen, in Tempo und Ausdruck variierenden Episoden – besonders aber auch die orchestrale Klangfülle des Trauermarsches – zu beeindruckender Wirkung. Reizvoll die Verbindung von Opernhaftem und Poetischem.

Epochales Werk

Den Konzertabend krönte die packende Wiedergabe des viersätzigen Trios Nr. 2 in e-Moll von Dimitri Schostakowitsch, der das epochale Werk dem Gedenken an seinen toten Freund und der Not und dem Elend des 2. Weltkriegs widmete.

Das Natalia-Gutman-Trio brachte die Trauer um den Freund und den unsäglichen Schmerz über das Völkermorden erschütternd zum Ausdruck. Dass alles Helle in dieser zeitbezogenen Musik trügerisch ist, zeigte sich im intensiven und bedrohlich wirkenden Scherzo. Es folgte auf die weitgespannte düstere Melodik des ersten Satzes und bereitete die beiden nächsten Sätze vor: eine Passacaglia als Totenklage mit Trauermarsch. Erschütternd dann abschliessend das schrill-schaurige Totentanz-Finale.

Nach Augenblicken der Betroffenheit reagierte das Publikum mit frenetischem Beifall und bekam als Zugabe das Andante aus dem Klaviertrio in Es-Dur von Franz Schubert.


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