Geschichte knitterfrei im Netz

Das Innerrhoder Landesarchiv hat vier historisch bedeutende Quellen für Forschung und Öffentlichkeit digitalisiert. Darunter das «Silberne Landbuch» mit dem Landammanns-Eid und ein «Who's Who» der Appenzeller Geschichte.
19. Januar 2016, 02:35
MARCEL JUD

APPENZELL. Zerknittert, verfärbt und mit kleinen Löchern versehen liegt eines der wichtigsten Symbole der Innerrhoder Politik aufgeschlagen vor Landesarchivar Sandro Frefel: der Landammanns-Eid. Er ist Teil des reich bebilderten «Silbernen Landbuchs», einer Sammlung von Satzungen von 1585, die für Appenzell Innerrhoden bis ins 19. Jahrhundert hinein Gültigkeit besassen. Das aus der Zeit vor der Kantonsteilung datierende Gesetzbuch ist teilweise die Abschrift eines älteren Landbuchs. Es wurde laufend nachgeführt und ergänzt, wie sich an den unterschiedlichen Schriftstilen erkennen lässt. Der jüngste Nachtrag stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

«Who's Who» der Geschichte

«Das Landbuch wurde lange Zeit für die Verlesung der Eidesformeln an die Landsgemeinde mitgetragen», erklärt Sandro Frefel. Erst 1962 sei es durch eine Attrappe ersetzt worden. Da über Jahrhunderte Wind, Wetter und Händen ausgesetzt, sind die Pergamentseiten teilweise stark beschädigt. Dies ist mit ein Grund für die Digitalisierung dieser für Innerrhoden wichtigen Quelle. «Durch die Beleuchtung konnten die Knitter im Papier in digitaler Form etwas behoben werden», sagt Frefel. Beim Lesen der Quelle helfe zudem, dass man nahe ran zoomen und so auch Details wie kleine Randnotizen besser erkennen könne.

Das Landbuch wurde von Sandro Frefel zusammen mit drei weiteren Handschriften für die virtuelle Manuskriptensammlung e-codices digitalisiert. Darunter ist auch die älteste erhaltene Handschrift aus Appenzell: ein 1160 fertiggestelltes Missale der Pfarrei St. Mauritius. Das Messbuch enthält eine Abschrift der Stiftungsurkunde der Pfarrei Appenzell von 1071. Ein Jahrzeitbuch von 1566 wiederum vereint ein wahres «Who's Who» der Appenzeller Geschichte. Das Original war während des Dorfbrandes 1560 vernichtet worden. Aus der Erinnerung führte man die Namen von Kirchenstiftern nach, an die in Gedenkgottesdiensten gedacht wurde. Daneben finden sich auch Aufzeichnungen bestimmter Ereignisse, wie der Schlacht von Marignano.

Kleine Archive profitieren

Dank der Digitalisierung sind diese Handschriften und ihre Bebilderungen im Gegensatz zu editierten Quellenausgaben als Ganzes frei einsehbar – und dies ganz knitterfrei. Davon profitieren vor allem Forschende. «Der Zugriff auf Quellen wird erleichtert», sagt Sandro Frefel. E-codices ermögliche es, Quellen miteinander zu verknüpfen und etwa nach Handschriften einzelner Autoren zu suchen, die auf verschiedene Archivsammlungen verteilt seien. Dank der Onlineplattform könnten Quellenbeschreibungen zudem laufend dem aktuellen Forschungsstand angepasst werden. E-codices versammelt zurzeit Quellen aus 63 Archiven. «Vor allem als kleines Archiv profitieren wir davon, dass wir unsere Quellen zum einen sichern und zum anderen einem breiteren Publikum zugänglich machen können», sagt Frefel. Dadurch könne das Augenmerk der Forschung auch auf weniger bekannte oder vergessene Quellen gelenkt werden. Ein Beispiel dafür ist die vierte digitalisierte Quelle des Landesarchivs: Die Predigtsammlung des Hundwiler Pfarrers Michael Kuhn von 1466. Sie wurde bis anhin nicht im Detail erforscht.

Sinnliches Erleben fehlt

Im Projekt e-codices sieht Sandro Frefel aber auch die Chance, eine breite Öffentlichkeit für die Aufgaben von Archiven – den Erhalt und das Sichern von Quellen – zu sensibilisieren. «Dank e-codices kann jeder ein Stück weit in die Vergangenheit eintauchen», sagt Frefel. Es fehle zwar das sinnliche Erlebnis, ein jahrhundertealtes Manuskript in Händen zu halten. Dafür läuft der Landammanns-Eid keine Gefahr, noch mehr zu zerknittern.


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