«Auf den Erfolg ist Verlass»

Emil Inauen ist nicht nach Norwegen ausgewandert – er lebt nur dort. Der Hundeschlitten-Profi gewann in diesem Jahr eines der wichtigsten Rennen weltweit und bestätigt damit seine Theorie.
08. Juni 2010, 01:01
johannes wey

norwegen / appenzell. Er sieht sich selbst nicht als Auswanderer, «das tönt so definitiv», stellt Emil Inauen klar. «Ich bin immer noch Appenzeller – und mein Zuhause ist sowieso dort, wo meine Frau und meine Kinder sind.» Doch im Moment sei Norwegen der beste Ort, um als Profi kompromisslos seinen Sport zu betreiben. Sein Sport ist das Hundeschlittenfahren, «Mushing» genannt.

Und darauf, dass er ihn kompromisslos betreibt, legt er besonderen Wert: «Nur wer alles hinter sein Ziel stellt, hat Erfolg. Und nur wer Erfolg hat, hält sich auf Dauer im Profigeschäft.»

«Ein Schritt zur Familie»

Vor dem Umzug sei es deshalb schon vorgekommen, dass er für viele Wochen seine Familie nicht gesehen hat, weil er zum Training verreist war. «Für mich war das deshalb nicht ein Schritt von Zuhause weg, sondern ein Schritt hin zu meiner Familie», sagt der 38-Jährige. Ein völliger Neuanfang war die Auswanderung nach Norwegen aber nicht. Die Inauens hatten schon Freunde in der Hedmark und kannten die Region. Nun wohnen sie seit rund einem Jahr in der Ortschaft Grimsbu. Obwohl sein Norwegisch noch nicht richtig fliessend sei, fühle er sich sprachlich integriert, sagt Emil Inauen. Bisher sei in Norwegen alles rund gelaufen. «Wir hatten uns von Anfang an darauf vorbereitet, dass es ein böses Erwachen geben könnte», sagt er, «doch bis jetzt kam es nicht.»

Kein Extremsportler

Kompromisslosigkeit war schon früh ein entscheidendes Charaktermerkmal Inauens. In seiner Kindheit in Appenzell machte er bei Bergtouren mit der Familie Bekanntschaft mit dem Reiz, den eine solche Herausforderung mit sich bringt. Nach seiner Schreinerlehre reihte er Bergtour an Bergtour, begann mit dem Freeriding und anderen Extremsportarten – wobei er sich niemals als Extremsportler bezeichnen würde. «Extremsportler» klinge für ihn nach Kopflosigkeit und Wahnsinn. «Ich frage mich, ob es überhaupt Extremsportler gibt», sagt er, «denn je öfter man etwas macht, desto mehr relativiert sich das Ganze.» Die meisten so genannten Extremsportler wüssten genau, was sie tun.

Bei seinen Projekten war Emil Inauen immer wieder auf Sponsoren angewiesen, die ihn unterstützen. 1997 reichte es dann, um eine Profikarriere zu starten, damals noch als Freerider. In seinem Sport gebe es allerdings keine feste Trennlinie zwischen Amateur und Profi: «Zum Profi machen dich erst die guten Verträge.» Bis dahin hatte er schon unzählige Gipfel bestiegen, Steilwände auf Ski befahren und Madagaskar mit dem Rad durchquert. Als Profi war er dann unter anderem der erste Mensch, der alle 3000er-Gipfel Graubündens bestieg.

Ein erfolgreicher Zwerg

Bergsteigen und Skifahren betreibt Inauen heute nur noch hobbymässig. Mittlerweile lebt er vom Mushing. Seine ersten Schlittenhunde brachte er in den 1990er-Jahren aus Alaska mit in die Schweiz. Eigentlich habe er nie vorgehabt, mit ihnen Rennen zu bestreiten, sondern er wollte sie in seine diversen Projekte integrieren. Darunter fällt zum Beispiel seine Gesamtüberquerung der Alpen mit dem Hundeschlitten 2001, die vom Schweizer Fernsehen begleitet wurde.

Zwei Jahre später qualifizierte er sich für den Yukon Quest 2004, ein Rennen über rund 1600 Kilometer durch das kanadische Yukon und das amerikanische Alaska. Inauen stieg, gradlinig wie immer, gleich bei den Langdistanzrennen ein. Diese Etappenrennen verlangen Mensch und Hund alles ab. Sie können bis zu zwei Wochen dauern und dürfen nur mit einer beschränkten Anzahl Hunde bestritten werden. Die stärksten Hunde sind damit praktisch während des ganzen Rennens im Einsatz. Die Nächte müssen teilweise im Biwak verbracht werden, daher ist bei der Zucht darauf zu achten, dass die Hunde nicht nur schnell sind, sondern auch ihre Kälteresistenz bewahren. Inauen züchtet seine Hunde selbst und konstruiert Hundeschlitten, die er unter anderem an seine Konkurrenz verkauft. «Mit unseren 40 Hunden sind wir Zwerge in diesem Sport», sagt er, «andere haben bis zu 150.» Trotzdem zählt Inauen heute zur Weltspitze. Bei «La Grande Odyssee», einem 1000-Kilometer-Etappenrennen durch die französischen und Schweizer Alpen, klassierte er sich bei seiner ersten Teilnahme im Jahr 2005 als bester Europäer auf Rang sechs. Nach dem zweiten Rang 2008 konnte er in diesem Jahr zum ersten Mal diese «Tour de France» des Schlittenhundesports gewinnen, mit dem ersten Start-Ziel-Sieg in diesem Rennen überhaupt. Seine Frau Barbara erreichte mit einem Gespann aus jüngeren Hunden den zehnten Platz. Damit wurde sein Naturell, nie aufgeben zu wollen, belohnt und eine Theorie bestätigt: «Auf den Erfolg ist Verlass – er stellt sich immer ein, wenn man hartnäckig genug ist.»

Rückschläge wegstecken

Inauen konnte so zahlreiche Rückschläge wegstecken. Mehrere Male stürzte er beim Klettern ab oder wurde von Steinschlägen getroffen, stürzte beim Skifahren oder mit dem Hundeschlitten. Zweimal musste er deshalb während der «Odyssee» in aussichtsreicher Position aufgeben. Mit dem Sieg wurde Inauens Hartnäckigkeit nun belohnt und die Rückschläge machten ihn um eine Erkenntnis reicher: «Ein Projekt ist erst dann gescheitert, wenn man aufgibt.»


Leserkommentare

Anzeige: