Altersmediziner im Akutspital

ST. GALLER GEHEN BIS ZUM 79. ALTERSJAHR HÄUFIGER INS SPITAL ⋅ Die St. Galler Bevölkerung geht häufiger ins Spital als der Schweizer Durchschnitt. Ab dem 80. Altersjahr ist es umgekehrt – die Erklärung liegt wohl im ganzheitlichen St. Galler Modell der Akutgeriatrie.
26. September 2017, 07:10
Christoph Zweili

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Der Sturz in ihrem Wohnzimmer trifft Susann Tobler unerwartet. Ihre Tochter findet die St. Gallerin auf dem Boden liegend und ruft umgehend die Ambulanz, welche die Seniorin in den Notfall des Kantonsspitals fährt. Dort wird der 84-Jährigen ein Oberschenkelhalsbruch diagnostiziert, der sofort operiert wird. Einige Tage später wird sie in die Geriatrische Klinik der Ortsbürgergemeinde St. Gallen verlegt. Die Frau (der Fall ist frei erfunden) ist eine von derzeit ­jährlich rund 2700 St. Gallerinnen und St. Gallern, die in der Klinik und vier akutgeriatrischen Abteilungen der übrigen drei Spitalverbunde behandelt werden – davon sind 1700 Personen 80 Jahre alt oder älter. In der Klinik wird die Seniorin von einem interdisziplinären Team unter Führung eines Geriaters betreut: Abgeklärt wird, ob gleichzeitig weitere Krankheiten wie etwa Diabetes vorliegen, ob es Anzeichen auf Demenz oder auch psychosoziale Probleme gibt.

Insgesamt verbringt die Seniorin 20 Tage in Spital und Klinik. Das ist zwar fast dreimal so lang wie der durchschnittliche Aufenthalt in anderen Abteilungen, zahlt sich aber letztlich aus. Denn: Susann Tobler kann wie 7 von 10 Patienten wieder in ihr angestammtes Umfeld zurück – ohne weitere Hospitalisation, ohne Heimaufenthalt. Die akutgeriatrische Behandlung sei zwar etwas teurer, aber der langfristige Spareffekt im Vergleich zu einem langen Heim­aufenthalt dennoch gross, sagt Roland Unternährer, im kantonalen Gesundheitsdepartement zuständig für Spitalplanung. Diese Hüft- und Oberschenkelbrüche gehören zu den häufigsten Diagnosen bei älteren Patienten. «Hier kann ein Sturz ein sehr einschneidendes ­Erlebnis bedeuten», sagt Gabriela Bischofberger, Pflegedienstleiterin in der Geriatrischen Klinik. Oft könnten hochbetagte Menschen nach einem Akutspital-Aufenthalt nicht mehr nach Hause zurückkehren. Stattdessen müssten sie nach einer akuten Erkrankung oder einem Unfall ins Alters- oder Pflegeheim.

Zahl der 80-Jährigen im Kanton steigt rapide

Die Akutgeriatrie will genau das verhindern – sie wird im Zuge der demografischen Entwicklung immer wichtiger. Im Kanton St. Gallen steigt der Anteil der 80-Jährigen in der Bevölkerung rapide, 2015 waren es 23322 Personen, im Jahr 2025 werden es gemäss jüngsten Prognosen bereits rund 31500 sein: Das entspricht einer Zunahme von 36 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den ­Spitalaufenthalten: 2015 wurden 10457 Personen über 80 hospitalisiert, 2025 werden es 14337 sein.

Auf diese demografische Entwicklung hat der grösste Ostschweizer Kanton bereits 2005 mit einem Geriatriekonzept reagiert, angestossen vom ­ehemaligen Chefarzt der Geriatrischen Klinik, Christoph Hürny, und dem ehemaligen Kantonsarzt, Markus Betschart. Heute ist St. Gallen der einzige Kanton, der flächendeckend über spezialisierte akutgeriatrische Abteilungen in allen vier Spitalregionen verfügt – Herzstück ist die Klinik in St. Gallen, die als geria­trisches Kompetenzzentrum im Kanton fungiert. Inzwischen haben sich die regionalen Abteilungen emanzipiert: Sie verfolgen alle das Ziel, betagte und hochbetagte Menschen zum Beispiel nach einem Sturz mit nachfolgender Hüft- oder Knieoperation oder einem Schlaganfall wieder zu befähigen, nach Hause zurückkehren zu können. Das Angebot wird genutzt: Mit über 10 Prozent ist der Anteil von behandelten Personen ab 70 Jahren in Akutspitälern in keinem anderen Kanton so hoch wie im Kanton St. Gallen, schweizweit sind es erst etwas über 2 Prozent.

Auch Susann Tobler kommt dank einer Mischung aus spezialisierter Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, psychologischer Betreuung und Ernährungsberatung wieder auf die Beine. Für die St. Galler Gesundheitschefin Heidi Hanselmann ist der ganzheitliche Ansatz eine Erfolgsgeschichte: «Damit können Einweisungen in Alters- und Pflegeheime verhindert werden, und die Anzahl Rehospitalisationen im Akutspital lässt sich minimieren.» Die Regierungsrätin bezeichnet die Akutgeriatrie als «eine kostengünstige Investition mit grossem Mehrwert für die betroffenen Personen». In den anderen Kantonen befinde sich ein grösserer Anteil der über 70-jährigen Patientinnen und Patienten in den allgemeinen Abteilungen der Medizin und Chirurgie.

Die St. Galler sind nicht gesünder als die übrige Schweizer Bevölkerung. Im Gegenteil: Sie gehen sogar häufiger ins Spital – bis zum 79. Altersjahr. Dann ist es plötzlich umgekehrt. Dass die Akutgeriatrie für die Trendwende verantwortlich sei, lasse sich zwar nicht mit Zahlen belegen, «aber der Schluss liegt nahe», sagt Unternährer.

Pilotversuche am Kantonsspital und in Altstätten

Weitergehende Ansätze in der Altersmedizin sehen vor, dass ein Geriater bereits in der Notfallaufnahme zum Einsatz kommt, um bei hochbetagten Patienten Hinweise für die Behandlung zu geben und den Heilungsverlauf günstig zu beeinflussen. Im Kanton St. Gallen sind entsprechende Pilotversuche am Kantonsspital und im Regionalspital Alt­stätten geplant. «Die Behandlung von dementen Patienten im Akutspital aufgrund Begleiterkrankungen wird zur grossen Herausforderung», sagt Unternährer. Medizin und Pflege und Betreuung müssten besser darauf ausgerichtet werden. «Denkbar sind in Zukunft etwa Zimmer für Angehörige, die der dementen Person ein geordnetes Umfeld vermitteln sollen.»

Auch der Kanton Thurgau reagiert auf das steigende Risiko einer Spitaleinweisung mit zunehmendem Alter. Der Regierungsrat hat im März 2016 ein Geriatrie- und Demenzkonzept verabschiedet: «Im Schnitt werden dafür drei Millionen Franken pro Jahr investiert», sagt Susanna Schuppisser, stellvertretende Chefin im kantonalen Amt für Gesundheit. Aus dem umfangreichen Massnahmenpaket bereits umgesetzt sind die Akutgeriatrie und die Geriatrische Rehabilitation: Im Kantonsspital Münsterlingen gibt es 14 akutgeriatrische Betten, im Kantonsspital Frauenfeld ist die Akutgeriatrie analog zu Palliative Care als ­institutionalisiertes Angebot verfügbar.


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