Zuerst vergleichen, dann flirten

WATTWIL. Der Online-Dating-Markt in der Schweiz wächst stetig. Doch es gibt nicht nur seriöse Anbieter. Ein Wattwiler Unternehmen betreibt ein Portal, das die verschiedenen Dating-Sites vergleicht.
08. September 2014, 09:20
JANA RUTARUX

«Jeder zehnte Schweizer ist auf einer Dating-Website angemeldet», sagt Daniel Baltzer, Mitbegründer der Plattform singleboersen-vergleich.ch. Damit seien die Schweizer Spitzenreiter im Online-Dating. Gemäss Schätzungen von Baltzers Portal sind 72 550 St. Galler ledig, 57 300 davon sind auf Dating-Plattformen aktiv. Im Thurgau sind von 38 200 Singles rund 30 200 auf einem Portal angemeldet.

Der Ärger von drei Studenten

Die Idee für die Vergleichs-Website entstand 2003 während des Wirtschaftsinformatik-Studiums in Hamburg. Zusammen mit zwei Freunden wollte Daniel Baltzer einer enttäuschten Freundin im Liebesleben aushelfen. Sie meldeten die Unglückliche für 100 Franken auf verschiedenen Dating-Seiten an. «Es stellte sich heraus, dass viele Portale unprofessionell sind. Wir deckten auch gefälschte Profile auf. Das hat uns ziemlich geärgert», erzählt Baltzer. Kurzerhand erstellten die Freunde eine Bewertungs-Website. «Die Rückmeldungen waren enorm. Wir wurden darum gebeten, auch gute Portale vorzustellen.» Das Resultat war eine umfangreiche Vergleichs-Website, mit Tests und Bewertungen von Online-Dating-Angeboten sowie Ratschlägen für Einsteiger.

Baltzer zog vor neun Jahren von Deutschland nach Bütschwil. Heute führt er den Vergleichsdienst für die Schweiz von Wattwil aus mit drei Mitarbeitern. Von der Plattform kann Baltzer zwar nicht leben. Mit seiner Firma Metaflake ist er vor allem als Berater für Online-Marketing tätig. Am Herzen liegt ihm der Vergleichsdienst dennoch: «Die Sache ist es wert.»

Persönliche Qualitätskontrolle

Die Dienstleistung der Vergleichsplattform umfasst gemäss Baltzer eine «unabhängige, unparteiische und repräsentative Beurteilung». Für die Qualitätskontrolle sind Baltzers Leute selber verantwortlich: «Jeder Mitarbeiter muss sich einmal im Jahr mit jemandem aus dem Netz treffen.» Damit sich die Verabredung aber nicht zu viele Hoffnungen auf die Liebe des Lebens macht, werden beim Treffen die Karten sofort offengelegt. Gemäss der im August von Metaflake veröffentlichten Studie über den Online-Dating-Markt verzeichneten die europäischen Märkte erstmals Umsatzrückgänge. Die Schweiz zeigt eine andere Tendenz: Sowohl Nutzer als auch Umsatzzahlen steigen.

Schüchternheit als Grund

«Die Leute schämen sich nicht mehr für das Online-Dating», sagt Stella Zeco, Sprecherin des Dating-Portals Parship Schweiz. Auch Baltzer überrascht die Studie nicht: «Das liegt an der gesunden Wirtschaft, der erfolgreichen Bilanz der Portale und der Schüchternheit der Leute.» Vom sicheren Zuhause aus falle das Flirten viel leichter. «Gerade in der Anonymität des Internets verhalten sich Schweizer viel offener. Bei einem Treffen in der Öffentlichkeit würde ein Kennenlernen komplett anders ablaufen.»

Auch das Geld spielt laut Baltzer eine Rolle: Wer sich auf einem Dating-Portal anmeldet, gibt im Monat etwa 35 Franken aus. Ein Ausgang werde schnell deutlich teurer – auch wenn kein potenzieller Partner gefunden wurde. Beim Online-Dating bestehe letztlich aber die Gefahr, dass der erste Anblick im «echten» Leben anders sei, als man es sich vorgestellt habe, sagt Baltzer. «Der Blick in die Augen ist immer noch schöner als der Blick auf das Profilbild.»


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