"Wir backen kleinere Brötchen"

KEINE GROSSANLÄSSE ERWÜNSCHT ⋅ Nein zu Olympischen Winterspielen 2026 im Kanton Graubünden, Nein zu einer Expo 2027: In der Ostschweiz haben es Grossveranstaltungen schwer. HSG-Tourismusexperte Pietro Beritelli ortet eine gewisse Selbstzufriedenheit in der Bevölkerung. Zudem sei die Ostschweiz weniger urban.
13. Februar 2017, 16:14
Daniel Walt
Herr Beritelli, ein klares Nein zu Olympischen Spielen 2026 im Bündnerland – eine verpasste Chance für den Tourismus im östlichen Landesteil?
Pietro Beritelli: Wer glaubt, einzig mit Olympischen Spielen die Probleme im Tourismus zu lösen, ist blauäugig. Der Tourismus in den Schweizer Bergregionen leidet darunter, dass viele Menschen nicht mehr regelmässig Ski- oder Wanderferien machen und dass die Infrastruktur teils schon älter ist. Zudem ist der Wettbewerb mit grenznahen Regionen insbesondere wegen des starken Frankens schärfer geworden. Diese gravierenden Probleme können Olympische Spiele allein nicht lösen.
 
Alleine nicht – aber dazu beitragen, dass sich die Dinge wieder zum besseren wenden.
Beritelli: Das mag sein. Aber viele Gegner von Olympischen Spielen oder anderen grossen Sportanlässen sind überzeugt, dass solch riesige Investitionen mittel- bis langfristig gar keine Wirkung zeigen.
 
HSG-Professor Pietro Beritelli. Zoom

HSG-Professor Pietro Beritelli.

War das aus Ihrer Sicht der Hauptgrund für das klare Abstimmungsresultat im Bündnerland?
Beritelli: Das ist schwierig zu beurteilen. Klar ist: Bei den Gegnern solcher Grossanlässe hat vieles mit dem Thema Identifikation zu tun: Sie finden, dass der entsprechende Anlass nicht zu ihrer Region passt und wollen nicht, dass dafür Geld ausgegeben wird.
 
Grosse internationale Verbände wie das Internationale Olympische Komitee haben ein negatives Image. Das dürfte ebenfalls mitgespielt haben.
Beritelli: Eindeutig. Korruption, Dopingskandale und alleine schon der Verdacht, viele Vergaben von Grossanlässen seien ohnehin abgekartet, helfen nicht, ein Image aufzupolieren.
 
Vor dem Nein zu den Olympischen Spielen 2026 im Bündnerland ist in der Ostschweiz bereits die Idee einer Expo gescheitert – in einem sehr frühen Stadium. Weshalb haben es Grossanlässe in unserem Landesteil derart schwer?
Beritelli: Unserer Gesellschaft geht es wirtschaftlich gut, die Lebensqualität stimmt. Und wir sind es uns gewohnt, darauf zu achten, wofür wir Geld ausgeben.
 
Dann sind wir schlicht selbstzufrieden?
Beritelli: Vielleicht schon, ja. Viele Menschen sagen: Es passt doch so, wie es ist.
 
Unterscheidet uns das von anderen Landesteilen?
Beritelli: Wir in der Ostschweiz sind nicht träger als die Menschen in anderen Regionen. Es gibt überall initiative Leute, die etwas bewegen wollen. Was bei uns anders ist: Wir haben im Unterschied zur Region Zürich oder zur Westschweiz keine grossen Agglomerationen, sind weniger urban. Wir backen deshalb kleinere Brötchen, was Grossanlässe und die entsprechenden Investitionen angeht.
 
Nach dem zweiten Nein zu Olympischen Spielen im Bündnerland innert weniger Jahre dürfte der Zug für solche Anlässe in unserem Landesteil nun für längere Zeit abgefahren sein.
Beritelli: Das muss nicht unbedingt sein. Es gibt immer wieder initiative Leute, die sich sagen: "Jetzt versuchen wir es gleich nochmals!" Es wird allerdings immer schwieriger. Denn die Olympischen Spiele und der damit verbundene Aufwand werden ständig grösser – und die Anforderungen des Internationalen Olympischen Komitees an die Organisatoren immer höher.
 

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