Vom Plan einer Autobahn über den See

VERKEHRSPROJEKT ⋅ Aus heutiger Sicht schüttelt man ungläubig den Kopf: Jedoch planten Konstanzer Wirtschaftsvertreter in den 1960er-Jahren ernsthaft einen Tunnel oder eine Brücke über den Bodensee. Nicht nur Landschaftsschützer wehrten sich vehement.
12. Dezember 2016, 15:51
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Eine Autobrücke über den Bodensee? Unter Fünfzigjährige mögen kaum glauben, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren über solche Pläne diskutiert ­wurde. Tatsächlich wirkt die Geschichte, wenn sie jüngst im Zusammenhang mit den Ostschweizer Expo-Plänen oder der Entwicklung um Zollstellen, Fährverbindungen oder schnellere Züge in den süddeutschen Raum wieder einmal erwähnt wurde, wie ein moderner Mythos, den irgendjemand aus Jux in die Welt gesetzt hat. Dabei waren die Pläne, erst 1985 endgültig ad acta gelegt, jahrelang ein ernsthaftes Anliegen von Wirtschaftsvertretern im Raum Konstanz. An vorderster Stelle kämpfte Josef Hund (1915–1994), Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Konstanz und FDP-Kommunalpolitiker mit Doktortitel, für die Idee einer Autostrasse über den See zwischen Konstanz und Meersburg. Freilich blies ihm ein kalter Wind der Ablehnung entgegen, speziell von Seiten der Umweltschützer und der Stadtverwaltung, für die die Fähre eine wichtige Einnahmequelle war.

Eine 3,5 Kilometer lange Schwimmbrücke

Aus heutiger Sicht bedauert wohl niemand, dass die Pläne nie verwirklicht wurden. Doch was die «Schwäbische Zeitung» 2003 rückblickend einen «unreflektierten Fortschrittsoptimismus» nannte, entsprach dem Geist der Zeit. Josef Hund hatte eine Autobrücke bereits 1964 vorgeschlagen, vermutlich unter dem Eindruck der Seegfrörni vom Vorjahr, als auch für die Fähre wochenlang kein Durchkommen mehr war. Schon in jenen Jahren überführte diese bis zu 3000 Autos täglich. Manche Medien standen dem Vorhaben durchaus wohlwollend gegenüber, wie ein Artikel in der «Zeit» vom März 1971 belegt: «Dr. Hund kämpft mit Behörden, gegen alemannische Schwerfälligkeit und gegen res­taurative Landschaftsschutzverbände», heisst es darin. «Das Bundesverkehrsministerium hat ihn abblitzen lassen: kein Geld; die Südbadener überdenken das Vorhaben schon seit Jahren; die Landschaftsschützer fürchten Schlimmes: Die Brücke stelle die ‹Erholungsfunktion des Bodenseegebiets in Frage›.»

Die «Zeit»-Journalistin ist von der Idee begeistert: «Viele Gründe sprechen dafür, eine feste Landverbindung an der schmälsten Stelle des Schwäbischen Meeres zu schaffen.» Statt über eine halbe Stunde würde das Manöver höchstens zehn Minuten dauern und auch keine vier bis sechs Mark mehr kosten. Nachdem frühere Projekte einer Hängebrücke, einer Drehbrücke und sogar eines Seetunnels fallengelassen worden waren, stellte sie den jüngsten Plan der Studiengemeinschaft vor: «Zwischen Unteruhldingen und Allmannsdorf bei Konstanz soll eine Schwimmbrücke entstehen, die den See auf einer Breite von 3630 Metern überquert. 3430 Meter Brückenlänge sollen auf Schwimmkörpern lagern, die aus einzelnen Pontons bestehen, aus Stahlbeton gefertigt, vorgespannt, jeweils 100 Meter lang, 16 Meter breit und fünf Meter hoch. (...) Da die Schwimmkörper etwa drei Meter tief eintauchen würden, läge die Fahrbahn nur zwei Meter über dem See und würde, nach ähnlichen Erfahrungen in Amerika, das Landschaftsbild am wenigsten stören.» Zwar könne auf dieser Breite kein Schiff mehr passieren, heisst es weiter, doch seien Durchfahrten unter den bis zu 18 Meter hohen Brückenauffahrten an den steilen Uferrändern möglich. Die geschätzten Baukosten von hundert Millionen Mark würden gemäss Studienverfassern privat finanziert und über eine Maut (halb so teuer wie der Fährpreis) amortisiert werden.

Ein geteilter See zwecks einiger Minuten Zeitersparnis für Autofahrer? Die Antwort auf die – auch aus touristischer Sicht wahnwitzige – Idee gaben die Stadtwerke Konstanz mit dem steten Ausbau der Fährverbindung. Mittlerweile überqueren den See dort sechs Fähren jährlich über 60 000mal und befördern 1,4 Millionen Personenwagen. Hund und seine Gruppe bleiben als Zeitphänomen in vager Erinnerung. Zu Recht vergessen ist ihre Werbung: Laut dem Artikel der «Zeit» gab es Postkarten, «auf denen kaffeebraune Afrikanerinnen ‹Entwicklungshilfe› für die Bodenseebrücke sammeln». Unvorstellbar.


Leserkommentare

Anzeige: