Städter helfen im Wolfsrevier

WOLF ⋅ Alpen vor Wölfen zu schützen, ist aufwendig. Wo es an Personal fehlt, vermittelt Herdenschutz-Experte Bruno Zähner freiwillige Arbeitskräfte - im Projekt «Hirtenhilfe Schweiz». Vor allem Leute aus urbanen Regionen leisten solche Einsätze.
04. Juni 2016, 09:02
ADRIAN VÖGELE

Wenn hierzulande über Wölfe und Herdenschutz diskutiert wird, ist oft ein Graben zwischen Flachland und Berggebieten spürbar. Manche Städter sind der Ansicht, die Alpbewirtschafter würden zu wenig unternehmen, um Nutztierrisse zu verhindern. Manche Bergbauern wiederum werfen den Städtern vor, unrealistische Vorstellungen vom Zusammenleben von Mensch, Nutztier und Wolf zu haben.

Der gebürtige Ausserrhoder Bruno Zähner kennt beide Seiten – und er hilft mit, den Graben zu überbrücken. Der Landwirt, Schafzüchter und Herdenschutz-Experte hat 2011 die Vereinigung für ökologische und sichere Alpbewirtschaftung gegründet. Die Vereinigung organisiert im Projekt «Hirtenhilfe Schweiz» Freiwilligen-Einsätze auf den Alpen. Die Freiwilligen unterstützen die Hirten und Alpmeister, indem sie etwa Zäune bauen oder Schafe hüten. Zudem helfen sie, Konflikte zwischen Herdenschutzhunden und Wanderern zu vermeiden.

Kurzfristige Einsätze

Für die Einsätze melden sich vor allem Leute aus urbanen Regionen, die dem Wolf eher wohlgesinnt sind. «Das Leben auf der Alp hat eine gewisse Anziehungskraft», sagt Zähner. Ob aber jemand als Hirtenhilfe geeignet ist, zeigt sich jeweils im dreitägigen Einführungskurs im Frühling. Denn die Arbeit verlangt Ausdauer – körperlich und mental. Die Freiwilligen müssen auch zeitlich flexibel sein. «Man weiss nie, wo der Wolf auftaucht. Darum müssen wir die Helfer kurzfristig aufbieten können.»

Wer dann im Alpsommer einen ersten Hilfseinsatz geleistet hat, weiss aus erster Hand, was Herdenschutz bedeutet. «Das ist für die Teilnehmer sehr lehrreich», sagt Zähner. «Viele meistern die Herausforderung aber gut und stellen sich später für weitere Einsätze zur Verfügung.» Auch die Bergbauern lernen dazu. «Oft sind sie anfangs skeptisch gegenüber Hirtenhilfen aus dem Unterland. Manche sagen, sie wollten keine Wolfsbefürworter auf ihrem Betrieb», sagt Zähner. Doch jene, die den Schritt wagen und Hirtenhilfen anfordern, seien danach oft positiv überrascht. Wenn die Zusammenarbeit zwischen Bergbauer und Hilfskraft gut funktioniert, setzt sie sich nicht selten auch in späteren Jahren fort. «Die Bauern und die Freiwilligen organisieren sich dann selber, ohne unsere Vermittlung.»

174 Arbeitstage in einer Saison

Im vergangenen Jahr vermittelte die Hirtenhilfe 19 Freiwillige, die auf 16 Alpen in der ganzen Schweiz insgesamt 174 Arbeitstage leisteten. Dieses Jahr haben 17 Freiwillige am Einführungskurs teilgenommen. Zähner hofft, dass sich weiterhin genügend Kandidaten melden – und dass auch das Interesse der Alpwirtschaft an der Hirtenhilfe noch zunimmt. «Wir versuchen darum, das Projekt bekannter zu machen.» Auch die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden sei noch ausbaufähig. Pro Natura unterstützt das Projekt finanziell. Mit landwirtschaftlichen Verbänden und Organisationen ist Zähner im Gespräch, eine offizielle Unterstützung für die Hirtenhilfe gibt es von dieser Seite bisher jedoch nicht. «Es wird sehr schnell die Grundsatzfrage gestellt – für oder gegen den Wolf», sagt Zähner. Doch darum gehe es für ihn nicht. «Die Präsenz des Wolfs in der Schweiz ist nun mal eine Tatsache.» Anstatt darüber zu streiten, ob das gut oder schlecht sei, müsse man pragmatische Wege finden, mit der Situation umzugehen.

Der Wolf als Sündenbock

Zähner weiss, wovon er spricht: Er ist seit 2014 Pächter der Alp Zanai oberhalb von Valens – mitten im Wolfsrevier. Dort sömmert er jeweils 900 bis 1000 Schafe und etwa 100 Ziegen, mit Hirten und Herdenschutzhunden. Bisher habe es keine Risse gegeben.

Zähner räumt ein, dass es für kleinere Alpen schwieriger ist, ihre Herden vor Grossraubtieren zu schützen. «Ein Hirte kostet pro Saison etwa 20 000 Franken.» Das sei nur für Herden mit mindestens 500 Tieren finanzierbar. Dennoch: «Wenn eine Alp komplett aufgegeben wird, sind meist verschiedene Probleme im Spiel.» Wenn zum Beispiel ein älterer Alpbewirtschafter seine Arbeit schon länger nur noch mit Mühe bewältige, sei das Auftauchen eines Wolfs einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringe. «Und dann muss möglicherweise der Wolf als Sündenbock herhalten.»

Mehr Informationen unter www.hirtenhilfe.ch

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